Zeitung Heute : Neue Farbgebung Die Streitereien in der Partei waren sie leid,

da fassten sie gemeinsam einen Entschluss. Mit der Natur leben ist auch konservativ, sagten sich die Mitglieder eines CSU-Ortsvorstandes in Niederbayern – und traten zu den Grünen über

Es ist eine außergewöhnliche Mischung, die sich am Freitagabend in der kleinen Marktgemeinde Ruhmannsfelden zusammenfindet, tief im Bayerischen Wald, die sich zuprostet und fröhlich ist, ja beinahe aufgekratzt. Noch bis vor kurzem hätten sie nicht zusammen getrunken, nicht so einträchtig im Nebenraum eines italienischen Restaurants unter freiliegendem Holzgebälk zusammen gesessen. Sie haben sich politisch bekämpft.

Doch nun stoßen bärtige Alt-Grüne mit gediegen-ländlich Konservativen an. Mehr als 30 Männer und Frauen sind es, in ihren kleinen Weingläsern schwappt Orangensaft. Grün gefärbter Orangensaft.

Etwas Grundlegendes hat sich verändert in Ruhmannsfelden an diesem Abend. Und das ist nicht nur die Farbe des Safts. Ein „historisches Ereignis“ ist eingetreten. So nennt es die Vorsitzende der Grünen im Landkreis Regen, Christine Bickel, die mit Parteikollegen extra angereist ist. „Es ist“, sagt sie, „als stößt ein Kind neu in eine Patchwork-Familie.“ Nichts bleibt, wie es mal war.

Da haben Mitglieder des CSU-Ortsvorstandes gerade offiziell ihren Austritt aus der Partei bekannt gegeben – und sind zu den Grünen übergelaufen. Vier sind es, dazu einer von der Jungen Union und vier bisher Parteilose, die nun alle zusammen einen neuen Ortsverein der Grünen gründen. Den ersten im Bayerischen Wald und den ersten im ganzen Landkreis Regen.

Früher hat die CSU in Ruhmannsfelden einmal 75 Prozent der Stimmen bekommen und auch der Bürgermeister Josef Brunner ist von der CSU, seit 27 Jahren im Amt, ehrenamtlich. Neben den Christsozialen stellen noch zwei freie Wählergruppierungen Mitglieder des Gemeinderats. Vertreter anderer Parteien sitzen dort nicht. Von der „Polit-Revolte im Bayerwald“ schrieb denn auch der Viechtacher Bayerwald-Bote, als der Ruhmannsfeldener Parteiübertritt bekannt worden war. „Sie haben es getan.“

Ruhmannsfelden ist einer der ältesten Orte des Bayerischen Waldes, liegt ruhig und beschaulich, bewohnt von 2000 Einwohnern. Bayerischer Wald – das bedeutet viel Natur, aber auch eine ärmliche, abgelegene Gegend. Manche Geschäfte in dem Ort sind leer, am Marktplatz steht ein kleines, heruntergekommenes Haus zum Verkauf. Junge Männer mit Baseball-Caps auf dem Kopf sitzen in einem Auto, der getunte Motor heult auf.

Vielleicht hat Christine Bickel recht und nach dem vergangenen Freitag wird hier nichts bleiben, wie es war.

An dem Abend im Restaurant ist nahezu der gesamte einstige CSU-Ortsvorstand von Ruhmannsfelden anwesend, das lokalpolitische Establishment. Gaby Englmeier ist da, Roland Geiger, Helmut Seitz – allesamt bekannt im Ort. „Von und mit der Natur zu leben, ist konservativ, und es ist grün“, sagt der 46-jährige Roland Geiger. Er war Kassenwart der CSU und betreibt eine Firma für Finanzdienstleistungen. Jetzt ist er Grünen-Mitglied und will in drei Jahren als Bürgermeister kandidieren. Ehrgeizige Pläne hat er auch schon: „Der Ort muss energieautark werden“, fordert er, „wir wollen nicht mehr abhängig sein von den großen Konzernen.“ Auch soll die heimische Landwirtschaft gestärkt, mehr lokale Produkte verkauft werden. Er wünscht auch, und das nicht nur für die Touristen, dass in Ruhmannsfelden wieder eine bayerische Gaststätte eröffnet.

