Zeitung Heute : Netze spinnen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Vor ein paar Jahren durfte ich mich in Kaliningrad als Praktikant versuchen, im Gegenzug kam ein Russe in den Westen. Eine prima Sache! Ich bin der Organisation, die den Austausch ermöglicht hat, sehr dankbar. Wie ich erfahren habe, gelte ich jetzt offiziell als „Kontaktmann“ für diese Organisation.

Neulich sollte ich mithelfen, eine große Ost-West-Vernetzungskonferenz zu planen. Beeindruckend, wie viele Menschen sich in Berlin dafür einsetzen! In meiner alten Basler Heimat war der Osten ja weit weg. Wenn wir übers „System“ gelästert haben, sagten die Lehrer: „Gong doch nach Moskau, wenn’s dr nid basst!“

Schon daher bin ich ein Freund der Ost-West-Vernetzung. Aber die Sitzung war anstrengend: Ich wurde etwa gefragt, wie es denn um die Vernetzung meiner Austauschorganisation im Internet stehe. „Weiß ich gar nicht“, sagte ich, „aber das Praktikum war spannend!“ Später ging es um Sponsoren. Ist mir spontan niemand eingefallen. Ich glaube, ich war den Kollegen keine große Hilfe.

Schließlich redete mir A. ins Gewissen: „Mir scheint, ihr von eurer Organisation solltet euch stärker vernetzen.“

Als die Sitzung endlich vorbei war, flitzte ich zurück ins Büro, um ein Interview abzutippen. Ich hatte eine Forscherin gesprochen, die in Massengräbern arbeitet. Doch irgendwas war seltsam: „When I was in Kouosaeuhvahoooh eanaghauouowaiiiiea...“, erklang ihre Stimme aus dem Kopfhörer. Mein Aufnahmegerät ist etwas betagt und leidet unter Laufschwankungen. Vielleicht könnte man diese Urlaute sampeln, dachte ich, mit DJ BoBo unterlegen und Ruslana dazu tanzen lassen auf der Ost-West-Vernetzungskonferenz?

Doch was wird aus meinem Interview? Zum Glück verwendet M. das gleiche steinzeitliche Aufnahmegerät-Modell wie ich. Wobei seines nur beim Abspielen spinnt. Und, kaum zu glauben, die Laufstörungen gleichen sich gegenseitig aus! Seit ich die Bänder mit M.s Gerät abhöre, verstehe ich fast alles.

Man kann über Sitzungen sagen, was man will: Ein gutes soziales Netzwerk ist unersetzlich!

Für Menschen ohne enges soziales Netz empfiehlt sich ein neuer Minidisc-Walkman. Erhältlich etwa im Sony Center am Potsdamer Platz.

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