Zeitung Heute : Neue Länder erleben

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es gibt kaum Gründe, Berlin zu verlassen, wenn das Wetter schön ist, die Luft lau, der Himmel blau, die Sonne prall. Ich habe trotzdem eine Reise gebucht. In ein exotisches Land, wo es noch viel wärmer ist als hier. Doch je wärmer es hier wurde, desto mehr befielen mich Zweifel, ob das wirklich Not täte. Dieses Reisen, wozu? Rat- und ahnungslos stolpert man durch fremde Welten, versteht die Einheimischen nicht, kann nicht einmal die Schrift lesen und egal, was man bestellt, man bekommt etwas anderes. Es gibt Menschen, die finden das interessant, mich irritiert es. Ich weiß lieber, was die Dinge bedeuten, die um mich herum geschehen. Manchmal ist es mir sogar zu viel, wenn ich über den Türkenmarkt am Maybachufer spaziere. Aber von dort aus ist man ja schnell wieder zu Hause. Ganz ohne Flugzeug. Ohne Warten in der Schalterhalle, hektisches Umsteigen vom internationalen auf nationale Airports, ohne Koffer weg und dieses ganze elende Zeugs.

Mit dem Ticket schon in der Tasche machte ich mir mit einer Freundin aus New York einen gemütlichen Abend am Paul-Lincke-Ufer, noch mal Berlin erleben, bevor es in die wahre Fremde geht. Wir spazierten herum, sie schwärmte von der schönen Straße mit ihren vielen Cafés und Restaurants und sagte, dass die Wirte in New York sich ein Bein ausreißen würden für so einen Standort und dass die New Yorker Schlange stehen würden. Wir gingen ins „Cena“. Auf der Karte fanden wir Hirsch, selbst geschossen auf Usedom. Ja, kieke ma, dit is Balin, immer ne Überraschung uff Lager, lobte ich. Wir fragten den hoch gewachsenen Kellner mit stahlblauem Blick, wer das edle Tier erlegt habe, und er sagte: „Na, ich.“ Da waren wir noch beeindruckter. Wir fragten noch ein Paar Sachen rund um die Jagd, bestellten – und sahen den jagenden Kellner lange nicht wieder.

Irgendwann kam er doch nochmal vorbei und fragte, ob es noch was sein dürfe. Ach, das Essen, ach Gott, das hatte er ganz vergessen, nein so etwas, oje. In New York wäre er dafür arbeitslos geworden. Wein? Aber klar, was wir wünschten? Cabernet Sauvignon bitte und ein Glas Sprudel. Er brachte ein Glas stilles Wasser und sagte, der Cabernet Sauvignon sei leider aus. Allmählich wurde mir der Laden peinlich. Um die Antipastibar schlenderte ein Mann herum mit dreckiger Schürze, der Koch, wie sich ergab, als wir dem Dressing für den Salat nachliefen. Als ich mit der Mini-Sauciere neben dem jagenden Kellner stand, teilte ich ihm noch mit, dass im Damen-WC das Papier fehlt. Am Ende zahlten wir eine Rechnung, die ich für üppig hielt, aber nicht meine Begleiterin: So wenig, das sei ja toll, haha!

Zu Hause fand ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Die Fluglinie, die mich ins exotische Ausland bringen sollte, teilte mit, dass der Flug sich um fünf Minuten verspäten würde. Man wollte nicht, dass ich warten müsse. Nun ja, es ist wirklich alles sehr verschieden an den unterschiedlichen Ecken der Welt, dachte ich, und dann freute ich mich wieder auf das exotische Land.

Cena, Paul-Lincke-Ufer 44a, mit vielen Außenplätzen und dienstags und freitags von 12 bis 19 Uhr mit Blick auf den Türkenmarkt gegenüber .

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