Zeitung Heute : Neubeginn in Berlin: Frank Steffel - Das Kraftwerk von Frohnau

Bernd Matthies

Möglicherweise erklärt allein schon das dpa-Foto, warum Frank Steffel als CDU-Spitzenkandidat in den kommenden Berliner Wahlkampf ziehen wird. In der Mitte Eberhard Diepgen - der wird nicht mehr gebraucht. Links Finanzsenator Peter Kurth, runde Brille, die schmalen Lippen fest zusammengepresst - ein gestresster Aktenverwalter. Rechts Steffel, grimmig dräuend, die Lippen aufgeworfen - ein Kraftkerl, ein Macher mit Potenzial. So einen mögen die Berliner Christdemokraten. Einen, der nicht schon von weitem wie ein Berufspolitiker aussieht, einen, der die letzten noch frei herumlaufenden Kommunisten nicht als interessante Gesprächspartner hofiert, sondern mit dem Flammenschwert aus der Stadt jagt, einen der so aussieht, als würde er notfalls allein den wackligen Karren seiner Partei vor der heranfliegenden 30-Prozent-Grenze herumwerfen. Viele Beobachter des scheidenden Senats konstatieren schon seit Monaten, dass wichtige Politiker der Koalition, von SPD und CDU gleichermaßen, bleich und schmal in ihren einst stramm sitzenden Anzügen stecken; Steffel tendiert eher in die andere Richtung. Wenn er im teuren "Guy" am Gendarmenmarkt mit seiner Frau und ein paar Freunden Lammrücken isst, dann sieht man, dass es ihm schmeckt.

Steffel ist die große Hoffnung der notleidenden Berliner CDU. Seit gestern heißt es, dass der 35-jährige promovierte Kaufmann nach dem nahezu selbstverständlich absolvierten Sprung zum Fraktionsvorsitz einen weiteren wichtigen Karriereschritt getan habe: "Frank, Sie müssen es machen!", soll Helmut Kohl anlässlich eines ersten Treffens gesagt haben, behauptet die "Bild"-Zeitung; eine offizielle Bestätigung von Seiten Kohls gibt es dafür freilich nicht. Aber dies ist ohnehin vermintes Gelände, denn Angela Merkel schien eher dem liberaleren Peter Kurth zuzuneigen, auf den ohnehin alles deutete, bevor Steffel seinen blitzartigen Aufstieg begann. Für den Anfang reicht es zu wissen, dass Klaus Landowsky ihn als seinen politischen Erben betrachtet.

Alte CDU, neue CDU

Ein paradoxer Aufstieg. Denn einerseits ist Frank Steffel der wohl profilierteste Vertreter der jungen Generation der CDU, ein Nachwuchsmann, der den Bruch mit den Landowskys und ihren Seilschaften zumindest vom Lebensalter her glaubhaft machen kann. Andererseits ist er ein typisches Produkt des alten West-Berliner CDU-Milieus: Frohnau, der hohe Norden der Stadt, ist traditionell eine Hochburg der Christdemokraten, eine Gegend, von der Spötter sagen, es würde durchaus reichen, wenn die CDU einen Besenstiel als Wahlkreiskandidaten nominierte; 60 Prozent waren in Wahljahren immer drin, mehr als irgendwo anders in der Stadt. Der Frohnauer Wahlkreis gehörte eine kleine Ewigkeit Edmund Wronski, dem langjährigen CDU-Arbeitssenator. Als dieser aus Altersgründen abtrat, wurde Steffel ganz selbstverständlich sein Nachfolger, und das mit ähnlich starken Zahlen.

Der Ortsteil Frohnau ist Steffels eigentliche Heimat, der Bezirk Reinickendorf seine politische. 1982 trat er als 16-jähriger Schüler unter dem Eindruck von Helmut Kohls Aufgalopp und Richard von Weizsäckers Berliner Arbeit in die Junge Union ein, ein Jahr später in die CDU. Während des Betriebswirtschaftsstudiums, das er in Rekordzeit absolvierte, ließ er sich als Reiseleiter in Südafrika und den USA Weltluft um die Nase wehen, übernahm dann die Raumausstattungsfirma seiner Eltern, stieg zunehmend in die Bezirkspolitik ein. Viel war nicht los mit den Reinickendorfer Christdemokraten damals, denn die Wähler der nördlichen Villenviertel allein reichten zunächst nicht aus, um die Sozialdemokraten aus dem Rathaus zu jagen.

Doch Steffel mischte die Truppe auf und zog die Fäden im Hintergrund. "Eine Hardliner-Truppe war das", erinnert sich Oliver Schruoffeneger, als AL-Bezirksverordneter damals einer der politischen Kontrahenten Steffels, "Inhalte interessierten die nicht, die wollten an die Fleischtöpfe." Auf diese Zeit geht der Ruf Steffels als rauer Zwischenrufer zurück, der ihm bis heute anhängt. Die heftig umstrittenen Verhandlungen der Reinickendorfer CDU mit den Bezirksverordneten der Republikaner führten schließlich dazu, dass Marlies Wanjura von der CDU den SPD-Mann Detlef Dzembritzki als Bezirksbürgermeister verdrängen konnte. Einige gestandene, machttaktisch weniger flexible Konservative verließen damals entnervt die CDU-Fraktion und schlugen sich parteilos durch, doch Steffels junge Leute zielten längst höher, klug genug, sich nicht im kommunalen Kleinkram zu verschleißen; offenbar zogen sie früher als andere die Konsequenz aus der nahe liegenden Erkenntnis, dass selbst die Ära Diepgen irgendwann einmal enden würde. So konzentrierte sich Steffel ganz auf den Sprung ins Abgeordnetenhaus, den er 1991 schaffte.

