Zeitung Heute : Neue deutsche Stelle

Ralph Geisenhanslüke

Dass es nicht Hamburg ist - die Einschätzung kommt beinahe unisono, spontan, ja sie klingt sogar ein wenig angriffslustig. "Berlin ist schließlich nicht der Nabel der Welt", sagt Meike. Beifälliges Nicken auch bei den anderen im Raum. Die Stadt will ihnen noch gar nicht gefallen, obwohl Meike und Christine jetzt schon das zweite Wochenende hier sind. Zu groß, zu laut, zu schnell. Aber am meisten stört sie: siehe oben.

Hanseaten, egal ob durch Geburt oder Berufung, bekommen schnell Gänsehaut, wenn sie vom ruppigen Berlin reden. Aber seinem Sog entgehen sie trotzdem nicht. Immer mehr Unternehmen ziehen von der Elbe an die Spree. Im Fall von Universal Music ist das wörtlich zu nehmen. Am 1. Juli soll der umsatzstärkste Konzern auf dem deutschen Musikmarkt an die Oberbaumbrücke verpflanzt sein. Wenigstens über die Lage freuen sich alle. Denn so ein Medienmensch, der braucht offenbar immer mindestens eine Handbreit Wasser neben der Schreibtischkante.

Meike und Christine, beide 27, sitzen also hier, mitten in der Mitte - und sie leiern nicht den üblichen Städtevergleichs-Small-Talk herunter. Es geht um ihr Leben. Jedenfalls darum, wo sie es in Zukunft verbringen. In einer Stadt, die für sie "bislang nicht die geringste Rolle spielte". Aber sie haben in die Beziehung zu ihrem Arbeitgeber in den vergangen Jahren "schon soviel investiert". Das ist wie eine Ehe.

Das erste Mal in Berlin waren sie bei einem "Schnupperwochenende" mit der Abteilung. Jetzt sind sie alleine gekommen. Die Firma hat Übergangswohnungen gemietet - und nach Musik-Genres gestaltet: "Chillin", die weiß gehaltene Elektro-Wohnung oder "Was geht", die bunte HipHop-Hütte. Das ist angenehmer als ein Hotelzimmer. Leider liegt vor der Tür nicht die Mönckebergstraße, sondern der Hackesche Markt.

Alkoholiker, Hundekot und Tristesse

Die Wohnungssuche: Friedrichshain oder Prenzlauer Berg sollte es schon sein. Aber man muss genau hinsehen. Einmal falsch abgebogen und schon ist der Trubel der Simon-Dach-Straße vorbei. Dann regieren Alkoholiker, Hundekot und bleierne Tristesse. Damit die psychologischen Hürden der Berliner Lokalprärie - und besonders der Begegnung mit Berliner Wohnungsmaklern - nichts zu sehr aufs Gemüt schlagen, stehen Meike und Christine "Scouts" zu Seite. Sie schlagen Wohnungen zur Besichtigung vor und helfen bei den - auch nicht uncharmanten - Behördengänge. Dafür wurde eigens eine Abteilung "TeamMove Berlin" ins Leben gerufen.

Dem Bild der gepiercten Berufsjugendlichen, die angeblich die Etagen von Plattenfirmen bewohnen, entsprechen Meike und Christine nicht gerade. Die beiden arbeiten im Marketing und kümmern sich um Katalogauswertung, Handels-Aktionen oder Best-Of-Alben von Nana Mouskouri. Auch Michael, 40, der mit am Tisch sitzt, hat einen weniger glamourösen Job: Er gehört zum IT-Team, das 500 PCs und 20 Server betreut. "Der Schnack ist lockerer in Berlin", sagt er, aber die Parkplatzsuche raubt ihm den letzten Nerv. Mit seiner Frau Barbara hat er das Wochenende genutzt, um sich nach Schulen für die drei Kinder umzusehen. Barbara braucht auch noch einen neuen Job als Arzthelferin. Wohnen möchten sie am liebsten in Tempelhof. Das wird natürlich kein Vergleich zu Moorrege, dem Städtchen bei Pinneberg, wo sie jetzt noch leben.

"Die Geschäftsführung hat die Entscheidung schlecht verkauft" - da sind sich alle einig. Immerhin 60 Prozent von rund 500 Angestellten ziehen mit nach Berlin. Die anderen nehmen den Sozialplan in Anspruch, über dessen Höhe Universal schweigt. Man weiß ja nie, wie sich solche Ausgaben auf die Aktie auswirken. Nach Informationen des "Hamburger Abendblatts" sollen es aber mehr als 25 Millionen Euro sein. Besonders die Älteren wollen nicht mit. Da kann man bei Betriebsversammlungen am Glockengießerwall noch so viele Berlin-Filme zeigen, die den tanzenden Bären beschwören. Sogar ein "Berlin Special" des Mitarbeitermagazins wurde produziert. Es beschreibt die idyllischen Plätze der Stadt, den Winterfeldtmarkt und den Schlachtensee, den "Geruch von Döner und Champagner" und empfiehlt für den Alltag "das Zurückmaulen auf hohem, schlagfertigem Niveau". Für ihren Arbeitgeber sind Meike, Christine und Michael zarte Pflänzchen, die gehegt werden müssen. Nachteile werden ihnen kaum entstehen. Die Härten liegen im Privaten: Wochenendbeziehungen. Wichtige Menschen, die man zurücklässt. Verlorene Heimat.

