Zeitung Heute : Neue Nachbarn

Auch die Natur spürt die Globalisierung: Tiere und Pflanzen erobern neues Terrain, andere Arten verschwinden

Patricia Pätzold
Umgezogen. Immer mehr Wildtiere, wie dieser Fuchs, besiedeln die Städte. Auch zahlreiche Pflanzenarten erschließen sich neue Lebensräume. Solche biologische Invasionen können weitreichende Folgen haben. Foto: imago/Kai Horstmann
Umgezogen. Immer mehr Wildtiere, wie dieser Fuchs, besiedeln die Städte. Auch zahlreiche Pflanzenarten erschließen sich neue...Foto: IMAGO

Die Natur kennt keinen Stillstand. Sie verändert sich ständig, um sich an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen. In den einzelnen Lebensräumen sterben manche Tier- und Pflanzenarten aus, es kommen aber auch neue hinzu. In den vergangenen Jahrzehnten hat diese Veränderung jedoch gravierende Ausmaße erreicht – und läuft vor allem mit vergleichsweise hohem Tempo ab. Die karibischen Korallenriffe zum Beispiel sind bereits zu 80 Prozent zerstört.

Doch die Ursache für den gegenwärtigen Wandel sind nicht Asteroideneinschläge oder heftiger Vulkanismus, die bislang in der Erdgeschichte als Treiber für massive Veränderungen galten, sondern der Mensch.

Umweltverschmutzung, Zersiedlung, die Abholzung von Waldflächen – jedes Jahr ist das insgesamt eine Fläche von der Größe Griechenlands – und daraus folgende Klimaveränderungen beschleunigen laut einer Uno-Studie das Aussterben von Lebensformen. Aber nicht nur: Auf der anderen Seite wird dadurch auch die globale Einwanderung exotischer Arten in fremde Biotope begünstigt, wo sie einheimische Arten gefährden können. Die Uno hat deshalb das Jahr 2010 zum „Jahr der Biodiversität“ erklärt.

Die Wissenschaftler am Institut für Ökologie der TU Berlin forschen bereits seit Jahren zu diesem Problem. Schwerpunkt der Arbeitsgruppe von Ingo Kowarik ist die Stadt- und Invasionsökologie. „Wir wollen neue Spielräume für neue Natur schaffen, insbesondere in der Stadt“, sagt der TU-Professor, der zugleich Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege ist. Mit seinem Team erarbeitet er derzeit unter anderem Grundlagen für die „Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt“. Dabei kooperieren die Forscher mit der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Die letzten Zahlen der Roten Liste von 2009 hat man dort sehr ernst genommen. Danach sind bereits 72 Prozent aller Lebensräume in Deutschland gefährdet oder sogar akut von Vernichtung bedroht. Etwa ein Drittel der heimischen Tierarten und ein Viertel der Pflanzenarten sind bestandsgefährdet“, sagt Kowarik.

1992 gehörte Deutschland zu den ersten Staaten, die beim so genannten Erdgipfel der Vereinten Nationen die Biodiversitätskonvention ratifizierten. 2007 initiierte die Bundesregierung eine „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“. „Urbane Gebiete haben aber ihre eigenen Gesetze und Bedürfnisse“, sagt der Ökologe. Die biologische Vielfalt sei ein wesentlicher „Wohlfühlfaktor“ in Berlin und müsse daher in eine nachhaltige Stadtentwicklung integriert werden.

Über die zahlreichen in Berlin vorkommenden Tiere und Wildpflanzen wissen die Ökologen gut Bescheid. Nun müssen für alle städtischen Lebensräume Indikatoren festgelegt werden, an denen sich Erfolg oder Misserfolg von Maßnahmen misst, die die biologische Vielfalt fördern.