Dass sich Steffel dort als Rüpel von der letzten Bank profiliert habe, ist die einhellige Lesart des politischen Gegners. Seine Parteifreunde haben es möglicherweise eher als erfrischend empfunden, dass da einer aus der Position wirtschaftlicher Unabhängigkeit heraus stets seine Meinung sagte, unverblümt und ohne Rücksichtnahme auf Konventionen. Man nimmt ihm zumindest ab, dass seine Attacken auf die PDS, gespeist aus dem Denken und dem Vokabular des Kalten Krieges, nicht das Ergebnis eines riskanten Profilierungskalküls sind, sondern der ureigenen Überzeugung entspringen. In Gesprächen teilt Steffel gern und mit einer Mischung aus Bedauern und Stolz mit, dass ihn dieses Beharren reichlich Geld koste: "Mit dem CDU-Heini wollen wir kein Geschäft machen", habe ihm ein Kunde beispielsweise einmal gesagt. Aber in der Partei kommt es an, dass sich einer nicht wirklich um Ämter reißt, weil er auch ohne Ämter immer noch ein erfolgreicher mittelständischer Kaufmann ist - mit 300 Mitarbeitern, die sich, wie man immer wieder hört, in der Firma wohl fühlen. Nennt ihn einer abschätzig "Teppichhändler", wird er sauer - 150 Millionen Mark Jahresumsatz macht man nicht im Eckladen und nicht mit den krummen Touren, die das Spottwort nahelegt.

Statussymbole

Neben dem parlamentarischen Raufbold gibt es also offenbar noch einen anderen Steffel, der zuhören kann, der zu motivieren und zu verhandeln versteht, und er wird in Zukunft sicher vor allem daran gemessen werden, ob er diese Eigenschaften in den Vordergrund rücken kann. Die einschlägig bekannten Profis denken darüber bereits intensiv nach. Wie es scheint, hat man sich im Expertenkreis unter sanftem Druck der erfinderischen Boulevardpresse darauf kapriziert, Steffel zu einem flotten Freiheitskämpfer, einem "Kennedy von der Spree", zu stilisieren, eine Assoziation, die schon wegen der eleganten, an den richtigen Stellen sanft ergrauenden Haarpracht des Kandidaten nahe liegt. Es wird deshalb nötig sein, ihn für Fernsehauftritte noch besser zu präparieren, und auch seine Neigung, im Eifer in prägnanten Berliner Dialekt abzurutschen, müsste noch abgeschliffen werden - zu groß wäre sonst die Kluft zwischen akustischer und optischer Erscheinung.

Ebenfalls kennedyhaft ist seine starke Neigung zu Statussymbolen, die der Diepgen-Generation eher peinlich gewesen wäre, im heutigen Berlin offenbar aber kaum noch Widerstand provoziert: Die Cartier-Uhr, die ewige Sonnenbräune, der 7-er BMW, die "FS"-Monogramme an der Hemdbrust, all das wirkt noch immer etwas exotisch im klassischen CDU-Milieu, dessen Markenzeichen bislang eher Bier und Bockwurst waren, vorsichtshalber. Sein Gegenspieler Klaus Wowereit, ebenfalls stets elegant gekleidet, ebenfalls Golfspieler, hat sich SPD-konform zu einem Opel Astra als Privatwagen bekannt - das würde Steffel ganz sicher als unter seiner Würde ansehen.

Was allerdings das öffentliche Privatleben angeht, steht Steffel noch am Beginn eines Lernprozesses. Als stellvertretender Fraktionsvorsitzender war er ausschließlich für die politischen Journalisten interessant, als Fraktionschef und wahrscheinlicher Spitzenkandidat richten sich plötzlich die Blicke der ganzen Stadt auf ihn. So schnell, man mag es ihm glauben, sollte der Aufstieg nach ganz oben nicht gehen, "das war in meiner Lebensplanung nicht vorgesehen". Will sagen: der Zeitpunkt. Denn dass Frank Steffel irgendwann in seiner Reinickendorfer Zeit die Chancen abgeschätzt hat, in der CDU ganz nach oben zu kommen, ist mehr als wahrscheinlich. Allerdings wäre er lieber in einer Situation mit mehr Aussicht auf Erfolg angetreten, denn die Prognosen sehen nicht so aus, als müsse sich Berlin auf einen Regierenden Bürgermeister namens Steffel vorbereiten. Aber er hat oft genug bewiesen, dass er nicht nur früh starten, sondern auch lange durchhalten kann.

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