In Hamburg, das bislang zumindest wirtschaftlich als Deutschlands Pop-Hauptstadt galt, wird der Umzug allgemein mit Argwohn betrachtet. Berlin habe Universal herausgekauft heißt es. Die Subventionen, etwa 10 Millionen Euro aus EU-Mitteln, sind beachtlich. Auch andere Firmen wie der Musik-Sender MTV pokern angeblich darum. Aber für Universal Music sind das Erdnüsse. Mit einem Jahresumsatz in Deutschland von 500 Millionen Euro, macht das Unternehmen mehr Umsatz als alle jemals in Berlin ansässigen Musikfirmen zusammen. Neben Sony, der Bertelsmann Music Group, den deutschen Niederlassungen von V2 und Mute Records bietet die Stadt mit rund 50 Kleinlabels, 90 Musikverlagen, 250 Clubs und rund 20 000 Musikern einen ganz gute Grundlage für die Zukunft. Musik ist noch vor Film und Literatur der am stärksten wachsende Bereich des Berliner Kulturlebens.

Dass nicht alle Angestellten von Universal so hoffungsfroh in die Zukunft blicken wie der Geschäftsführer und gebürtige Berliner Tim Renner, ist nachvollziehbar. Denn durch viele Hände ist dieses Unternehmen schon gegangen, das die Brüder Emil und Joseph Berliner 1898 in Hannover als Deutsche Grammophon Gesellschaft gründeten. Die DGG, heute auf Klassik spezialisiert, führte die Exportmarke Polydor ein. 1979 verschmolzen Philips und Siemens die Polydor mit anderen Labels zum Polygram-Konzern. Dann kam der kanadische Getränkeriese Seagram, der zuvor die MCA-Gruppe gekauft hatte (und damit das größte Hollywood-Studio Universal), kaufte die Polygram und nannte sie Universal Music. Seagram selbst fusionierte im Jahr 2000 mit dem französischen Mischkonzern Vivendi und canal+ zu einem Giganten, der weltweit 320 000 Menschen beschäftigt.

Die Tonträger-Abteilung des Gigaunternehmens ist mit einem Umsatz von 6,6 Milliarden Euro Marktführer in Europa und Amerika. Nicht nur die Bee Gees, Björk, Bryan Adams, Bon Jovi, Elton John, Metallica, U2, Stevie Wonder, Andrea Bocelli, Luciano Pavarotti, Anne-Sophie Mutter veröffentlichen bei Universal Music, sondern auch viele deutsche Musiker wie Rammstein, Element Of Crime oder Absolute Beginner. Dies gilt vor allem als Verdienst von Tim Renner. Renner, 36 Jahre alt, war früher Punk, betrieb ein Cassettenlabel und hat in der Vergangenheit alle Diskussionen um Under- und Overground mitgeführt. Er hat seine Künstler langfristig aufgebaut und gilt als einer der wenigen glaubwürdigen Musikbosse. Es versteht sich, dass sein Hauptquartier kein geschlossener Laden werden soll. Es wird ein Restaurant geben und einen Club - und eine firmeneigene Kita, die Wert auf Englisch, Medienkompetenz und musikalische Früherziehung legt - und auch für Außenstehende offen ist.

Den Überblick wird Renner jedenfalls in Berlin nicht so schnell verlieren. Die Chefetage der neuen Deutschland-Zentrale liegt 37 Meter über Straßenhöhe und bietet eine 360-Grad-Aussicht über die Stadt. Sie wurde wie ein Hut auf das ehemalige Kühlhaus gesetzt, in dem zu DDR-Zeiten bis zu 60 Millionen Eier lagerten. Die Belegschaft träumt schon davon, auf der Dachterrasse zu arbeiten, online natürlich. Doch auch in den darunter liegenden Stockwerken werden wohl Menschen vor ihren Rechnern sitzen. "Finance", "Corporate", "Sales" und "Human Resources" - wie Abteilungen heute so heißen - werden dort nicht einfach untergebracht, sondern auch mit den kreativen Abteilungen durchmischt. Zwei Bereiche, die sich in vielen Plattenfirmen traditionell fremd gegenüber stehen. Den inneren Anlass für den Umzug bildete offenbar nicht nur der Drang, in der vielbeschworenen Mitte der europäischen Tanzfläche zu stehen, sondern auch eine Neustrukturierung des Unternehmens. Dass sich die Belegschaft dabei verjüngt, wird bestritten, ist aber die Konsequenz. Auch von einem "neuen Umfeld aus hungrigen Dienstleistern" ist öfter mal die Rede. Auf Deutsch: Hier sind beispielsweise Grafiker und Internet-Firmen schärfer auf Aufträge und entsprechend günstiger als in Hamburg.