Mit der Entwicklung solcher Indikationssysteme, die Biodiversitäts-Veränderungen anzeigen, beschäftigt sich der Juniorprofessor des Instituts, Frank Dziock. „Eine Katastrophe wurde für uns zum Glücksfall“, sagt Dziock. Im Jahr 2002 überschwemmte eine Jahrhundertflut das Unesco-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe, ein Ereignis, das durchschnittlich nur alle 169 Jahre einmal vorkommt. „Das Reservat war für unsere Forschungen ein ideales Feld, weil es dort eine für mitteleuropäische Verhältnisse naturnahe Auenlandschaft gibt. Solche Auen gehören zu den artenreichsten und gleichzeitig am meisten gefährdeten Lebensräumen in Europa“, erläutert der Wissenschaftler.

Aus dem Verbundprojekt „Riva“ (Robustes Indikationssystem für ökologische Veränderungen in Auen), an dem neben Dziock 30 weitere Forscher beteiligt waren, lagen schon umfangreiche Daten über Flora und Fauna aus den Jahren 1998/99 vor. Nach der Flut begann die Zählung von Schwebfliegen, Schnecken und Laufkäfern, die repräsentativ für den Lebensraum Auenlandschaft sind, von Neuem. Zusammen mit dem Umweltforschungszentrum Halle-Leipzig (UFZ) konnte Dziock einen Vorher-Nachher-Vergleich machen.

„Mit den daraus entwickelten Modellen können wir nicht nur den ökologischen Zustand einer Landschaft bewerten“, sagt Dziok. „Wir können auch ihre Veränderungen prognostizieren, insbesondere, wenn sie massiven menschlichen Eingriffen ausgesetzt ist.“

Schwerwiegende Folgen für die ortstypische Flora und für das Umfeld des Menschen haben auch biologische Invasionen, also das Eindringen fremder Tier- und Pflanzenarten in bestimmte Lebensräume. Die Biologin Heinke Jäger arbeitet zu diesem Thema auf den Galápagos-Inseln. Soeben hat sie ein Marie-Curie-Stipendium eingeworben, das ihr drei Jahre Forschungsarbeit im Ausland und an der TU Berlin ermöglicht.

„So weit muss man aber gar nicht gehen, um die Wirkung eingeschleppter Pflanzen und anderer Lebensformen, sogenannter Neobiota, zu beobachten“, erklärt Ingo Kowarik. „Deutschland und auch Berlin kämpft beispielsweise seit Jahren gegen die Ambrosia.“ Sie hat sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland ausgebreitet und ruft bei Allergikern heftige Reaktionen hervor.

Die Spur dieser Pflanzen führt quer durch Europa. „Viele Samen reisen per Anhalter tausende von Kilometern weit, in den Rillen der Autoreifen“, hat Moritz von der Lippe herausgefunden. Er hat für seine Dissertation, die er am Graduiertenkolleg „Stadtökologie“ der drei großen Berliner Universitäten abgeschlossen hat, die Wege dieser Pflanzen verfolgt.

In einer internationalen Fachgruppe namens „Neobiota“ widmet sich Kowarik bereits seit Jahren der länderübergreifenden Forschung zu biologischen Invasionen. „Viele Entwicklungen sind unumkehrbar“, stellt er klar. „Wir suchen deshalb auch nach positiven Aspekten der ökologischen Veränderungen.“

Ein Gewinner des Klimawandels ist zum Beispiel der Götterbaum, ursprünglich in China heimisch. Er ist anpassungsfähig und genügsam und sein Wachstum startet bei höheren Temperaturen richtig durch. Nach Ansicht von Kowarik ist es der „ideale Stadtbaum der Zukunft“.

Das Gewächs wird in den institutseigenen Klimakammern untersucht. In diesem geschlossenen System können die Forscher unabhängig von der Tages- oder Jahreszeit optimale Licht-, Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen für den bis zu 30 Meter hohen Baum herstellen. Hunderte Exemplare haben die TU-Ökologen schon gezüchtet – als Testkandidaten für das Klima von morgen.

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