Zeitung Heute : Netzgemeinde Oberhambach: Ein ganzes Dorf geht online

Thomas Struk

Einen Computer wünscht sich in der kleinen rheinland-pfälzischen Gemeinde Oberhambach zu Weihnachten bestimmt niemand mehr: Zehn Tage vor dem Fest steht in jedem der 145 Haushalte ein multimediafähiger Rechner. Das 279-Einwohner-Dorf in der Nähe von Idar-Oberstein ist die erste Internet-Gemeinde Deutschlands. Ein Jahr lang können die Dorfbewohner kostenlos im Internet surfen und sich dabei Lebensmittel aus der zwölf Kilometer entfernt liegenden Kreisstadt Birkenfeld bestellen. Hier macht das World Wide Web wirklich Sinn: Seit Mitte der 60er Jahre gibt es in dem Dorf keinen Einkaufsladen mehr, und auch die Gaststätten - abgesehen von der "Glockenstube" - haben mittlerweile dicht gemacht.

Kurz nach der Verteilung der Computer und ISDN-Anlagen macht sich in Oberhambach aber noch keine Internet-Euphorie breit. "Wir müssen erst einmal abwarten und ins Internet reinkucken", sagt der 67- jährige Kurt Mayer, dessen neuer Rechner noch unberührt auf dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers steht. "Das ist wie mit einem Bonbon, das man erst einmal schmecken muss." In der kommenden Woche ist Mayers Computer online. Oberhambacher Schüler - so genannte IT-Scouts - werden die Rechner anschließen und Mayer und den anderen Dorfbewohnern während des einjährigen Projekts mit Rat und Tat zur Seite stehen. Initiator des "vernetzten Dorfs" ist der gemeinnützige Verein "BIR inform" aus Birkenfeld, den die Landesregierung für sein Internet-Projekt mit 300 000 Mark auszeichnete.

Während der Weihnachtszeit sollen sich die Bewohner mit den von einer Computerfirma kostenlos gelieferten Rechnern vertraut machen und dann zu Beginn des neues Jahres das Internet entdecken, hofft "BIR inform"-Geschäftsführer Dirk Schmitt. Das Medieninteresse an dem Online-Dorf ist riesengroß. Als der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hans-Arthur Bauckhage vor ein paar Tagen die ersten Computer auslud, waren mehrere Fernsehteams in der Internet-Gemeinde vor Ort, so Schmitt. Bis Mitte Januar werde eine Internet-Seite mit virtueller Einkaufsstadt und Rathaus aufgebaut, die die Oberhambacher mit rund 30 Geschäften und Behörden verbindet.

Doch schon jetzt bekommt Schmitt jeden Tag zahlreiche Anfragen, welche Möglichkeiten das für viele Dorfbewohner noch unbekannte Internet bietet. Einige Menschen hätten das Projekt allerdings von vornherein abgelehnt. Es gibt Berührungsängste. "In meinem Alter will ich mich mit dieser Technik nicht mehr auseinander setzen", hieß es in rund 20 Haushalten. Dabei sind es gerade die älteren Menschen, deren Internet-Nutzung im Mittelpunkt von Schmitts Interesse steht.

Mit Umfragen soll alle drei Monate überprüft werden, wie sie die neue Technik annehmen und ob das Internet in der ländlichen Region überhaupt eine Chance hat. Zumindest eine Hürde für die Nutzung des neuen Mediums - die Kosten - haben die Projekt-Initiatoren mit Hilfe von Sponsoren aus dem Weg geräumt.

Der stellvertretende Bürgermeister von Oberhambach, der 69-jährige Alfred Gisch, hält das Projekt für "auf jeden Fall vorteilhaft". Ob er sich Fleisch und Wurst demnächst im Internet bei seinem Metzger bestellen wird und ausliefern lässt, glaubt er aber nicht: "Es ist doch besser, wenn man das Fleisch beim Kauf selbst sieht." Bei der Kreissparkasse will der Bürgermeister aber schon das eine oder andere Geschäft online erledigen.

Wegen der schlechten Busverbindungen haben sich viele Oberhambacher bisher von Bekannten oder Verwandten ihre Lebensmittel besorgen lassen. Ob sie dies demnächst per Mausklick erledigen, weiß zurzeit auch Projekt-Initiator Schmitt noch nicht. Immerhin gibt es auch keine Post und keine Apotheke in dem Dorf. Wenn das Leben in Oberhambach so weiter gehe wie bisher, sei das auch ein brauchbares Ergebnis der Multimedia-Initiative, meint er. Und ob die virtuelle Einkaufsstadt auch ein Vorbild für andere deutsche Gemeinden ist, werde sich zeigen.

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