Neue Ideen für die vernetzte Welt : Davos in Potsdam

Start-ups aus der Internetbranche präsentieren sich auf dem achten „Hasso Plattner Ventures Forum on Entrepreneurship“. Diesmal geht es nicht nur um Geschäftsideen, sondern um – Leidenschaft.

Claudine Hengstenberg
Wohin geht die Reise in der virtuellen Welt? Das Entwicklungspotenzial, das Internet & Co. bieten, ist noch nicht einmal in Ansätzen ausgelotet.
Wohin geht die Reise in der virtuellen Welt? Das Entwicklungspotenzial, das Internet & Co. bieten, ist noch nicht einmal in...Foto: Tom Solo

Neun Jung-Unternehmen treten beim „Hasso Plattner Ventures Forum on Entrepreneurship“ zum Pitch an, also zu einem Wettbewerb gegeneinander. Die rund 250 geladenen Teilnehmer der Veranstaltung am 12. September in Potsdam stimmen per SMS ab, zusätzlich gibt eine Jury ihr Votum ab – die beiden Ergebnisse werden zu gleichen Teilen gewertet.

Die 10000 Euro, die der Sieger einstreicht, sind eine nette Sache, aber viel mehr zählt die Aufmerksamkeit eines ausgesuchten Publikums. In der Welt der Start-ups sind Kontakte mindestens so wichtig wie Kapital. Ob SAP-Gründer und Mäzen Hasso Plattner oder Investoren-Legende Peter Thiel, der den Wert seines 500000-Dollar-Einstiegs bei Facebook binnen acht Jahren verzweitausendfachte – prominenter geht es kaum.

Doch noch mehr als Kontakte und Kapital zählen Ideen, und deswegen ist die Jahrestagung von Hasso Plattner Ventures auch nicht als Messe angelegt, sondern als einzigartiges Forum für Gedanken, Ideen, Visionen. Nach den Themen „China – Bedrohung oder Chance“ (2010) und „Sinnvolle Investments“ (2011) solle es nun ganz weit gefasst um „Passion“ gehen. Von der Größe her kann sich das Potsdamer Forum nicht annähernd mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos messen, aber die Herangehensweise ähnelt sich. Veranstalter ist das Unternehmen Hasso Plattner Ventures mit Sitz in Potsdam, das 150 Millionen Euro verwaltet, die zum größten Teil von Hasso Plattner selbst stammen. Es will vielversprechende Unternehmen der Informations- und Umwelttechnik in Europa und Israel finanzieren und beraten.

Leidenschaft als Antrieb für Unternehmen, vor allem aber als spannender Wegweiser durchs Leben – darum geht es bei der Tagung in Potsdam. Einer der Referenten ist der Mikrobiologe Mel Rosenberg aus Israel, der Körpergerüche erforscht, aber auch leidenschaftlich gerne Jazz-Saxophon spielt. Ein weiterer ist Fernando Burgos, der für Telefónica in Deutschland neue Geschäftsmodelle entwickelt, aber auch ein leidenschaftlicher Marathonläufer ist (siehe dazu auch das Interview "Wir geben Rückenwind").

Das Team von Telekom Innovation Laboratories hat Emo Buzzer entwickelt. Es handelt sich dabei um eine Anwendung für Smartphone Besitzer, die es ihnen ermöglichen soll, während ihrer Telefonate analog den Emoticons in SMS, Chats oder E-Mails, sogenannte Emo Buzzer in Form von Sound Effects einzufügen.

Die Idee dahinter ist, dass man mit diesen Geräuschen das Gespräch bereichern, interessanter und individueller gestalten kann, sozusagen Kommunikation 2.0. Dabei haben die Entwickler zwei verschiedene Zielgruppen im Auge. Zum einen junge Nutzer, die ihre Telefonate vor allem unterhaltsamer machen wollen, indem sie einen Trommelwirbel, Hundegebell oder Glockenläuten ins Gespräch bringen und damit witzige Effekte erzielen. Zum anderen sollen aber auch erwachsene Smartphone Besitzer die Emo Buzzer nutzen. Ihnen soll dafür eine weitere Palette an Geräuschen über dieselbe Plattform angeboten werden, die man eher als Ambiente- oder Hintergrundgeräusche bezeichnen kann, wie etwa angenehme Musik oder firmeneigene Sounds, die wie ein hörbares Logo funktionieren.

