Zeitung Heute : Neue Rezepte

Rainer Woratschka

Das Europäische Parlament will die Entwicklung kindgerechter Arzneimittel vorantreiben. Was müsste geschehen, um Kinder medizinisch besser versorgen zu können?

Wenn Kinder hier zu Lande Arznei schlucken, ist das in jedem zweiten Fall ein Vabanquespiel. 50 Prozent der Mittel, die ihnen die Ärzte verordnen, sind gar nicht für sie zugelassen. Oft wird einfach nur geschätzt, wie viel man dem Kind von einem Erwachsenenmedikament verabreichen kann. Manchmal ist es dann ein Drittel, manchmal die Hälfte der Dosis. Doch Kinder sind keine halben Erwachsenen, sie haben einen völlig anderen Stoffwechsel. Auch deshalb versuchen sich die Hersteller abzusichern. Bei 40 Prozent der – laut Weltgesundheitsorganisation – unverzichtbaren Arzneimittel in Deutschland findet sich in der Beilage ausdrücklich ein Anwendungsverbot für Kinder.

Was die Sache nicht leichter macht. Wenn der Arzt ein nicht zugelassenes Medikament verordnet, klagt der vormalige Kinderarzt und jetzige Europaabgeordnete Peter Liese (CDU), stehe er „mit einem Fuß im Gefängnis“. Tut er es nicht, besteht dasselbe Risiko. So verurteilte das Oberlandesgericht Köln im Mai 1990 einen Mediziner wegen eines „groben ärztlichen Behandlungsfehlers“. Er hatte einem Kind mit Gehirnentzündung das Medikament Acyclovir vorenthalten, weil es für Minderjährige nicht zugelassen war. Das Kind war daraufhin gestorben.

Helfen kann aus diesem Dilemma nur die Entwicklung von mehr kindgerechter Arznei. Doch hier gibt es zwei Probleme: Minderjährige stehen aus ethischen Gründen nicht als „Versuchskaninchen“ zur Verfügung. Und die Pharmabranche windet sich, weil sich die aufwändige Entwicklung von Kinderarznei nicht rechnet. Nun will ihr die EU aber Beine machen. Das Europäische Parlament unterstützte am Mittwoch den Kommissionsvorschlag, die Industrie zur Entwicklung kindgerechter Arzneimittel zu verpflichten und ihr gleichzeitig einen Anreiz dafür zu geben.

Zuckerbrot und Peitsche: Bei Neuentwicklungen soll künftig immer auch die Wirkung auf Kinder getestet werden. Dafür soll der Patentschutz für diese Arznei dann sechs Monate länger gelten als üblich. Billige Nachahmerprodukte kämen also später auf den Markt. „Mit einer verlängerten Marktexklusivität wird es für die Hersteller interessanter, in die Forschung und Produktion von Kinderarzneimitteln zu investieren“, sagt Liese. Und für Arzneimittel, für die der Patentschutz bereits abgelaufen ist, wollen die EU-Parlamentarier ein eigenes Forschungsprogramm mit dem Namen „Arzneimittelprüfungen für die Kinder Europas“. Der Beschluss geht nun in den Ministerrat. Bis zum Jahresende könnte die Richtlinie verabschiedet sein und dann in Kraft treten.

Für die Tests selber gelten schon jetzt harsche Ethikregeln. So muss das Kind davon einen „direkten Nutzen“ haben. Tests sind nur erlaubt, wenn sie mit „möglichst wenig“ Schmerzen oder Beschwerden verbunden sind. Die Eltern müssen einverstanden sein. Und es darf für die Versuche auch keinen finanziellen Anreiz geben.

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