Zeitung Heute : Neue Kraft für Krebspatienten

Der Tagesspiegel

Von Adelheid Müller-Lissner

Das Frühstück zuzubereiten war die erste große Herausforderung des Tages. Und den Hund beim Gassigehen an der Leine zu halten, war eine Aufgabe, die ihr jeden Tag erdrückend bevorstand. Bärbel T. war vor ihrer Brustkrebsoperation und der anschließenden Behandlung mit Zellgiften und Bestrahlung eine tatkräftige Frau gewesen.

Dann, Monate später, als eigentlich alles gut überstanden war, fühlte sie sich schwach, erschöpft und ewig müde. „Ich hab das immer so ein bisschen ins Lächerliche gezogen, weil ich wirklich der Meinung war, das liegt an mir“, sagt sie. Zu erfahren, dass viele andere Krebspatienten unter den gleichen Problemen leiden, dass es dafür Gründe gibt, und nicht zuletzt: dass das Phänomen einen Namen hat, war für die Mittvierzigerin eine große Befreiung. Der Name für das Erschöpfungssyndrom ist „Fatigue“, was aus dem Französischen kommt und Müdigkeit bedeutet.

Ermattung macht still. Fatigue ist anders als Schmerz oder Übelkeit, es ist ein unauffälliges Krankheitssymptom. Eine Befragung von Krebspatienten in den USA ergab, dass 87 Prozent von ihnen schon einmal damit zu kämpfen hatten. Ein Drittel hatte auch mit dem betreuenden Arzt darüber gesprochen – aber nur sechs Prozent der Mediziner konnten sich später an solche Klagen erinnern.

Dabei ist die Mattigkeit inzwischen für viele Krebspatienten zur Krankheitsfolge geworden, die sie am meisten belastet. Gegen Schmerzen nach Operationen und Übelkeit als Folge der Chemotherapie werden heute wirkungsvolle Medikamente eingesetzt. Das anhaltende Erschöpfungsgefühl aber macht es vielen Betroffenen noch Monate nach der Behandlung unmöglich, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Das Privatleben leidet, weil auch die Geduld von Partnern, Familie und Freunden sich irgendwann erschöpft.

Die Fatigue von Krebspatienten ist nicht gleichzusetzen mit dem „Chronic Fatigue Syndrome“, das seit einigen Jahren von sich reden macht, für das aber noch keine klare Definition und keine eindeutigen Ursachen gefunden wurden. Bei der Fatigue der Krebskranken ist das anders. Die Ursachen liegen teilweise in den körperlichen Folgen der Krankheit selbst. Dazu kommt die psychische Belastung, die mit der Diagnose einhergeht. Zwar kann sie oft mit einer psychotherapeutischen Begleitung gemildert werden. Zum guten Teil ist die Mattigkeit aber auch Folge der teilweise sehr aggressiven Behandlungsformen.

Häufig führen sie zu einer Erscheinung, die ungenau als „Blutarmut“ bezeichnet wird. Eigentlich fehlen bei der Anämie nur die roten Blutkörperchen. Sie haben die Aufgabe, die Körperzellen mit Sauerstoff aus den Lungen zu versorgen. Wenn in den Muskeln und Nerven nicht genügend Sauerstoff ankommt, ist die Leistungsfähigkeit eingeschränkt.

Krebs geht oft mit Anämie einher. Einige Krebserkrankungen führen zur Beeinträchtigung der Funktion des blutbildenden Knochenmarks, oft fehlen auch Vitamine und Eisen. Vor allem aber ist es der Kampf gegen den Tumor, der zu Blutarmut führen kann: Bei Operationen kann es zu Blutverlust kommen, die Strahlentherapie schädigt das Knochenmark. Auch die Zellgifte, die bei der Chemotherapie gegen Krebs eingesetzt werden, führen häufig zu Blutarmut. Im Laborbefund schlägt sich das in einer Abnahme des roten Farbstoffs im Blut nieder: Der Hämoglobin (kurz: Hb)-Wert ist niedrig. Bluttransfusionen helfen, sind jedoch oft knapp und bergen ein geringes Infektionsrisiko.

