Zeitung Heute : Neue Käuferschichten im Visier

Uwe Gepp

"Guten Tag, Herr Meier. Hat Ihnen meine Empfehlung vom letzten Mal gefallen?" Der höfliche, wenn auch virtuelle Buchverkäufer Eckermann im Internet rät seinem Kunden heute zur Bismarck-Biographie von Lothar Gall. Diese Vision des Buchkaufs im Jahr 2005 präsentierte der Bertelsmann-Manager Klaus Eierhoff in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse. Die Revolution durch die elektronischen Medien hat auch Buchhandel und Verlage erfasst, und die Branche pendelt zwischen Panik und Aufbruchstimmung.

Bis 2003 werde sich der Umsatz in Deutschland mit Büchern im Internet auf 1,2 Milliarden Mark im Jahr verzehnfachen, schätzt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Anteil am Gesamtumsatz stiege von einem auf immerhin rund sieben Prozent. "Das Internet ist eine Bedrohung für den Buchladen an der Ecke", sagt Richard von Rheinbaben vom Online-Anbieter buecher.de. Nur schiere Größe oder eine Spezialisierung könnten wirksam schützen. "Die Landschaft des Buchhandels in Deutschland wird sich radikal verändern."

Der Vorsteher des Börsenvereins, Roland Ulmer, betont dagegen, die Buchhändler hätten das Internet als Chance begriffen. Rund die Hälfte der E-Commerce-Umsätze erzielten derzeit rund 1200 Sortimentsbuchhandlungen mit ihrer "elektronischen Filiale" im Netz. Das Internet sei eben auch "ein lokales und regionales Medium". Auch Kultur-Staatsminister Michael Naumann hält nichts von bisweilen zu vernehmenden "apokalyptischen Untertönen". Schließlich ermögliche das Internet auch, dem Buch neue Käuferschichten zu erschließen.

Natürlich wird es weiter Buchläden geben, darin sind sich alle einig. "Die nette Verkäuferin, die mir die Bismarck-Biographie näher bringt, ist schlichtweg durch nichts zu ersetzen", weiß Bertelsmann-Manager Eierhoff um die Grenzen seines 3-D-Verkäufers im Cyberspace bei BOL.de.

Eine große Rolle spiele dabei die Preisbindung der Bücher, meint Rheinbaben von buecher.de. Die Europäische Kommission werde den festen Ladenpreis spätestens in ein paar Jahren kippen, und dann könne das Internet seine großen Trümpfe voll ausspielen: Weltweite Kostentransparenz und Flexibilität, etwa bei der Preisauszeichnung. Dass das globale Medium Internet selbst zur Aushöhlung der Buchpreisbindung beitragen werde, glaubt Eugen Emmerling vom Börsenverein indes nicht. Die Anbieter und der Auslieferer befänden sich in Deutschland und seien damit den Fixpreisen unterworfen. Die Entwicklung der Technik verändert nicht nur den Vertrieb. Auf der Frankfurter Messe zeigen Aussteller, wie Bücher erst nach der Bestellung durch den Kunden hergestellt werden. Das "Publishing on Demand" ermöglicht individuelle Bücher - Brockhaus bietet persönliche Bücher zum Jahrtausendwechsel an. Andererseits kann das Verfahren mit nur geringen Kosten alle in Schubladen verstaubende Romane ans Licht der virtuellen Öffentlichkeit holen und vergriffene Bücher, für die sich eine Neuauflage nicht lohnt, stets verfügbar halten. Wirtschaftlich aber dürfte das "Printing on Demand" kaum über ein Nischendasein herauskommen.

Zurückhaltend äußert sich der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren im Börsenverein zu den Chancen einer Neuheit, die auf der Messe vorgeführt wird. Das eBook kann mit immer neuen Titeln frisch geladen werden. Minister und Ex-Verleger Naumann habe schon erklärt, dass er mit so einem Gerät nicht abends im Bett schmökern könne, berichtete der Gründer des Arbeitskreises, Florian Langenscheidt.

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