Noch steckt Emo Buzzer in der Entwicklung. Erst im ersten Quartal 2012 wurde die Nutzeranalyse durchgeführt, die als Basis für die App-Entwicklung dient. Und nach dem letzten Stand der Dinge gibt es jetzt einen funktionierenden Prototyp für beide Nutzersegmente, sowie erste Tests mit Nutzern.

Im nächsten Schritt soll nun im dritten Quartal 2012 der Prototyp weiter entwickelt werden und von 50 bis 100 Nutzern ausprobiert werden, um zu ermitteln, was am besten funktioniert und wie die Anwendung tatsächlich im Alltag eingesetzt werden kann.

Tong-Jin Smith

Marcin Perlak hat Erfahrung mit Start-ups. Seine erste Firma gründete der 34-jährige IT-Manager aus Krakau schon während des Studiums. Nach einem erfolgreichen Verkauf baute er dann „qcadoo“ auf, ein Unternehmen, das sich auf Softwarelösungen für industrielle Produktionsprozesse spezialisiert hat.

Parallel entstand die Idee, mit einer Business-Synchronisierungssoftware namens Mobeelizer den Big Playern wie Microsoft oder Apple Konkurrenz zu machen. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass Dateien und Daten auf Firmenservern immer auf dem neusten Stand sind, egal wer wie wann auf sie zugreift. In der Praxis ist das äußerst schwer umzusetzen, vor allem wenn Mitarbeiter auf ihren mobilen Endgeräten nicht permanent online arbeiten können. Oder wenn mehrere Nutzer zeitgleich an denselben Daten Veränderungen vornehmen. Schnell entsteht dann Verwirrung in der Cloud, kursieren unvollständige Datensätze, kollidieren unterschiedliche Dateiversionen.

Mobeelizer sortiert das Chaos. „Alle anfallenden Synchronisierungsprozesse können über unser Programm gemanagt werden. Und zwar so, dass die einzelnen Nutzer selbst keine IT-Spezialisten sein müssen.“ Das kleine Start-up aus Polen stößt damit in einen großen Wachstumsmarkt vor. Denn um mobile Datensynchronisation kommen schon mittelständische Unternehmen kaum noch herum. „Bislang sind solche Programme allerdings wahnsinnig teuer und sehr kompliziert zu implementieren“, erklärt Perlak. „Wir wollten eine einfachere und schnellere Lösung anbieten, bei der unsere Kunden lediglich eine monatliche Nutzungsgebühr zahlen.“

Zwei Investoren konnte Perlak von seiner Geschäftsidee überzeugen, mit 200000 Euro Startkapital ging Mobeelizer letztes Jahr in die Entwicklungsphase. Dass seine Firma auf dem internationalen Markt gute Chancen hat, davon ist der Gründer und Geschäftsführer überzeugt. Zwar gibt es Dutzende anderer Anbieter, aber die meisten sind auf bestimmte Geräte oder Betriebssysteme festgelegt. „Unser Programm funktioniert dagegen schon jetzt für iOS und Android. Und bald auch für Windows Phone und Blackberry.“ Dreihundert Unternehmen, so Perlak, nutzen mittlerweile die Mobeelizer-Betaversion, „mit einem knappen Dutzend davon stehen wir bereits in engerer Verhandlung“.

Astrid Herbold

Wer gerne im Internet surft und gleichzeitig auch Content mit anderen teilen möchte, wird begeistert sein von FarFromHomePage, einer Art Online-Pinnwand kombiniert mit den Möglichkeiten einer cloudbasierten Präsentationsplattform. Sie ermöglicht es, die Freiheit des Browsens mit dem visuellen Genuss eines Film gleichzeitig zu nutzen.

Entwickelt wurde dieses Webtool von den Berliner Entrepreneuren Manuel Scheidegger und Janosch Asen, die mit ihrem Projekt nichts weniger erreichen wollen, als die Art und Weise, wie wir online Inhalte präsentieren und mit anderen teilen, zu transformieren. Dafür kann der Nutzer mit FarFromHomePage, Webinhalte aller Art mixen und zu einem interaktiven Projekt zusammenfassen, durch das man anschließend browsen kann. Fotos, Musik, Videos, sogar ganze Webseiten können mit verschiedenen Effekten kombiniert werden, um eine dynamische und unterhaltsame Präsentation zu erzeugen.

