Zeitung Heute : Neue Häuser für 300 000 DM vorgestellt

Christof Hardebusch

Vor dem Hauseingang hat sich eine Menschentraube gebildet. Sogar das Fernsehen ist gekommen. Der Kameramann wartet hier nicht auf Prominente. Der Star, um den es geht, ist längst da. Es ist das Haus, vor dem alle stehen, und es hat heute seinen ersten öffentlichen Auftritt: Ein schlichtes Reihenhaus, Typ "Biesdorf 2", in der Neubausiedlung Habichtshorst im Marzahner Ortsteil Biesdorf.

Die Vorstellung des Hauses lockte nicht nur die Medien an, sondern auch Politiker. Ulrich Arndt, Staatssekretär in der Bauverwaltung, lobte das Gebäude, als sei er am Verkaufserlös beteiligt. In politischer Hinsicht ist er das auch, denn diese Neubauten sollen die Berliner vom Wegzug nach Brandenburg abhalten. "1998 verließen 40 000 Menschen die Stadt", sagt Arndt. Jeder Wegzug habe einen Einnahmeverlust von jährlich 5500 DM aus dem Länderfinanzausgleich und von 15 000 DM an Steuern zur Folge. Die Mindereinnahmen summierten sich 1998 auf 600 bis 800 Mill. DM.

Um den Exodus zu stoppen, entwickelten die Verwaltungen für Bau- und Wohnungswesen sowie für Stadtentwicklung und Umweltschutz ein Entwicklungskonzept für landeseigene Flächen in Biesdorf. Sie teilten das Areal in 65 Baufelder auf und schreiben nun jedes einzeln aus. Interessierte Bauträger müssen für das Grundeigentum möglichst viel Geld hinlegen, dürfen vom "Häuslekäufer" aber keinen allzu hohen Endpreis verlangen: 300 000 DM darf in Habichtshorst ein Häuschen mit 100 Quadratmetern kosten, Grundstück inklusive.

Rund 130 Reihen- und Doppelhäuser stehen bereits. Es gibt drei verschiedene Bautypen. Alle Häuser sind verkauft. Angaben der Bauverwaltung zufolge überstieg die Nachfrage das Angebot um das Doppelte. Vor allem gut verdienende Menschen aus den Großsiedlungen von Hellersdorf und Marzahn entschieden sich für ein Eigenheim in Biesdorf. Unter ihnen ist auch Bernd Müller (Name geändert). Mit seiner Frau und vier Kindern zog er vor einem halben Jahr aus dem Marzahner Plattenbau in eines der Biesdorfer Reihenhäuschen. Die Wohnfläche beträgt 100 Quadratmeter. "Wir haben fünf Jahre gesucht, bis wir das hier gefunden haben", sagt Müller. Eigenheime in Brandenburg seien zu weit weg, Alternativen in Berlin zu teuer gewesen.

In Biesdorf zahlte Müller für das Haus und dem Stück Garten knapp 300 000 DM. U- und S-Bahnhöfe sind in der Nähe. 500 Meter sind es von der Siedlung zur Frankfurter Allee; sie führt vierspurig zum Alexanderplatz. Müller hat an Habichtshorst nichts auszusetzen. Ihn stört es nicht, dass die Siedlung in einer staubigen Stadtbrache liegt. Vor 30 Jahren war das Gebiet noch Ackerland. Zu DDR-Zeiten errichtete die Nationale Volksarmee hier eine Kaserne. Nach der Wende dienten die einfachen Zweckbauten aus Beton als Heim für Asylbewerber. Einige dieser Bauten stehen noch. Unansehnlich wirken auch die eingestürzten Gewächshäuser im Nordwesten des Gebietes.

Im Osten grenzt Habichtshorst an eine idyllische Kolonie von Kleingärten. "Mit den Leuten, die dort wohnen, bekamen wir gleich guten Kontakt", sagt Ingrid Hörmann. Sie wohnt seit März in Habichtshorst und ist ebenfalls mit ihrem Eigenheim zufrieden. Eines aber stört sie. "Hier gibt es keine Geschäfte. Es sollen zwar welche gebaut werden, aber vorerst sehen wir nur Erdhaufen."

Erdhaufen gab es bis vor kurzem auch dort, wo "Biesdorf 2" nun steht. Von dem Haustyp entstehen insgesamt 68 Einheiten. Bauträger ist das niederländische Unternehmen Bouwfonds. Es errichtete bereits ein Drittel der Habichtshorster Eigenheime. "Biesdorf 2" unterscheidet sich vom klassischen Reihenhaus, wie es bisher in Habichtshorst entstand. Üblicherweise wenden Gebäude in solchen Siedlungen der Straße ihre Schmalseite zu. Dadurch nutzt der Architekt die Grundstückstiefe optimal aus und bringt viel Wohnfläche auf wenig Baugrund unter. Unliebsamer Nebeneffekt: Die langen Wände des Gebäudes liegen an den Nachbarhäusern. Sie haben also keine Fenster, und deshalb bekommen Innenräume relativ wenig Tageslicht.

Dagegen wenden die jüngst entstandenen Reihenhäuser nicht ihre Breitseiten den Nachbarhäusern zu, sondern der Straße und dem Garten. Das erlaubt weniger tiefe Räume und mehr Fenster. So gelangt Licht bis in den hintersten Winkel der Räume, die Wohnungen sind hell und Bewohner sparen auch noch Energie. Auch andere Details der Häuser wirken gelungen. Der Abstellraum für Gartengeräte liegt im Erdgeschoss. Dadurch bedarf es nicht wie bei den Reihenhäusern in der Nachbarschaft einer wenig gefälligen Holzkiste im Garten.

Auch die Garage von "Biesdorf 2" befindet sich im Erdgeschoss. Wohnräume liegen im ersten und zweiten Stock. Trotzdem kann der Nutzer vom Wohnzimmer direkt auf die Terrasse gehen, weil auf der Rückseite des Hauses der Garten durch aufgeschüttete Erde höher ist. Den guten Gesamteindruck trüben lediglich die lieblos gestalteten Wandschränke, hinter denen sich die Haustechnik verbirgt und die Holztreppen zu den oberen Geschossen.

Die Preise der Häuser orientieren sich an dem von der Bauverwaltung vorgegebenen Rahmen. Das Reihenhaus "Biesdorf 2" mit 123 Quadratmetern Wohnfläche und rund 140 Quadratmetern Grundstück ist für 335 000 DM zu haben. Die Eckhäuser des von Bouwfonds errichteten Karrees werden etwas teurer, dafür aber auch etwas höher. Von ihren Dachterrassen aus wird sich das weitere Baugeschehen in Habichtshorst hervorragend beobachten lassen - weitere 900 Eigenheime sollen in den kommenden Jahren die benachbarte Brache füllen.Die Grundsteinlegung zur Siedlung Habichtshorst erfolgte 1997. Die Eigenheimsiedlung ist Teil des neuen Stadtquartiers "Biesdorf Süd". Dort sollen auf 142 Hektar 4760 Wohnungen für rund 11 000 Menschen entstehen. Die Fertigstellung ist für 2009 geplant. 55 Prozent der Wohnungen werden Eigenheime oder Eigentumswohnungen sein. Für Geschäfte sind 250 000 Quadratmeter Verkaufsfläche geplant. Auf 170 000 Quadratmetern neuer Bürofläche sollen Arbeitsplätze entstehen. Hinzu kommen sieben Kindertagesstätten, zwei Schulen und weitere Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche

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