Zeitung Heute : Netzwerke für Gewaltopfer

Die KHSB forscht zu den Folgen von Kriegen und traumatischen Erlebnissen

Harald Olkus

An der Katholischen Hochschule für Sozialwesen (KHSB) steht auch die Forschung ganz im Zeichen der Internationalisierung. Von der Europäischen Union finanziert wird das Projekt „Tents“, dessen Teilnehmer derzeit ein europaweites Netzwerk für traumatische Stressbewältigung aufbauen. Geholfen werden soll Opfern von Gewalteinwirkungen wie Vergewaltigungen, Übergriffen, Terroranschlägen, Naturkatastrophen oder Verkehrsunglücken. Zugleich dient es der wissenschaftlichen Erforschung einer möglichst optimalen Verarbeitungspraxis.

„Wir wollen neben der Traumabehandlung alternative Lösungen zur Stärkung eigener Ressourcen – sei es von einzelnen oder Gruppen – fördern“, sagt KHSB-Professor Norbert Gurris, früher Psychotherapeut im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer und Fachmann für die Erforschung von Traumabewältigung. „Das kann durch Selbsthilfe, Trauerrituale und Angehörigenarbeit geschehen. In Schweden haben Hinterbliebene von Tsunami- Opfern zum Beispiel Trauerzüge organisiert. In Ramstein haben Überlebende und Angehörige kürzlich einen Gedenkstein enthüllt.“ Mit Hilfe solcher Aktionen werde der Verlust nicht tabuisiert, sondern könne als Bestandteil des Lebens akzeptiert werden.

Welche Handlungen und Rituale sind hilfreich, wie können die Opfer psychologisch und sozial gestärkt werden? „Das sind die Fragen, die wir uns stellen“, sagt Gurris. „Und wir wollen auf verschiedenen Ebenen – staatlich, regional und individuell – Netzwerke bilden, und erfolgreiche Verarbeitungsstrategien ausarbeiten.“ In Berlin will man in einem Pilotprojekt unter anderem mit Polizei, Feuerwehr und BVG zusammenarbeiten, die ihrerseits gute Erfahrungen mit Traumabewältigung haben.

Ein zweites Projekt, dessen Finanzierung durch die EU noch aussteht, betrifft die Forschung zu den langfristigen Auswirkungen von Kriegen und Bürgerkriegen. Die Vorbereitungen zu „Decide“ laufen bereits seit zwei Jahren – gemeinsam mit Universitäten in Zagreb, Wien, Sarajewo, Klagenfurt, Utrecht, Ulm und Stockholm „Wir konzentrieren uns insbesondere auf Flüchtlinge des Balkankriegs“, sagt Gurris. Die wichtigsten Fragen, die sich hier stellen, sind: Was tun die Flüchtlinge, um auch nach Ablauf der Frist im Gastgeberland bleiben zu können, welche gesellschaftlichen und sozialen Folgen hat das? Wie laufen Repatriierungs-, also Rückführungsmaßnahmen, und welche sozialen, psychologischen und medizinischen Auswirkungen haben sie? Was ist der Preis – aber auch der Gewinn für die Aufnahmeländer?

In Deutschland habe man weitgehend auf die Kosten für die Aufnahme der Flüchtlinge geblickt und eventuelle Gewinne gar nicht in Betracht gezogen, so Gurris. Während in anderen Ländern Integrationsbemühungen im Vordergrund standen, habe man hierzulande der Repatriierung den Vorrang gegeben. „Und erhöhte den Druck auf die Flüchtlinge zur Rückkehr“, sagt der Professor. Das Bleibenwollen führe zu illegalen Beschäftigungen und zu Stress, der sich häufig in Krankheiten äußere; beides belaste unser Sozial- und Gesundheitssystem.

Gewinne, die eine Gesellschaft aus den integrierten Flüchtlingen ziehen könne, würden nicht in Betracht gezogen, kritisiert Gurris. „Beispiel ,Brain-Drain‘: Viele junge Flüchtlinge sind, statt zurückzukehren, nach Kanada, Nordamerika oder Australien gegangen und dort sehr erfolgreich.“ Die Kinder von traumatisierten Flüchtlingen seien häufig besonders motiviert und müssten früh Verantwortung übernehmen. „Die Leistungsbereitschaft und die Intelligenz dieser Menschen geht uns verloren.“

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