Zeitung Heute : Neue Konzepte für Programmzeitschriften gesucht

Michael Hopp

Zwei Ankündigungen der letzten Tage richten die Aufmerksamkeit auf den Markt der Programmzeitschriften, um den es in letzter Zeit eher ruhig geworden war. So plant der Heinrich Bauer Verlag, den Preis der 14-täglichen "TV Movie" zur Ausgabe 14 vom 23. Juni um einen Groschen auf 2 Mark 70 anzuheben. Erwartet wird, dass diesem Schritt die Verlagsgruppe Milchstrasse mit "TV Spielfilm" folgt. Auf der Erlös-Seite summieren sich die zehn Pfennig bei den hochauflagigen Titeln erheblich: Beide Verlage könnten mit einem Plus von zwei bis drei Millionen Mark pro Jahr rechnen. Freilich kann sich das kaufmännische Kalkül auch als falsch erweisen. Dann nämlich, wenn durch den höheren Preis noch mehr Käufer zu den neuen 14-täglichen Billigheimern "TV direkt" und "TV 14" überlaufen. Zweite Meldung, diesmal aus dem Axel Springer Verlag heraus gedrungen: Man plane dort den neuen Programm-Titel "Top TV" mit dem Schwerpunkt Pay-TV.

Die beiden scheinbar unzusammenhängenden Meldungen zeigen, wie sehr die Verlage um eine Aufbruchstrategie kämpfen - zumal dieser rückläufige Markt von Königsideen, wie vor neun Jahren die Gründung der 14-täglichen, zuletzt nicht verwöhnt war. Wenn das ständige Drehen an der Preisschraube nichts mehr bringt, entsteht zwangsläufig die Diskussion, ob man nicht durch neue Titel an Fahrt gewinnen könne.

Neu mutet der Weg an, den Springer mit einer ausführlichen Darstellung von PremiereWorld einschlägt. Das Risiko dabei ist, dass sich das Pay-Publikum mit dem gratis zum Programm-Abo gelieferten und inzwischen erstklassig gemachten Magazin "PremiereWorld" zufrieden gibt und nicht noch mal zur Kasse gebeten werden will. Auch die Gesamtdarstellung aller Free- und Pay-Angebote sieht nur in der Theorie gut aus. In der Praxis ergäbe dies Hefte von Telefonbuchstärke, bei denen von Übersichtlichkeit nicht mehr die Rede mehr sein kann.

Trotzdem ist der Gedanke richtig, sich für den Start einer neuen Programmzeitschrift an einen Trend des Senderangebots zu hängen - so wie die 14-täglichen Hefte einst das durch die Privatsender explodierende Spielfilmangebot zum Anlass nahmen, eine neue Art von Programminformation ("Alle Spielfilme gesehen und bewertet") zu etablieren. Die Zeit wäre auch deshalb reif, weil die Spielfilm-Orientierung längst nicht mehr so attraktiv ist: Mehr als die Hälfte der ausgestrahlten Filme sind heute Wiederholungen. Und das Thema "Spielfilm" verliert bei den Sendern an Bedeutung zugunsten eigener Formate wie Talk, Serie und Show, die vor allem das begehrte junge Publikum anziehen.

Das Gucken von Spielfilmen im TV steht längst nicht mehr synonym für "junges Fernsehen". Der Typus, der andächtig Showview programmiert und sich nach selbstklebenden Video-Etiketten verzehrt, wirkt heute durchaus anachronistisch. Bei der Vermarktung von TV Movie & Co. wird es zunehmend schwierig, die mit ihrer Zeitschrift in die Jahre gekommene Leserschaft als auffällig "jung" anzupreisen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die grossen Tanker schlecht manövrierfähig sind, woran auch die häufigen Welchsel der Chefredakteure nicht viel ändern. Stutzte einer etwa die Seiten für Spielfilmbeschreibungen auf ein marktadäquates Maß zurück, hätte er sofort mit dem Protest jener Fans zu rechnen, die sich über die Jahre an diesen Service gewohnt haben, auch wenn sie es vielleicht gar nicht nutzen. Da im Moment keiner auch nur auf einen Leser verzichten kann, sind bei den etablierten 14-täglichen keine Innovationssprünge zu erwarten.

Je mehr sich der Markt freilich in die Defensive begibt, desto größer wird die Chance für neue Ideen. Die Erkenntis, dass "unter" TV Movie & Co. Platz werden müsse für ein jüngeres Blatt, ist in den Verlagshäusern seit Jahren geläufig. "TV direkt" und "TV 14", die wichtigsten Neugründungen, richten sich aber an ein noch "älteres" Publikum als die alten 14-täglichen und verkaufen in erster Linie über den Preis. Die Frage, was in diesem Printmarkt als "jung" gelten könnte, haben auch sie nicht beantwortet.

Als Etappensieg kann die Programmpresse einstweilen vermerken, dass sie durch das Internet weniger angreifbar zu sein scheint als andere Gattungen. Die vorsorglich in der eigenen Hand behaltenen Web-Angebote ("TV Movie online") wachsen deutlich langsamer als der Internet-Markt und sind nur erfolgreich, wenn die Programminformation in attraktive Portale ("TV Today Networld") eingebettet ist.Der Autor war bis Mai 1999 Chefredakteur von "TV Movie".

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