Im Gegensatz zu statischen Videos oder sogenannten Mash-ups, die es bereits im Internet gibt, ermöglicht das Tool von Scheidegger und Asen, dass Nutzer aktiv durch die Inhalte der Präsentation browsen, die durch ein einfaches Mouseover hervorgehoben werden. Mit anderen Worten: FarFromHomePage stellt demjenigen, der die Inhalte zusammenstellt, Mittel zur Verfügung, per „Cut and Paste“ eine zielgruppenorientierte Präsentation an einer eigenen Pinwand zu kreieren, die dann von anderen Nutzern individuell abgesurft werden können, ohne über Links auf andere Seite geführt zu werden. Bilder können animiert werden, Texte mit Musik unterlegt, Filme mit Sounds kombiniert werden. Alles ist möglich.

Noch befindet sich das Tool in der Prototypphase, aber es ist geplant, drei Versionen von FarFromHomePage anzubieten, die auf einem Freemium-Geschäftsmodell basieren. Sprich: eine limitierte kostenlose Version und eine Premiumversion für Privatanwender, sowie eine Firmenversion, die sich an Internetplattformen richtet, die das Tool für ihre Nutzer einbinden möchten. Um aber FarFromHomePage zur Marktreife zu führen, sucht das Start-up noch Geldgeber im Seed-Investment-Bereich.

Tong-Jin Smith

Die Geschäftsidee von Lukas Steinbacher, 31, und Binh-An Tran, 28, ist eine Art digitale Frischzellenkur fürs Bildungssystem. Aus Smartphones, Tablet-PCs oder Laptops sollen virtuelle Klassenzimmer werden. Die beiden Jungunternehmer tüfteln derzeit in einem Büropark in München-Garching an einer Lernsoftware, die Lehrer und Dozenten im Unterricht einsetzen können, um ihre Schüler zum Pauken zu bringen. Der Kniff: Die Lehrenden können die Funktionen selbst erstellen – ohne nennenswerte Programmierkenntnisse. Sie müssen nur ihre Lerninhalte eingeben, zum Beispiel Lateinvokabeln, Algebra oder historische Ereignisse. Heraus kommt eine App für mobile Geräte jeder Art, die individuell auf die Themengebiete des Lehrers zugeschnitten ist. Sie kann Lernsessions in unterschiedlichsten Formaten generieren, etwa Karteikartenabfragen oder Multiple-Choice-Test.

„Cleverlize“ nennen Steinbacher und Tran ihr Unternehmen. Im Oktober dieses Jahres soll das gleichnamige Produkt auf den Markt kommen. Der promovierte Betriebswirt Steinbacher sagt: „Ich bin zuversichtlich, dass daraus ein Erfolg wird.“ Der Optimismus hat vielleicht damit zu tun, dass sie schon einen kostenlosen Prototypen anbieten, der bislang über 450000 Mal heruntergeladen worden ist. Kein übler Einstand. Mit diesem Programm lässt sich allerdings ausschließlich englische Grammatik büffeln.

Wenn die Lern-App im Herbst schließlich in der ausgearbeiteten Variante zu haben ist, werden Lehrer sie auch auf Stoff aus anderen Fächern ausrichten können, ob Fremdsprachen, Mathematik, Sozial- oder Naturwissenschaften. Und 2013 wird die Software mit einer weiteren Verbesserung aufwarten. Dann soll es möglich sein, dass sie eigenständig Rückschlüsse aus den Lernergebnissen zieht – und so Schwachstellen der Schüler entlarvt. Bei ihren Lerneinheiten können die Schüler daraufhin gezielt an ihren Defiziten arbeiten. Damit das alles funktioniert, müssen sie natürlich selbst im Besitz des Programms sein.

Generell gilt: Geschäftstüchtige Lehrer sollen ihre mit eigenem Content gefüllte App weltweit weiterverkaufen können. Ob sie von dieser Option tatsächlich Gebrauch machen werden, bleibt abzuwarten. In der Telekommunikationsbranche haben Lukas Steinbacher und Binh-An Tran für ihr Konzept schon Anerkennung gefunden. Bei einem Preiswettbewerb für Start-ups, ausgeschrieben von Telefónica, zählten sie zu den neun Gewinnern und bekamen 50000 Euro. Jetzt wollen sie Investorengeld sammeln, damit aus dem virtuellen Klassenzimmer ein florierendes Unternehmen wird.

Philipp Wurm

In jedem Unternehmen gibt es Prozesse, die für einen reibungslosen Ablauf sorgen sollen. Allerdings findet man bei genauerem Hinsehen zumeist noch Verbesserungsmöglichkeiten. Aber wie kann man genauer hinsehen? Genau diese Frage beantwortet die Firma Celonis mit ihrer innovativen Technologie zur Prozessanalyse, die sie Process Business Intelligence (PBI) nennt. Grundlage sind spezielle Algorithmen, die Daten aus operativen Arbeitsabläufen auswerten und in den Softwarelösungen von Celonis verpackt sind.

