Zeitung Heute : Neu beginnen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

Bananen schmecken nicht. Diese klebrige gelbe Masse zwischen den Zähnen, diese fahle Süßlichkeit auf der Zunge. Igitt! Nach Bananen habe ich mich nie gesehnt, auch nicht in der DDR-Zeit, die ja bekanntlich vom Südfrüchtemangel geprägt war. Wegen der Bananen wollte ich die deutsche Einheit nicht. Als ich am 10. November 1989 im Wedding mein Begrüßungsgeld bekam, bin ich in einen Gemüseladen gegangen und habe mir eine Kiwi gekauft. „Wie muss ich die denn kochen?“, habe ich den türkischen Verkäufer gefragt. Der Türke hat gelacht. An diesem Tag fing ein neues Leben für mich an. Ein Leben der täglichen Entdeckungen.

Vergangene Woche habe ich wieder neu angefangen: Ich bin umgezogen, und da habe ich zum Abschied von meiner alten Nachbarschaft noch eine Banane gegessen; die war aufgebacken und mit Honig überzogen. Ein netter Thailänder hat sie mir an den Tisch gebracht, im Imbiss „Baan-Thai“ am nördlichen Ende der Schönhauser Allee. Aus Nostalgie habe ich mich in diesen Laden gesetzt, der mich in den vergangenen Jahren immer mit Suppe und Entenfleisch versorgt hat, wenn mein Kühlschrank leer war. Diesmal blieb ich eine ganze Stunde lang, sah den Thais beim Kochen zu und gönnte mir am Ende noch ein Bananen-Dessert – was anderes Süßes gab es nicht. Am nächsten Morgen zog ich weg von der Schönhauser Allee.

Eine Woche hatte ich mir frei genommen, um Abschied vom alten Leben zu nehmen. Ich trank einen Kaffee „Mocha“ im Erdgeschoss der Schönhauser Allee Arcaden und freute mich darüber, dass die Bedienung auch an diesem Tag nicht wusste, ob man dieses sachlich-süße Getränk „Kaffee Motscha“ nennen soll oder „Kaffe Mocka“. Danach schaute ich nochmal in dem kleinen Hutladen neben der Sparkasse vorbei, in dessen Schaufenster im Winter Sonnenhüte verstauben, und in dem alte Damen an alten Kurbeln drehen, um die Kasse zu öffnen. Dann aß ich noch, ja auch das musste sein, eine Kettwurst am S-Bahnhof. Eine Kettwurst ist die ostdeutsche Variante des Hot-Dog, allerdings nur mit Wurst und Brot und sonst gar nichts. Mir hat diese Übersichtlichkeit immer gefallen, und vielen anderen auch. Sogar Günter Gaus, der westdeutsche Diplomat, der noch heute vom Osten schwärmt, hat früher an der Schönhauser Allee gerne Kettwurst gegessen.

So verträumte ich die Zeit. Am Wochenende kam der Möbelwagen mit der aufgemalten Robbe, und zehn Freunde standen vor der Tür. Sie stemmten sich mit all ihrer Kraft gegen meinen alten Schreibtisch mit seinen, Achtung Nostalgie!, schweren gusseisernen Türen.

Jetzt habe ich mein altes Leben hinter mir gelassen. Ich entdecke neue Dinge, die es in der Schönhauser Allee nicht gab: Bäume, Stille, Langsamkeit. Das tut gut. Manchmal denke ich noch, nostalgisch wie ich bin, an die aufregende Allee zurück. Und an den Thai, der mich das Banane-Essen gelehrt hat.

Literatur für Nostalgiker: Günter Gaus – Wo Deutschland liegt (Verlag Hoffmann und Campe, 1983); Essen für Belehrbare: Baan-Thai, Thailändischer Imbiss in der Schönhauser Allee 104.

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