Wie konnte so etwas passieren? Dass eine CSU-Führungscrew die Fronten wechselt und als Team bei der Öko-Partei andockt?

Fragt man die Neu-Grünen und die verbliebenen Alt-Christsozialen, bekommt man zwei unterschiedliche Geschichten zu hören. In der einen suchen jüngere, dynamische Kräfte die Erneuerung der Partei und den personellen Wechsel. Wieder und wieder stoßen sie gegen den eisernen Widerstand einer CSU von Vorgestern. Am Ende verlieren sie handstreichartig alle ihre Positionen. Da kommen sie zu der Ansicht, dass sie ihre kommunalpolitische Arbeit auch als Grüne fortsetzen können, vielleicht sogar besser, ohne Hürden.

Vielleicht ist dies die Geschichte einer Zeitenwende. Konservative und Grüne scheinen sich im Freistaat immer weiter anzunähern. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat dazu beigetragen, die darauf folgende Abkehr der Union von der Atompolitik, der bundesweite Erfolg der Grünen, die Wahl Winfried Kretschmanns zum ersten grünen Ministerpräsidenten im Nachbarland Baden-Württemberg. Vielleicht ist die „Polit-Revolte“ von Ruhmannsfelden auch ein Zeichen dafür, dass die Grenzen politischer Kategorien verschwimmen in einem Land, in dem selbst eine konservative Kanzlerin grüne Politik macht.

Die zweite Geschichte, die erzählt wird im Ort, handelt von einer Frau, die selbstsüchtig ist und gierig nach Macht. Gaby Englmeier schart Anhänger um sich und kämpft immer und immer wieder gegen die anderen in der Ruhmannsfeldener CSU. Sie habe widersprochen, intrigiert, gespalten und doch wenig Ahnung von den Sachthemen gehabt, heißt es. Es kommt zu einem Dauer-Machtkampf, und die traditionellen, älteren Kräfte um Bürgermeister Brunner entscheiden ihn im vergangenen April für sich.

Gaby Englmeier, 44, feuerrotes Haar, einst CSU-Ortsvereinsvorsitzende und Gemeinderätin, sagt: „Wir wollten junge Leute in die Politik bringen.“ Ziel sei gewesen, „mit der CSU grüne Ideen zu verwirklichen“. Sie ist eine große, stämmige Frau, die so quirlig ist, dass sie schon nach kurzer Zeit in jeder Runde im Mittelpunkt steht. In Ruhmannsfelden betreibt sie ein Fußpflege-Studio. Der CSU trat sie vor 15 Jahren bei, weil es in Ruhmannsfelden nur die CSU gab. Jetzt wettert sie: „Wir lassen uns nicht aus der Kommunalpolitik bugsieren.“

Wenn Gaby Englmeier erklären soll, wie es zu den ganzen Verwerfungen gekommen ist, dann setzt sie natürlich beim Bürgermeister an und im Jahr 2008. Sie nennt ihn den „Guttenberg von Ruhmannsfelden“, denn 2008 wurde bekannt, dass Josef Brunner weite Teile einer anderen Arbeit als sein wissenschaftliches Werk bei einer tschechischen Universität eingereicht hat, er erhielt dafür den Titel des Diplom-Architekten.