Zum einen gibt es „Celonis Orchestra“, das als hervorragendes Werkzeug zur Analyse des Service Desks, also der zentralen IT-Schnittschelle, gilt, und ein ganzheitliches IT Service Management ermöglicht. Mit der Software kann der IT Service kontinuierlich in Echtzeit überwacht und optimiert werden. Dabei rekonstruiert die PBI den Verlauf von Problemen, sogenannten Tickets oder Incidents, auf allen Ebenen des IT Supports und stellt sie dar. So kann das IT Service Management die Probleme besser erkennen und nachhaltig verbessern. Laut Celonis können Unternehmen mit der Orchestra-Software Kosteneinsparungen von bis zu 30 Prozent bei gleichzeitiger Verbesserung der Servicequalität erzielen.

Zum anderen bietet Celonis eine Revisionssoftware an, die sie „Celonis Discovery“ nennt. Sie ermöglicht es Prüfern eine vollständige Auswertung aller Unternehmensprozesse zu machen und alle Risikomuster aufzudecken. Speziell für die interne Revision entwickelt, nutzt die Software die PBI, um die real abgelaufenen internen Unternehmensprozesse zu rekonstruieren und für eine anschließende Analyse aufzuarbeiten. Eigens für die Revision entwickelte Analysen helfen bei der Durchführung des Auditings und Monitorings, egal ob einmalig oder kontinuierlich. Und das kommt bei den Kunden von Celonis an. So nutzt etwa die interne Revision von Siemens die Discovery-Software, um Korruptionsfälle in ihren weltweit tätigen Tochtergesellschaften aufzudecken.

Als junges Start-up ist Celonis aus einem Projekt an der TU München hervorgegangen und arbeitet in einem gemeinsamen Netz mit Experten aus Forschung und Praxis zusammen.

Tong-Jin Smith

Den Po wieder nur halb runter gekriegt während der Kniebeugen? Und bei den Sit-ups ein bisschen mit Kopf und Armen nachgeholfen? Demnächst könnte das strenge Smartphone da intervenieren. „Sie haben diese Übung deutlich zu schnell ausgeführt. Am besten gleich nochmal.“ „LifeHub“ nennen die Gründer der Firma Ideas4Life, Sebastian Meyer, Danilo Schmidt und Friedrich Politz, ihre Software. Das Programm soll eine Echtzeitkontrolle über die korrekte Ausführung von Fitnessübungen ermöglichen. „Wir machen selbst viel Sport oder gehen ins Fitnessstudio“, erzählt Sebastian Meyer. „Dabei haben wir oft gesehen, dass Übungen komplett falsch ausgeführt werden. LifeHub soll da Abhilfe schaffen.“

Das Smartphone mit seiner hochsensiblen Sensorik eignet sich dafür hervorragend. Schon jetzt können die Geräte ihre Position im Raum auf den Millimeter genau wahrnehmen. In Kombination mit dem LifeHub-Programm könnten sie kleinste Erschütterung mit den Bewegungsabläufen einer bestimmten Übung abgleichen. Und natürlich auch den vorab festgelegten Trainingsplan überwachen. Voraussetzung ist nur, dass der Nutzer das Smartphone während der Übungen am Körper trägt. „Dazu braucht man keine spezielle Vorrichtung, eine kleine Tragetasche zum Umschnallen reicht aus“, so Meyer. Wer die nicht zur Hand hat, kann sich das Smartphone notfalls einfach auf den Bauch legen oder in den Hosenbund stecken. „Wir wollen den Sport ja nicht unnötig technisch kompliziert machen. Im Gegenteil: LifeHub soll die Nutzer durch schnelles, konstruktives Feedback zusätzlich motivieren.“

Für ihre Idee, die sich auch im Bereich therapeutische Gymnastik anwenden ließe, sind die drei Studenten aus Berlin und Potsdam in diesem Jahr schon mehrfach ausgezeichnet worden. Bei einem der größten internationalen Technologie-Wettbewerbe, dem Microsoft Image Cup, belegten sie unter den deutschen Einreichungen einen beachtlichen dritten Platz. Vor wenigen Wochen schafften sie es beim Businessplan-Wettbewerb des Hasso-Plattner-Instituts auf Platz zwei. Jetzt fehlt nur noch ein Investor oder ein Existenzgründerstipendium. „Wir sind jedenfalls wild entschlossen, LifeHub erst als App und später auch in einer breiteren Version auf den Markt zu bringen“, sagt Meyer.

