Zeitung Heute : Neue Chancen

Fernstudiengänge bieten auch Menschen mit Behinderung viele Möglichkeiten.

Foto: Forum Distance-Learning
Foto: Forum Distance-Learning

Beate Steitz hat vor zwei Jahren ihren „Oscar“ bekommen: Die ausgebildete Telefonistin, die von Geburt an blind ist, wurde mit dem Studienpreis Distance-Learning ausgezeichnet – in der Kategorie „Lernen mit Handicap“.

„Behinderte müssen deutlich mehr leisten als Nichtbehinderte, um genauso ernst genommen zu werden“, sagt die 40-Jährige, bevor sie den Hörer kurz zur Seite legt und einen Besucher begrüßt. Sie arbeitet als Telefonistin und Schreibkraft bei der Verbandsgemeinde Winnweiler nahe Kaiserslautern. Bei der Studiengemeinschaft Werner Kamprath Darmstadt (SGD) hat sie sich zunächst zur Managementassistentin weitergebildet, anschließend einen Spanisch-Kurs besucht und zuletzt Rhetorik studiert.

Als Hilfsmittel nutzte die routinierte Fernlernerin etwa ein Übersetzungsprogramm, das Texte in Brailleschrift umwandelt. Außerdem hat Beate Steitz einen Scanner, über den sie gedruckte Texte digitalisieren und umwandeln kann. Die Technik hat ihr geholfen, trotzdem hat sie ihr auch viel Geduld abverlangt: Während des Studiums hat sie manchmal wochenlang Material gescannt, bevor sie den Stoff lernen konnte. „Wenn die Hilfsmittel nicht ausgereicht haben, hat mir aber auch eine Freundin geholfen.“ Im Moment macht Beate Steitz keinen Kurs, und beruflich konnte sie ihre Weiterbildungen bislang leider nicht nutzen. Aber über die zwei Kilo schwere Auszeichnung freut sie sich immer noch.

„Nahezu jeder Fernlehrgang beziehungsweise Fernstudiengang ist für Menschen mit Behinderung geeignet“, sagt Martin Kurz, Präsident des Forums Distance-Learning. Die Lernmethode mache eine zeit- und ortsunabhängige Bearbeitung der Studieninhalte möglich und lasse sich so an die Lebensbedingungen anpassen. Mit dem Preis, den Beate Steitz bekommen hat, will der Verband auf die besondere Lernsituation von Menschen mit Behinderung aufmerksam machen und andere Betroffene ermutigen.

Auch viele Studenten an der Fernuniversität Hagen haben ein Handicap. 2010 machte ihr Anteil rund 16 Prozent aus – das entspricht rund 11 000 Immatrikulierten. Ermittelt hat dies Frank Doerfert, Senatsbeauftragter für Behinderte und chronisch kranke Studierende, in einer schriftlichen Befragung. Diese Studenten können vom gesetzlich vorgeschriebenen Nachteilsausgleich Gebrauch machen: Je nach Einschränkung können Klausurzeiten verlängert, mündliche durch schriftliche Prüfungen ersetzt oder Arbeiten zu Hause geschrieben werden. Außerdem gibt es Sonderregelungen für die Betreuung durch Mentoren.

Blinden und sehbehinderten Menschen macht das Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) ein großes E-Learning-Angebot. „Die Plattform ist bewusst einfach strukturiert und deshalb besonders benutzerfreundlich“, sagt Monika Weigand, die beim BFW als Telecoach im Bereich Wirtschaft arbeitet. Neben „Englisch am Telefon“ können die Teilnehmer Bewerbungstrainings absolvieren, Office-Anwendungen, Programmiersprachen, Arbeitsvertragsrecht und Buchhaltung lernen. „Vor einigen Jahren hatten manche Nutzer noch Berührungsängste, weil sie sich mit dem Internet nicht ausgekannt haben“, sagt Weigand. Inzwischen sei dies für die meisten Studierenden selbstverständlich. Großen Wert legt das BWF auf die Betreuung: Die Telecoaches können per Mail, im Chat und in Online-Konferenzen kontaktiert werden.

Wer eine Hörschädigung hat, kann sich an den „Virtuellen Fachschulen“ weiterbilden, die das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg (RWB) Essen eingerichtet hat. Die Angebote umfassen die Bereiche Wirtschaft, Technik und Bautechnik, die Ausbildung ist ein berufsbegleitendes Angebot. Der Unterricht wird gedrittelt: Neben zwei Präsenztagen im Monat kommen Teilnehmer und Dozenten an zwei Abenden in der Woche virtuell zusammen. Durch eine Konferenzsoftware können sie sich dabei auch Präsentationen zeigen. Das letzte Drittel des Pensums lernen die Teilnehmer selbstständig. Die nächsten Kurse beginnen im Oktober.

Die Dozenten am RWB müssen das Material für ihre Zielgruppe speziell aufbereiten. Denn die Studierenden haben je nach Dauer und Schwere der Hörschädigung keine, mittlere oder auch gravierende Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache in Wort und Schrift. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Teilnehmer im Marketing-Seminar das Wort Vertrieb nicht verstehen – und stattdessen annehmen, jemand sei vertrieben worden. „Am Ende sollen die Teilnehmer natürlich auch komplexere Fachtexte verstehen“, sagt Hans Peters vom Fortbildungsteam. „Aber wir müssen ihnen beim Einstieg helfen.“ Rita Nikolow

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