Doch es gibt Hilfe. So kann man Krebspatienten mit Blutarmut Mittel spritzen, die die körpereigene Blutbildung stimulieren. Das Hormon Erythropoetin, das dafür in Frage kommt, wurde als „Epo“ in der Öffentlichkeit eher durch Doping-Skandale bei Sportlern bekannt. Der Stoff, der die Ausreifung der roten Blutkörperchen im Knochenmark anregt, wird in den Nieren gebildet. Epoetin, das die gleichen biologischen Eigenschaften hat wie das körpereigene Hormon, das die Blutbildung stimuliert, wird inzwischen biotechnologisch hergestellt. Im Unterschied zum Doping versucht man beim therapeutischen Einsatz von „Epo“ aber keine überhöhten Hb-Werte zur künstlichen Leistungssteigerung zu erreichen, die oft mit Nebenwirkungen wie Thrombosen bezahlt werden. Die Werte sollen nur zurück in den normalen Bereich gebracht werden, um die Fatigue zu bekämpfen.

Epoetin verbessert möglicherweise auch die Lebenserwartung. Tierexperimente zumindest haben gezeigt, dass Chemotherapien besser wirken, wenn der Hämoglobinwert höher ist. „Es scheint, als spielten die roten Blutkörperchen nicht nur eine Rolle beim Transport von Sauerstoff, sondern auch beim Transport der zelltötenden Medikamente“, sagte der belgische Onkologe Simon van Belle unlängst auf einem Symposium des Europäischen Brustkrebskongresses in Barcelona.

Nun gibt auch eine Studie aus England erste Hinweise in diese Richtung (veröffentlicht im „Journal of Clinical Oncology“, Band 19, Nr. 11, S. 2865-74) . Krebspatienten, die wegen niedriger Hämoglobin-Werte mit Erythropoetin behandelt wurden, lebten länger als die Vergleichsgruppe, die nur ein Scheinmedikament bekam. Die Verfasser dieser Studie weisen allerdings darauf hin, dass ihre Ergebnisse einstweilen nur mit Vorsicht zu genießen sind. Dass die mit Epoetin behandelten schwer Krebskranken noch durchschnittlich 17, die mit einem Scheinmedikament behandelte Kontrollgruppe elf Monate lebte, ergab sich nämlich als Nebenbefund der Untersuchung. Deren Hauptinteresse galt der Frage, ob die Blutwerte und das Befinden von Krebspatienten mit niedrigen Hb-Werten sich durch Epoetin besserten – und diese Frage konnte bejaht werden. Eine Wunderwaffe für alle Patienten mit Fatigue ist das teure Hormon aus dem Labor allerdings noch nicht.

Gegen die Fatigue können Krebspatienten auch selbst eine Menge tun. Sozialer Rückzug und die Gewohnheit, die Tage weiter im Bett zu verbringen, können das Mattigkeitsgefühl weiter verstärken. Fernando Dimeo vom Institut für Sportmedizin der Freien Universität in Berlin empfiehlt Bewegung gegen die Müdigkeit: Ein maßvolles Ausdauertraining unmittelbar nach der Chemotherapie, aber auch in den Intervallen dazwischen, hilft gegen das Erschöpfungsgefühl und sorgt dafür, dass der Verlust an Muskelmasse nicht unnötig groß ausfällt. Patienten, die wegen einer Knochenmarkstransplantation lange Zeit isoliert in ihrem Zimmer bleiben müssen, bekommen deshalb am Universitätsklinikum Benjamin Franklin ein Laufband ins Zimmer. Jeden Tag 20 Minuten zu gehen, hilft auch gegen Depressionen. „Den Patienten, die über unerklärliche Schlappheit klagen, empfehlen wir Bewegungstherapie“, sagt Dimeo. „Die meisten sind damit gut beraten.“

Mehr Infos im Internet unter: www.krebsinformation.de

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