Neue Ideen : Ein Sonnenschirm über der Sahara

Auf „deine-idee-zu-energie.de“ kann jeder seine Einfälle ins Internet stellen. Experten verraten, ob sie vielversprechend sind – oder eher verrückt.

Heiß diskutiert wurde die Idee, eine Solarzellen-Folie mit Hilfe geostationärer Satelliten über der Wüste aufzuspannen – damit sich Regenwolken bilden und gleichzeitig Energie produziert wird. Foto: AFP
Heiß diskutiert wurde die Idee, eine Solarzellen-Folie mit Hilfe geostationärer Satelliten über der Wüste aufzuspannen – damit...Foto: AFP

Das Wissenschaftsjahr Energie hat eine Menge interaktiver Angebote im Programm. Vor allem Kinder und Jugendliche sollen für das Thema sensibilisiert und begeistert werden – im Vergleich zu anderen Wissenschaftsjahren, etwa der Mathematik oder der Physik, eine etwas leichtere Übung. Schließlich hat jeder einen Bezug zu Energie und Elektrizität. Man könnte fast sagen: Energie ist für jeden greifbar.

Eines dieser Angebote ist die Internetplattform deine-idee-zu-energie.de, die von der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ in Zusammenarbeit mit Soziologen des Forschungsinstituts ZIRN der Universität Stuttgart betrieben wird. Noch bis zum 15. November sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufgerufen, ihre Ideen zu Energie online zu veröffentlichen. Die Einfälle werden von den Nutzern der Plattform bewertet, kommentiert und diskutiert. Dabei greifen nicht nur Laien in die Diskussion ein, sondern auch Politiker, Experten und Wissenschaftler, die interessante Impulse geben – oder auch manche Idee als unrealistisch entlarven.

Ziel ist es, Jugendliche und Erwachsene unter dem Motto „Mitreden, mitdenken, mitgestalten“ in einen Austausch über wissenschaftliche Themen zu bringen. Dabei werden monatlich die beliebtesten Ideen ausgezeichnet und durch Experten kommentiert. Aber auch die unpopulärsten Vorschläge werden gnadenlos präsentiert – etwa die Idee, Neonleucht- stäbe in Einkaufszentren und anderen öffentlichen Orten zu nutzen, um Beleuchtungskosten zu sparen. Irgendwie halten die meisten Kommentatoren das dann doch eher für einen Scherz: Schon der Gedanke an den Energieaufwand zur Produktion dieser „Knicksticks“ lässt einigen die Haare zu Berge stehen.

Da die Plattform einen zeitgemäßen Forumscharakter hat, werden auch tägliche Auszeichnungen vergeben, etwa der „aktivste Teilnehmer“ oder der „Teilnehmer des Tages“. Diesen Titel holte sich unlängst zum Beispiel eine Grund- und Hauptschule aus Stuttgart mit der Idee, Trittenergie in Fußgängerzonen über bewegliche Platten in elektrische Energie umzuwandeln. Gar nicht so dumm, fanden viele Teilnehmer. „Dann können Mädels stundenlang shoppen und sind auch noch produktiv dabei“, so der scherzhafte Kommentar eines Nutzers.

Insgesamt sind seit dem 15. März über 100 Ideen und mehr als 500 Kommentare online gegangen. Der Dialog funktioniert. Insbesondere dann, wenn jemand vorschlägt, eine mit Solarzellen beschichtete Folie mit vier geostationären Satelliten über der Sahara aufzuspannen. Die könnte zum einen wie ein großer Sonnenschirm wirken, damit sich Wolken bilden, abregnen und so die Wüste begrünen. Andererseits könnte sie elektrische Energie produzieren, die über Richtantennen zur Erde übertragen wird. Ein heiß diskutierter Einfall, der sich schnell als Idee des Monats Juli herauskristallisierte. Dass sie wohl eher dem Bereich des Unrealistischen zuzuordnen ist, tut der Vision keinen Abbruch. Denn als Leonardo da Vinci seine ersten Flugobjekte am Reißbrett entwarf, glaubte schließlich auch keiner daran, dass der Mensch jemals fliegen würde.

Und so geht es bei den Energie-Ideen auch nicht in erster Linie um Realisierbarkeit, sondern um Originalität. „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, sagte schon Albert Einstein und spornte damit ganze Generationen von Wissenschaftlern an, über die ihnen gesetzten Grenzen hinaus zu denken. Tong-Jin Smith

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