Zeitung Heute : „Neue Front am Checkpoint Charlie“

Wer von der Teilung Berlins erzählen will, muss sich nicht zwischen „seriös“ oder „emotional“ entscheiden, sagt die Soziologin Sybille Frank.

Geschichte zum Anfassen. Viele Besucher wollen keine kopflastige Ausstellung, sagt Sybille Frank. Doch am Checkpoint Charlie fehle ein Gesamtkonzept. Fotos (5): TU Presse/Dahl
Geschichte zum Anfassen. Viele Besucher wollen keine kopflastige Ausstellung, sagt Sybille Frank. Doch am Checkpoint Charlie fehle...

Frau Professor Frank, seit dem Fall der Mauer prallen in der Stadt beim Unterfangen, Berlins Geschichte der Teilung zu erzählen, zwei Modelle aufeinander: das History- und das Heritage-Modell. Können Sie den Unterschied kurz erklären?

History und Heritage sind zwei unterschiedliche Formen der Vergangenheitsbetrachtung. History bedient sich des historischen Originals. Dieses wird im Museum hinter Glas ausgestellt, wo man es nicht anfassen kann. Daneben stehen lange Texte zur Erläuterung. Das ist sehr kopflastig. Heritage dagegen braucht nicht unbedingt ein Original. Es setzt darauf, Geschichte emotional und erlebnisorientiert zu erzählen. Geschichte zum Anfassen sozusagen. Bei History wird das Mauer-Fluchtauto ausgestellt mit dem Hinweis „Bitte nicht berühren!“. Bei Heritage dagegen können sie sich in den Kofferraum quetschen, um zu erahnen, wie sich ein Flüchtling darin gefühlt haben mag.

In den USA und Großbritannien ist Heritage ein akzeptiertes Modell, Geschichte zu präsentieren, auch zu vermarkten. In Deutschland jedoch haftet ihm etwas Unseriöses an. Für die Fachwissenschaft und staatliche Institutionen sind solche „Erlebnisangebote“, wie Sie sie gerade nannten, eine Disneyfizierung und Trivialisierung von Geschichte.

Die Gegner von Heritage wissen einfach zu wenig darüber. Das Heritage-Modell geht von der Tatsache aus, dass es unterschiedliche soziale Gruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen gibt, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Dieser Differenziertheit trägt das Heritage-Modell Rechnung, indem es unterschiedliche, tatsächlich auch unterschiedliche Sinne ansprechende Angebote macht. Nicht jeder ist geübt darin und fühlt sich davon angesprochen, sich Geschichte über das Lesen von Texten und das Betrachten von Originalen anzueignen. Und da man sich diesem theoretischen Wissen über Heritage verschließt, steht in Berlin die öffentliche Hand dem Phänomen auch recht hilflos gegenüber. Das Gedenkchaos am Checkpoint Charlie ist das beste Beispiel dafür.

Schauspielstudenten in Uniformen der Alliierten, die Grenzübergangsstempel austeilen, lassen das Heritage-Modell eher fragwürdig erscheinen.

Mag sein. Aber was ich meine, ist, dass sich dort genau beobachten lässt, was geschieht, wenn die öffentliche Hand die Kontrolle über einen solchen historischen Ort verliert. Ursache war die Privatisierung der Mauergrundstücke in den 1990er-Jahren. Seitdem hat die Stadt keine Handhabe mehr über diesen städtischen Raum. Besonders die amerikanischen, britischen und japanischen Touristen haben solche Angebote nachgefragt, und die sich dort formierende Heritage-Industrie hat diese Nachfrage bedient, weil sie am Checkpoint Charlie unbehelligt agieren konnte. Anders als in den USA oder Großbritannien, wo bei der Planung und Gestaltung von Heritage-Stätten nationale oder lokale Regierungen als Struktur vorgebende Akteure auftreten, gibt es am privatisierten Checkpoint Charlie eine solche Struktur vorgebende öffentliche Instanz nicht.

Welche Folgen hat das?

