Zeitung Heute : Neue Kochbücher: Von der Kino-Leinwand direkt in den Kochtopf

Elisabeth Binder

Es gibt noch so eine Restgemütlichkeit, die Weihnachten umgibt. Wenn der große Jahresendstress sich legt, dann bleibt, ein paar Tage lang, endlich einmal Zeit, Dinge zu tun, die man schon immer tun wollte. Kochen zum Beispiel - oder Kuchen backen. Es ist ja wirklich ein seltsames Phänomen: Je mehr einfach zu erwärmendes Convenience Food auf den Markt kommt, das man auf deutsch vielleicht Bequemlichkeitsessen nennen kann, desto mehr Platz räumen die Buchhandlungen den Kochbüchern ein.

Natürlich eignen sich Kochbücher gut als Geschenke. Sie gehören in die Kategorie der neutralen Gaben, mit denen man wenig falsch machen kann. So ähnlich wie Sampler klassischer Musik. Es gibt sie zu so ziemlich jedem Thema, so dass man dem Kochbuchgeschenk immer eine persönliche Note verleihen kann. "Ich schau dir in den Kochtopf, Kleines" etwa ist eine Neuerscheinung dieses Herbstes und durchaus geeignet, regelmäßige Kinogänger zum Popcornentzug zu verleiten. Von Alligatoren-Frikadellen über Bärenbraten und dem Titanic-Menü bis zu Wodka Martini finden Film-Freaks hier lauter Gerichte, die sie schon von der Leinwand kennen und nun im eigenen Topf nachkochen können. Gut geeignet ist das auch für subtile Botschaften: Verführungskünstler würden vielleicht Sallys Apple Pie à la Mode aus "Harry und Sally" als Dessert eines Candle-Light-Dinners auftischen und dabei hoffen, dass eventuelle Stöhnattacken von echter Lust (am Essen natürlich) ausgelöst werden. (Ich schau dir in den Kochtopf, Kleines!, Companions Verlag, Hamburg 2000, 136 Seiten, 36 DM).

Wer mehr auf stille Bilder steht, wird in dem im gleichen Verlag erschienen "Mahlzeit. Meisterwerke und ihre kulinarischen Geheimnisse zum Nachkochen" (136 Seiten, 36 DM) eher fündig werden. Jedenfalls, wenn die Häppchen zu klein waren. Die Verführungsstrecke dürfte hier vielleicht das von Caravaggios Früchtekorb inspirierte Feigenparfait abdecken, während der Hamburger à la Andy Warhol sich gut fürs Après-Vernissage eignet. Tizians Venus von Urbino, die in diesem Werk die Patenschaft für Linguine mit Venusmuscheln übernimmt, hat zudem einen zur Plätzchensaison nicht zu unterschätzenden Vorteil: Ihr Anblick beweist, dass Sinnlichkeit nicht nur von Mager-Models verbreitet wird.

Wer ein Stück kulinarische Heimatkunde verschenken möchte, ist in diesem Winter gut bedient mit dem Titel "Berlin kocht", weil es nicht nur die hiesige Regionalküche attraktiv aufpoliert, sondern auch sehr lesenswerte und unterhaltsame Texte enthält zur Geschichte der preußischen Art des Genießens (Wolf Thieme/Siegfried Rockendorf, Stern-Buch bei Hölker, 49,80). Wenn wir Michael Käfer eingemeinden, fiele auch dessen Buch in diese Kategorie. Das "Käfer-Kochbuch" (Gräfe + Unzer, 49,90 DM) ist jedenfalls wunderbar geeignet für Kocheleven mit Ehrgeiz und ausbaufähiger Erfahrung. Klar, übersichtlich, nachkochbar. Wer schon ein bisschen souveräner mit Topf und Pfanne umgeht, wird finden, dass die meisten Rezepte, auch in noch so schön aufgemachten und sorgfältig präparierten Kochbüchern, verbesserungsfähig sind - und sei es nur, um sie dem eigenen Geschmack anzupassen. Manchmal isst man auch etwas im Restaurant, was man dann nachkocht.

Einige Rezepte eignen sich als Inspiration; den letzten Geschmackspfiff werden sie erst bekommen, wenn man eigene Vorlieben einbaut - oder die der Beschenkten. Eine Zeit lang war es Mode, selbstgemachte Marmelade zu verschenken. Warum nicht lieber die Früchte eigener Erfahrungen als Do-it-yourself-Anleitung auf den Gabentisch legen? So aufwendig ist das gar nicht. Überall gibt es schöne Blankobücher. Man kann da wunderbar Computerausdrucke einkleben, wenn die Leserlichkeit der eigenen Handschrift nicht reicht. So ein Buch kann man ja im Freundeskreis herumreichen und jeden bitten, sich mit seinem Lieblingsrezept einzutragen. So lässt sich das alte Poesiealbenspiel für erwachsene Genießer nutzen. Wenn die Zeit nicht mehr reicht, kann man dieses Jahr durchaus noch mal etwas aus der Buchhandlung verschenken. Aber dann bitte die Tage zwischen den Jahren nicht nutzlos verstreichen lassen! Weihnachten 2001 kommt schneller, als Sie denken.

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