Zeitung Heute : Neu-Berliner treffen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Kürzlich konnte man in einer Berliner Statistik lesen, dass seit Mauerfall über eine Million Menschen neu in die Stadt gezogen sind. Viele kamen zum studieren, manche wegen des Regierungsumzugs, einige, weil das Berliner Nachtleben enorme Freiräume bietet. Das macht sich auch bei Abendeinladungen bemerkbar. Denn eines der wohl dauerhaftesten Gesprächsthemen bei Dinner-Veranstaltungen, an denen Akteure aus der Berliner Clubszene teilnehmen, ist, welcher DJ oder Musikproduzent denn zuletzt nach Berlin gezogen ist. Ein Satz wie „Schon gehört? DJ XY wohnt jetzt auch hier“, macht häufig die Runde. Man redet gerne darüber, weil die Namen immer interessanter werden: Letztes Jahr zog der kanadische Techno-Großmeister Richie Hatwin an die Spree, im Januar verlegte die Wiener Downtempo-Ikone Rodney Hunter sein Studio nach Berlin, und kürzlich packte die Münchner DJ-Prinzessin Acid Maria Plattenkoffer und Laptop zusammen und verlegte ihren Wohnsitz nach Berlin.

Im Falle Acid Maria macht sich ihr Umzug gleich in der häufigeren Präsenz ihres Namens in Berliner Clubs bemerkbar. Heute Abend spielt sie etwa im F.U.N., in der Brunnenstraße in Mitte. Moment, werden Sie jetzt vielleicht kurz denken: Acid Maria im F.U.N.? Wie das? Nun, die ehemalige Love Parade und Mayday-DJ-Lady hat ihr musikalisches Profil in letzter Zeit deutlich verändert. War zu Hochzeiten des Rave ihr Motto noch: Techno - schneller, härter, lauter, präsentierte sie im letzten Jahr mit ihrer Doppel-Mix-CD „Welttour“, die sie mit ihrer langjährigen DJ-Freundin Electric Indigo bespielte, eine geschmeidige Auswahl von Minimal House und funky Electro, angereichert mit verschiedenen elektronischen Geschmacksvariationen.

Kürzlich erzählte eine Freundin, sie habe Acid Maria auflegen gehört, und sie hätte viele, von Achtziger Jahre-Sounds inspirierte Wave-Scheiben, und rockigen Disco-Dub gespielt. Eine Entwicklung, die man übrigens auch bei anderen Plattendreher beobachten kann, die früher Techno spielten und die heute eher freestylig auflegen zwischen New Wave, Electro und Disco-Punk. Dies gilt aber vor allem für DJs, die nach Berlin gezogen sind. Kaum in der Stadt, beginnt man schon nach einigen Monaten bei den Neu-Berlinern zu hören, dass sie durch den Sound der lokalen Clubs und die Auswahl in den Plattenläden beeinflusst werden. So geschehen zum Beispiel auch bei Tiefschwarz, den DJ-Brüdern Ali und Basti Schwarz aus Stuttgart, die vor zwei Jahren in die Hauptstadt zogen. Mehr als ein Jahrzehnt waren sie berühmt für Black Music und House (ihr Künstlername war Programm), seit ihrem Umzug nach Berlin schippern sie eher in dubbigen Electro-Fahrwassern, sind aber plötzlich weltweit gefragt als Remixer und DJs. Macht „La Capitale Mondiale d’Electro“, wie das französische DJ-Magazin „Trax“ in seiner aktuellen Ausgabe Berlin bezeichnet, aus zugezogenen Plattendrehern Weltstars? Hören wir, welche Musik Acid Maria uns heute kredenzt. Vielleicht können wir im F.U.N. die nächste globale DJ-Playerin aus Berlin hören.

Acid Maria im F.U.N., Brunnenstraße 154, Mitte, heute, ab 23Uhr.

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