Jeder Bereich hat seinen eigenen Architekten. Weil die Mitarbeiter bei der Gestaltung mitreden, sagt Christian Meinert, der ausführende Innenarchitekt, hat er es mit rund 30 Bauherren zu tun. Meinert muss sich auf unterschiedlichste Bedürfnisse einstellen. Es gibt Industrial-Look für die Rocker, Eichenparkett für die HipHop-Fraktion und Motor Music bekommt einen Boden aus feinen blauen Kieseln in Kunstharz. Natürlich soll hier nichts aussehen wie in einer stinknormalen Konzernzentrale. Im achten Stock, wo das Management der Holding sitzt, sind die einzelnen Waben "um acht Grad aus der Senkrechten gekippt," der Grundriss erinnert an Darmzoten. "Das treppt sich weg", sagt Meinert. Außerdem werden Kopierer und Geräte, die alle benutzen, auf einer versenkbaren Insel in der Mitte stehen - um Platz schaffen für die anstehenden Events, wie zum Beispiel Record Release Partys.

Waben aber müssen sein. Großraumbüros sind in der Musikbranche schwer zu machen - das führt zu einer Art Dauer-Popkomm. Aber die Mischung aus Verschachtelung und offenen Bereichen soll die imposante Weite der insgesamt 18 000 Quadratmeter erhalten. Und der Pegel im Innenraum wird wohl dauerhaft jenes Quietschen übertönen, das alle paar Minuten zu hören ist, wenn die U-Bahn Linie 1 sich vor der Oberbaumbrücke in die Kurve legt. Vor zehn Jahren noch schlummerte dieser hinterste Teil von Kreuzberg in einem süßen, bunten Multikulti-Traum. Mit Öffnung der Oberbaumbrücke wurde den Kreuzbergern eine der dicksten Verkehrsadern der Stadt quer übers Kopfkissen gelegt. Inzwischen reden Investoren mit glühenden Wangen von der "Oberbaum-City", einer Ansiedlung von jungen Unternehmen, die irgendwann einmal an - Na? Genau: - die Hamburger Speicherstadt erinnern soll.

Wenn am letzten Juni-Wochenende die 50 Trucks dann auf Berlin zurollen, in denen gerade noch ein Drittel des Hamburger Mobiliars steht, wird auf der Oberbaumbrücke das mittlerweile traditionelle Sommerfest gefeiert. Eine Bühne wird von Universal-Künstlern bespielt, während im Hintergrund, von Donnerstag bis Sonntagabend der Umzug über die Verladerampe geht. Manche Kreuzberg-Friedrichshainer werden vielleicht wehmütig die Spree hinauf blicken, auf den Blechmann, den die Allianz-Versicherung vor ihren "Treptowers" ins Wasser gestellt hat, vorbei an der Arena, wo sie im Sommer die süße Trägheit eines Reggae-Nachmittags im "Yaam" genießen.

Relikt aus der Hausbesetzerzeit

Immerhin steht bei Universal Music ein Kunstwerk vor der Tür, das auch von der Kreuzberger Spreeseite gut zu sehen ist und dessen Auswahl Gespür für Berliner Befindlichkeiten beweist: Olaf Metzels Skulptur "13.4.1981", ein 12 Meter hoher Haufen aus rotweiß gestreiften Polizeibarrikaden, der an Zeiten erinnert, als Berlin noch wirklich ruppig war. Der 13. April 1981 war jener heiße Tag der Hausbesetzerzeit, als am Kurfürstendamm 200 Schaufenster zu Bruch gingen. Als das Werk 1987 an der Ecke Joachimstaler Straße ausgestellt wurde, kochte die Volksseele, es schimpften die Springer-Blätter und der Regierende Bürgermeister Diepgen versicherte im Fernsehen, mit ihm werde es so was nie wieder geben.

Nun ist die Mauer weg, Diepgen auch - und Olaf Metzel, der Künstler, letztes Jahr mit dem Barlach-Preis ausgezeichnet, ist mittlerweile Rektor der Kunstakademie in München. Seht nur, alles wird gut, könnte man Meike, Christine, Michael und den anderen hanseatischen Neuberlinern zurufen. Und wenn Ihr Heimweh kriegt, dauert es mit dem Zug nach Hamburg nur eine Stunde länger als mit der U-Bahn nach Spandau.

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