Zeitung Heute : Netzagentur warnt vor Stromausfällen

Ein heißer Sommer könnte in Deutschland zu Engpässen führen / Vor allem in Frankreich fehlt Kühlwasser

Dagmar Dehmer Kevin Hoffmann

Berlin - Die Bundesnetzagentur hat eindringlich vor Engpässen bei der Stromversorgung in Deutschland gewarnt. „Die Tatsache, dass Deutschland mehr Strom exportiert, als es aus anderen Ländern importiert, sollte uns nicht in einer trügerischen Sicherheit wiegen“, sagte der Präsident der Behörde, Matthias Kurth, am Mittwoch in Bonn. Die Bundesnetzagentur untersteht dem Bundeswirtschaftsministerium und soll den Wettbewerb auf den Märkten für Strom, Gas, Telekommunikation, Postdienstleistungen und die Bahn vorantreiben.

Bereits jetzt belasteten Windkraftanlagen und auch der europaweite Stromhandel die Netze, sagte Kurth. Extremwetterlagen könnten die Situation noch verschärfen. Bei Schwachwindphasen drohe die Windstromerzeugung zum Erliegen zu kommen. Ein heißer Sommer könne zudem dazu führen, dass auch konventionelle Kraftwerke ihren Betrieb drosseln müssten. Bei derartigen Extremwetterlagen könnten auch die Nachbarländer betroffen sein. „Dann muss kritisch hinterfragt werden, ob es ratsam ist, sich gerade dann auf Lieferungen aus dem Ausland zu verlassen“, sagte Kurth.

Der Chefregulierer befeuert damit den Streit um den Neubau von Kraftwerken und stärkt in diesem Punkt die führenden Versorger RWE, Eon, Vattenfall und EnBW. Zugleich nimmt Kurth aber eben diese Konzerne mit in die Pflicht, indem er sich besorgt über den Zustand ihrer Leitungsnetze äußerte. Bereits vor einem Jahr hatte die Netzagentur die Betreiber aufgefordert, mehr in das Stromnetz zu investieren. Seither müssen ihr die Konzerne vierteljährlich Berichte zum aktuellen Stand von Bauvorhaben vorlegen. Doch auch jetzt stellte die Behörde wieder einen „erheblichen Ausbaubedarf“ fest. Aus den Quartalsberichten gehe hervor, dass es immer wieder zu Verzögerungen bei Bauprojekten komme.

RWE-Chef Jürgen Großmann hatte bereits vor mehrtägigen Stromausfällen im Sommer gewarnt und den Bau neuer Kraftwerke gefordert. In den vergangenen Monaten haben mehrere Versorger den Bau neuer Kraftwerke verschoben oder ganz abgesagt. Dabei führten die Konzerne meist explodierende Kosten oder politischen Widerstand als Gründe an.

Ob auf Deutschland tatsächlich schon in wenigen Monaten flächendeckende Stromausfälle zukommen könnten, ist umstritten. Der Saarbrücker Professor Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft weist darauf hin, dass im Sommer auch die Nachfrage nach Strom niedriger ist als im Winter. Zudem gebe es vor allem in Frankreich im Sommer Probleme mit fehlendem Kühlwasser. „Dort werden im Sommer reihenweise Atomkraftwerke abgeschaltet“, sagte Leprich dem Tagesspiegel. Deshalb werde gerade im Sommer mehr Strom von Deutschland nach Frankreich exportiert. Allerdings habe es im Hitzesommer 2003 auch in Deutschland deshalb Abschaltungen von Atomkraftwerken wie auch konventionellen Kohlekraftwerken gegeben. Die Forderung des RWE-Chefs Großmann, mehr Genehmigungen zum Bau von Kraftwerken zu erteilen, bezeichnete Leprich als Treppenwitz. „Das zeigt eindrucksvoll die Sackgasse, in der wir uns mit unseren Großkraftwerken befinden“, sagte er.

Zu den Plänen des Betreibers Eon, womöglich sein Stromnetz ganz zu verkaufen, hielt sich Kurth bedeckt. Er bestätigte, dass er von Investoren angesprochen wurde. Im Gespräch waren zuletzt auch ausländische Finanzinvestoren.

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