Zeitung Heute : Neue Opfer, neue Sprache

Am 2. APRIL fallen vier deutsche Soldaten bei Kundus. Sie sind nicht die letzten Toten

Seit neun Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan. Das hat das Land verändert. Jenes zwischen Ostsee und Alpenrand vielleicht mehr als das am Hindukusch.

Noch vor gut einem Jahr galt die Mission in der Politik als Stabilisierungseinsatz, inzwischen ist Krieg wieder nicht mehr nur denkbar, sondern auch sagbar. Tote, Verwundete, Versehrte sind dabei keine Routine, gehören aber zur neuen Realität dazu – und werden Begleiter der Einsätze „auch in den nächsten Jahren sein, nicht nur in Afghanistan“, mahnt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Am Karfreitag, dem 2. April 2010, sterben die Fallschirmjäger Niels Bruns, 36, Robert Hartert, 25, und Martin Augustiniak, 28. Bei der Trauerfeier sagt Kanzlerin Angela Merkel, die Männer seien für ihr Land gestorben. „Ich verneige mich vor ihnen. Deutschland verneigt sich vor ihnen.“ Am 15. April werden vier weitere deutsche Soldaten getötet: Jörn Radloff, 38, Marius Dubnicki, 32, und Josef Kronawitter, 24, durch eine Sprengfalle, Oberstabsarzt Thomas Broer (33) beim Granat-Angriff auf sein Sanitätsfahrzeug. An die Hinterbliebenen gerichtet sagt Guttenberg, „in politischer Verantwortung hat man Sie, verehrte Angehörige, auch um Verzeihung zu bitten“. Am 15. Oktober steht der Verteidigungsminister erneut vor einem Sarg, um Abschied vom 26-jährigen Oberfeldwebel Florian Pauli zu nehmen, der bei einem Selbstmordanschlag getötet wurde. Am 17. Dezember stirbt ein 21-jähriger Hauptgefreiter bei einem Unfall.

Vieles hat sich 2010 verändert. Im Mai verlegt die Bundeswehr mit drei Panzerhaubitzen erstmals schweres Kriegsgerät nach Afghanistan. Sie beschränkt sich nicht mehr auf die Verteidigung, sondern kämpft, aktiv und offensiv. Das strategische Ziel lautet, so beschließt es die internationale Gemeinschaft im Januar, das Land gemeinsam mit afghanischen Polizisten und Soldaten von den Aufständischen zurückzuerobern und bis 2014 in die Verantwortung der heimischen Sicherheitskräfte zu übergeben. In der Folge sind die Soldaten erstmals häufiger in Gefechte verwickelt als dass sie Opfer von Sprengsätzen werden. Insgesamt kamen bis Mitte Dezember 45 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ums Leben.

Was macht der Krieg mit den Deutschen? Er stürzt sie in Tragödien. Er reißt junge Menschen aus dem Leben, macht Kinder vaterlos, nimmt Frauen den Mann, Geschwistern den Bruder, Eltern das Kind. Er bringt Soldaten in grausame Situationen, belastet sie mit Bildern, die sie nicht mehr loswerden. Er konfrontiert eine Wohlstandsgesellschaft mit der Aufgabe, diesen an Zahl stetig zunehmenden Traumatisierten zu helfen - und überfordert sie damit.

Auch politisch verändert der Krieg die Republik. Einerseits verstärkt sich der Trend zum Showbusiness: Guttenbergs Truppenbesuch mit Gattin Stephanie und Talkmaster Johannes B. Kerner im Gefolge stieß bis in die Reihen der Regierungsparteien manchem übel auf. Andererseits militarisiert sich nicht nur die Sprache: In Berichten werden wieder „Feuerkämpfe geführt“, „auf Nahkampfdistanz“ und unter „massivem Feindfeuer“. Auch das Militär wird militarisiert: Die Bundeswehr wandelt sich von einer Wehrpflichtigen-Verteidigungs- zu einer Berufs-Interventionsarmee.

Bei alldem wächst die Kluft zwischen Regierten und Regierenden. Während demokratische Gesellschaften, die deutsche zumal, sich tendenziell als „postheroisch“ verstehen und soldatische Leitbilder wie „Ehre“ und „Treue“ mehrheitlich ablehnen, dient die Politik hierzulande „Opferbereitschaft“ wieder als Tugend an. 2009 wurde eine Tapferkeitsmedaille geschaffen, 2010 die Gefechtsmedaille gestiftet. Die Truppe jubelt. Kritiker erinnern an Bert Brecht: Unglücklich das Land, das keine Helden hat? Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Michael Schmidt

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