Astrid Herbold

90 Prozent der rund sechs Milliarden Rechnungen, die jährlich in Deutschland geschrieben werden, werden noch per Post versandt und für die Ablage kopiert. Das ist Papierverschwendung pur und erhöht zudem unnötig die Betriebskosten. Nicht nur das Material und Porto schlagen zu Buche. Auch das Schreiben, Versenden, Prüfen, Bezahlen und Archivieren ist bei Papierrechnungen erheblich zeitaufwendiger und damit teurer als bei elektronischen Rechnungen. Durch das manuelle Übertragen der Zahlen und Daten zu Überweisungszwecken hat die Papierrechnung ein weitaus höheres Fehlerpotential als digitale Daten, die automatisch übernommen werden können. Bei letzteren besteht allerdings die Gefahr, dass einmal gemachte Fehler von Dokument zu Dokument und von Transaktion zu Transaktion endlos reproduziert werden.

Während Großunternehmen für den elektronischen Datenaustausch teure EDI-basierte Infrastrukturen nutzen, fehlte Selbstständigen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen bislang eine entsprechende digitale Lösung. Doch das soll sich nun ändern – dank Pactas. Das Start-up-Unternehmen wurde im Sommer 2010 von dem Betriebswirt Florian Kamps und dem Softwareentwickler Christoph Menge gegründet und bot acht Monate lang Freiberuflern und Kleinunternehmen eine Internetplattform, mit der Rechnungen versendet, empfangen, verwaltet und elektronisch archiviert werden. Dann wurde das Unternehmen überraschend liquidiert.

Seit Frühjahr 2012 ist Pactas nun wieder am Markt. Der 49-jährige Physiker Ricco Deutscher hat es gekauft und dem Unternehmen neues Leben eingehaucht. Er hatte gerade sein Open-Source-Unternehmen Sopera veräußert und wollte eben mit der Entwicklung eines eigenen Systems zur Abwicklung elektronischer Rechnungen starten. Da hörte er von der Auflösung Pactas, übernahm kurzerhand die Technologie und entwickelt das Konzept jetzt nach seinen eigenen Vorstellungen weiter.

Eine Neuerung der Plattform ist seither, dass eine Rechnung zum interaktiven Medium werden kann. Das heißt, mit nur einem Klick kann der Kunde vom Dienstleister eine Antwort zu Unstimmigkeiten in der Rechnung einfordern oder der Dienstleister dem Kunden mitteilen, dass seine Zahlung eingegangen ist. Zudem soll es zukünftig zusätzlich zur Pactas-E-Invoicing-Plattform eine entsprechende Smartphone-App geben. Es wird außerdem an einer Workflow-Unterstützung für die interne Rechnungsprüfung gearbeitet. Zu guter Letzt wird noch eine Funktion zur automatischen Generierung eines Zahlungsauftrags eingerichtet, so dass die geprüften Rechnungsdaten gleich für das Onlinebanking zur Verfügung stehen.

Claudine Hengstenberg

Während die Nachfrage nach traditionellen Computer- und Konsolenspielen zurück geht, boomen Spielangebote im Internet sowie Spiele für Mobiltelefone, die in App-Stores erworben werden. Entsprechend steigt auch die Zahl der Mobilspieleentwickler an, die meist kleine Unternehmen sind. Für diese ist es gar nicht so leicht, Testspieler zu finden, die – anders als Freunde oder Bekannte – objektiv Kritik an den entwickelten Produkten üben. Doch die Praxis zeigt, dass der Erfolg eines Spiels wesentlich davon abhängt, ob es mehrfach getestet und entsprechend korrigiert wurde.

Das Problem des Testermangels kennt der 26-jährige Marvin Killing nur zu gut: Er leitete selbst eine kleine Spielefirma. Und auch der 24-jährige Christian Reß hörte während seines Auslandssemesters in Kalifornien bei Gamedesign-Vorlesungen und -Projekten häufig von dieser Not. Deshalb entschieden sich die beiden IT-Systems-Engineering-Studenten am Hasso-Plattner-Institut im Frühjahr diesen Jahres das Unternehmen „PlaytestCloud“ zu gründen, um das Testen von Spielen für Entwickler noch komfortabler zu machen.