Das hat zu einer verwirrenden Angebotskonkurrenz geführt, zu Trabifahrten beispielsweise, durch die die Maueropfer diesen Ort zu Recht banalisiert sehen. Wenn man so will, hat sich am Checkpoint Charlie eine neue Front entwickelt. Vor allem jedoch fehlt ein Moderator. Den braucht man, um die verschiedenen Interessen von Opfern der Mauer und von Touristen auszugleichen, auch um das Empfinden der Opfer zu schützen. Für die Opfer symbolisiert der Checkpoint Charlie die geschlossene Grenze, für ausländische Touristen die offene Grenze, da er der „Ausländerübergang“ zwischen Ost- und Westberlin war. Um solche unterschiedlichen Vergangenheitsbetrachtungen vor Ort zu integrieren und die Vielschichtigkeit von Geschichte im Sinne von In-, nicht Exklusion zu präsentieren, gibt es in den USA den Heritage-Manager.

Wird sich mit dem geplanten Museum des Kalten Krieges an der verfahrenen Situation am Checkpoint Charlie etwas ändern?

Ich werbe dafür, dass mit dem Museum noch einmal der Versuch unternommen wird, ein Gesamtkonzept für diesen Ort zu entwickeln. Und ich plädiere dafür, dass in dem Museum auch niedrigschwellige Angebote gemacht werden. Aber von den Akteuren des Museums wird man dann mit der Frage, ob man vor dem Museum etwa einen Panzer aufstellen wolle, recht schnell abgekanzelt und man sieht sich dem altbekannten Vorwurf ausgesetzt, Heritage sei Trivialisierung von Geschichte. Es herrscht eine absolut unproduktive Stimmung.

Was sagt Ihnen das als Soziologin, wenn dem Ansinnen, Geschichte entsprechend den unterschiedlichen Bedürfnissen sozialer Gruppen zu vermitteln, so abwertend begegnet wird?

Das History-Modell ist sehr hegemonial. Das Bildungsbürgertum besteht auf der Deutungshoheit über die Vergangenheit. Und es ist sozial hochgradig exklusiv. Ganze soziale Gruppen werden mit dem History-Modell von ihrer eigenen Geschichte ausgeschlossen, weil es ignoriert, dass es – übrigens auch hierzulande – viele Menschen gibt, die sich mit der verkopften Art und Weise, wie Museen das historische Erbe zeigen, schwertun. Heritage betont, dass es für alle sozialen Gruppen Angebote geben muss. Insofern ist Heritage eine Demokratisierung von Vergangenheitsbetrachtung.

Für Sie ist Heritage aber noch aus einem weiteren Grund interessant. Sie sagen, wenn Heritage von der öffentlichen Hand nicht ignoriert würde, könnte das Modell stadtentwicklungspolitisch ein Trumpf sein. Was lässt sich Berlin entgehen?

Im europäischen und außereuropäischen Ausland ist die Heritage-Industrie ein gesuchter Partner bei der Stadtentwicklung und im Tourismus. Städte werben mit ihren Heritage-Angeboten, um international auf sich aufmerksam zu machen. Berlin hat nicht so viele Wachstumssektoren. Der Tourismus jedoch ist einer. Da wäre es doch auch für die hiesige Tourismusbranche interessant, wenn sie sich mit unterschiedlichsten Angeboten für die unterschiedlichsten Touristen schmücken könnte. Auf dem History-Modell zu beharren funktioniert nicht – nicht mehr in Zeiten der Globalisierung. Über die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße haben die Touristen ja bereits mit den Füßen abgestimmt.

Wie meinen Sie das?

Der Gedenkstätte mit ihrer ehemals textlastigen Ausstellung sind schlichtweg die Besucher weggelaufen hin zum Checkpoint Charlie, wo das ehemalige Kontrollhäuschen mit dem weltberühmten Schild „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ zu sehen ist und schlichte Holzkreuze zeitweilig an die Mauer-Toten erinnerten. Die Gedenkstätte musste völlig neu konzipiert werden. Sie ist nun ein gelungenes Beispiel dafür, wie man beide Prinzipien der Vergangenheitsbetrachtung zusammenzuführen kann. Anschaulichkeit, Emotionalität und wissenschaftliche Seriosität müssen sich keineswegs ausschließen. Eine solche Herangehensweise wünsche ich mir auch für den Checkpoint Charlie und das Museum des Kalten Krieges.

Das Interview führte Sybille Nitsche.

Professor Sybille Frank hält zur Langen Nacht der Wissenschaften einen Vortrag: „Der Mauer um die Wette gedenken – der Checkpoint Charlie“. 8. Juni, Haus der Stadt, Hardenbergstraße 16-18, 21 Uhr, Raum HBS 0.02. Sie ist Autorin des gleichnamigen Buches, das im Campus-Verlag Frankfurt/New York erschienen ist. Preis: 32,90 Euro.

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