„Wir waren empört über das Plagiat unseres Bürgermeisters“, erinnert sich Englmeier. 2009 habe man ihn aus dem CSU-Ortsvorstand rausgewählt. „Er sollte nichts mehr mit der Partei zu tun haben.“ Geplant war, so wollte das zumindest die Vorstandsgruppe, dass Brunner 2014, dann 66 Jahre alt, nicht mehr für den Bürgermeisterposten kandidieren und stattdessen Roland Geiger für die CSU antreten werde. Im Frühjahr dieses Jahres sollte zudem ein junger Mann, 20 Jahre alt, den Vorsitz des Ortsvereins übernehmen: Tobias Englmeier, Sohn der bisherigen Ortsvereinsvorsitzenden. Er hatte die Junge Union gegründet und 38 Mitglieder geworben, eine stolze Zahl.

Doch das Treffen Ende April verläuft anders als gedacht. Der Versammlungsleiter stellt fest, dass Englmeier junior zwar den Vorsitz der Jungen Union innehat, aber gar nicht Mitglied der Partei ist. Und somit auch nicht den Ortsverband übernehmen kann. Flugs lässt sich Bürgermeister Brunner zur Wahl aufstellen. Die Gegenseite ist perplex, ihr kam es schon am Anfang verdächtig vor, dass viele Parteimitglieder da waren, die sich sonst niemals zeigten – Gemeindeangestellte und Leute von der Freiwilligen Feuerwehr. Also herbeigeholte Unterstützung für den Bürgermeister? Dieser wird mit zwölf gegen acht Stimmen gewählt. Die Gruppe um Gaby Englmeier knickt ein. Es gibt keinen Streit mehr, kein Gebrüll, erzählt einer, der dabei war. Sie gehen, die Posten sind weg. Seitdem wird viel getratscht im Ort.

Ruhmannsfelden ist überschaubar. Die an den Verwerfungen Beteiligten sind Nachbarn, oder sie leben zwei, drei Straßen voneinander entfernt. Schon lang kennen sie sich, vielleicht zu lang. „Und ich kenne sie alle gut, zu gut“, sagt Bernhard Wühr, 46 Jahre alt, ein in der CSU Verbliebener, Chef eines Heizungs- und Sanitärbetriebes. „Mit Frau Englmeier war es nicht auszuhalten“, erinnert er sich. Eigentlich duzen sich alle, die in diesen Komplex verstrickt sind. Doch Gegner wie Wühr sprechen von „Frau Englmeier“, nicht wie ihre Mitstreiter von der „Gaby“.

Ihr größter Wunsch sei es gewesen, „nach vorne zu kommen“. Für Bernhard Wühr ist klar: „Die Grünen sind trendy, und deshalb springen sie auf den Zug auf. Hier am Ort lachen die Leute darüber.“ Seit der bundespolitischen Energiewende stellt er im Akkord Solaranlagen auf die Dächer im Bayerischen Wald. Auch deshalb sagt er: „Ich bin ja hier der Grünste von allen.“

Etwa 50 Kilometer östlich von Ruhmannsfelden, in Bayerisch-Eisenstein, direkt an der Grenze zu Tschechien, hat Thomas Müller sein Bürgermeisterbüro. Der 38-Jährige hat die CSU im vergangenen Jahr verlassen, sein halbes Leben lang war er Mitglied. Seit kurzem steht er in einem Zweier-Team den Grünen im Kreis vor. Er ist ein Mann mit hell blitzenden Augen, großer Wortgewalt und einem mächtigen Körper. „Leute, die unbequem sind und Neues einbringen wollen, haben in der CSU keine Chance, sie sind Störfälle“, sagt er. „Aber es gibt immer mehr solche Menschen.“

Einigen von ihnen schüttelt Müller am vergangenen Freitagabend die Hände. Es ist etwa halb neun, da haben die neuen Grünen in Ruhmannsfelden ihr lokales Führungstandem einstimmig gewählt: Gaby Englmeier und Roland Geiger, den Finanzdienstleister. Statt Blumensträußen überreicht Müller eine kleine Tanne, die er aus dem eigenen Garten ausgegraben und in einen Topf gepflanzt hat. „Das ist ein Tiefwurzler“, sagt er. Und Gaby Englmeier, die einst schwarze, nun neue Grüne mit dem roten Haar, sie strahlt.

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