Ihre Business-Idee ist die Entwicklung einer cloudbasierten Plattform, die Entwickler und Tester zusammenbringt. Auf diese laden Entwickler ihre Spiele hoch, während sich potentielle Spieler als Tester registrieren, ein Spiel inklusive Gebrauchsanweisung via App auf ihr Smartphone laden, das Spiel testen, zur Auswertung einen Fragebogen ausfüllen und als Dank eine Prämie erhalten. Doch noch ist das Zukunftsmusik. Denn die beiden Studenten werden erst Anfang nächsten Jahres ihren Master machen und bis dahin nur in Teilzeit an der Entwicklung arbeiten können.

Zudem mussten die beiden angehenden Ingenieure schon Skepsis einstecken. Sie hatten ihre Idee großen Spielestudios vorgestellt. Doch denen gingen die angebotenen Testmöglichkeiten noch nicht weit genug. Nichtsdestotrotz gibt es auch Förderer: Marvin Killing und Christian Reß gewannen den zweiten Businessplanwettbewerb ihres Instituts und des Risikokapitalfonds Hasso Plattner Ventures (HPV), der von dem gleichnamigen Gründer des größten europäischen Softwareherstellers SAP ins Leben gerufen wurde. Der Gewinn: 100000 Euro. Die Förderung beginnt, sobald die beiden ihren Master gemacht haben. Das Ziel: Bessere Spiele hervorzubringen und die Entwicklung auf das Testen von sämtlichen Mobile-Apps und Webseiten auszudehnen.

Claudine Hengstenberg

Ein Freitagabend im Februar 2011: Das Großraumbüro der IT-Firma „Prisma EDV“, beherbergt in einem Neuköllner Gewerbegebiet, ist längst verwaist. Die Angestellten sitzen schon zu Hause auf der Couch und öffnen ihr Feierabendbier. Nur der Marketingspezialist Martin Krotki, 35, und der Informatiker Vinh-Hieu On, 34, sitzen noch an ihren Arbeitsplätzen. Eine Idee lässt sie nicht los. Vor ihnen liegt eine Zeitschrift. Zu sehen ist eine Werbeanzeige für einen Audi A6. Wie wäre es, eine App zu entwickeln, die das Anzeigenmotiv mit einem schicken Werbespot verbinden könnte? Man müsste das Motiv einfach mit dem Smartphone abfotografieren, die App würde das Bild daraufhin erkennen und einen Weblink zum Spot oder einem anderen Multimedia-Gimmick anbieten. Auf einmal gäbe es eine Schnittstelle zwischen der Bilderflut auf gedrucktem Papier, den traditionellen Holzmedien also, und der reizstarken Onlinewelt.

Nun, im Sommer 2012, hat sich aus dem Geistesblitz von Krotki und Vinh-Hieu On ein veritables Start-up entwickelt. Das liegt daran, dass die App, die beide in kurzer Zeit marktfähig gemacht haben, schnell prominente Kunden gefunden hat. Da ist zum Beispiel das Kölner Unternehmen Ströer, das Werbeplakate im öffentlichen Raum anbringt, z.B. an Litfasssäulen. Lichtet man ein Ströer-Plakat ab, das etwa für Konzerte wirbt, ob für Seeed oder Udo Jürgens, erkennt die App das Bild und übermittelt einen Link zu einem Ticketportal.

Zu den Kunden zählen auch die Frauenmagazine aus dem Bauer Verlag. Sie vertrauen ebenfalls auf das Verknüpfungstalent der App-Algorithmen. Ein Beispiel: Eine Leserin ist angefixt von einem Artikel in der „Intouch“ über Heidi Klums Trennung von Seal. Sie zückt ihr Smartphone, drückt ab und findet daraufhin auf ihrem Display ein exklusives Video der „Intouch“-Redaktion. Darin trägt eine Redakteurin zusätzliche Hintergrundinformationen über den Rosenkrieg der beiden Promis vor.

Krotki und Vinh-Hieu On nennen ihre App „snap2life.de“, noch wird sie unter dem Dach ihres Arbeitgebers „Prisma EDV“ vertrieben. Einen Gewinn im sechsstelligen Bereich hat sie bisher abgeworfen. Die beiden Urheber wollen nun aus ihrer Mutterfirma aussteigen und sich mit ihrer Idee selbstständig machen. „Der internationale Markt ist unser Ziel“, sagt Krotki. Um dieses Vorhaben zu meistern, fehlt noch ein Investor.

Philipp Wurm

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