Zeitung Heute : Neue Sachlichkeit

Seit wenigen Stunden erst ist er Papst. Aber die haben genügt, um aller Welt zu zeigen, dass mit Franziskus ein neuer Geist in den Vatikan eingezogen ist. Der Geist der Demut und Bescheidenheit, der Verzicht auf Pomp und Prunk. Deshalb wird er nun gefeiert – nicht nur in Argentinien.

Rom V. Eglau Buenos Aires
Grenzenlose Freude. „Viva el papa“, riefen hunderte Gläubige, die vor der Kathedrale von Buenos Aires die Wahl „ihres“ Papstes feierten. Neben Freude war Überraschung das vorherrschende Gefühl in Argentinien. Foto: Alejandro Pagni/AFP
Grenzenlose Freude. „Viva el papa“, riefen hunderte Gläubige, die vor der Kathedrale von Buenos Aires die Wahl „ihres“ Papstes...Foto: AFP

Keine Autokarawane. Kein Sicherheitstross. Kein Wagen mit dem vatikanischen Repräsentationskennzeichen „SCV 1“. Als Franziskus am Donnerstagmorgen „zur Muttergottes beten“ fährt, wie er das am Abend zuvor auf der Loggia des Petersdoms angekündigt hat, da rollt er in einem simplen, nachtblauen Dienstwagen der Vatikangendarmerie durch Rom. Ähnlich war es gleich nach seiner überraschenden Wahl zum Papst: Da wollten sie ihn mit einer sterngeschmückten Nobelkarosse von der Sixtinischen Kapelle zum vatikanischen Hotel chauffieren. Doch der Neue stieg in den Mannschaftsbus: „Mit den Kardinälen bin ich gekommen, mit denen fahre ich auch wieder.“

Genauso ist es am Donnerstagabend, als Franziskus mit den Kardinälen seine erste Messe feiert. Benedikt XVI. hat seinen Wählern seinerzeit eine wohlgesetzte Predigt in perfektem Latein gehalten; sein Nachfolger wischt den für ihn vorgefertigten lateinischen Entwurf beiseite und predigt aus dem Stegreif. In spanisch gefärbtem Italienisch, nur sieben Minuten lang und in ganz einfachen Sätzen: über die Kirche, die sich bewegen muss. „Andernfalls werden wir eine fromme Hilfsorganisation, aber nicht die Braut des Herrn.“

Jorge Mario Bergoglio, der 76-jährige Argentinier, ist noch keine 24 Stunden Papst, da richten sich schon aller Augen auf den neuen Stil, den er einführt. Seine Sachen in jenem kirchlichen Gästehaus, in dem er vor dem Konklave wohnte, hat der neue Papst an diesem Donnerstagmorgen eigenhändig gepackt, und Pater Federico Lombardi, der Pressesprecher des Vatikans, hebt eigens hervor, dass er – als Papst! – sogar sein Zimmer bezahlt hat. Franziskus wollte, sagt Lombardi und weiß dabei genau, welches Licht er damit auf den Rest der römischen Kirche wirft, „den anderen Kardinälen und Bischöfen ein Beispiel geben“.

Die erste, frei und abseits jedes Protokolls gewählte Amtshandlung des neuen Papstes hat am Donnerstag also darin bestanden, den Vatikan zu verlassen. In Santa Maria Maggiore, einer der großen päpstlichen Basiliken in Rom, wollte er vor jener Marienikone beten, die so etwas wie das Heiligtum der Stadt Rom darstellt.

„Privat“ sollte der Besuch in früher Morgenstunde sein, aber natürlich musste Bergoglio feststellen, dass er als Papst Franziskus auch privat nun nie mehr allein ist: Die vatikanischen Fernsehkameras waren schon vor ihm da. Und ein paar Kardinäle auch. Und die ganze Prälaten- und Beichtväterschaft der Basilika. Und die Angestellten. Bloß die, die Franziskus liebend gerne um sich gehabt hätte, die waren ausgesperrt: „Aus Sicherheitsgründen“ hatte das normale gläubige Volk die Kirche verlassen müssen. „Macht die Türen doch auf, ich bin hier als Pilger unter Pilgern!“, sagte Franziskus. Durchsetzen konnte er sich aber selbst als Papst damit nicht.

Immerhin hat er am Abend zuvor das „Armdrücken“, wie es italienische Zeitungen nennen, mit dem vatikanischen Zeremonienmeister Guido Marini gewonnen: „Sie müssen, Heiliger Vater, für den Urbi-et-Orbi-Segen den roten Umhang mit dem Hermelinbesatz umlegen“, hatte Marini ihm gesagt: „Und das goldene Brustkreuz, schauen Sie, das haben wir schon vorbereitet.“ Bergoglio trat ohne Umhang auf die Loggia des Petersdoms, im zwar päpstlich weißen, aber protokollwidrig schmucklosen Talar. Und das goldene Brustkreuz, das ließ er in der Schatulle. Seit er Bischof sei, beschied er den enttäuschten Zeremonienmeister, trage er eines aus Eisen. „Und das trage ich auch heute.“

Seit er nun Papst ist, hagelt es Lob von allen Seiten auf Jorge Maria Bergoglio. Von deutscher beispielsweise. „Sehr zufrieden und sehr glücklich“ ist Kardinal Karl Lehmann mit der überraschenden Wahl dieses „unglaublich bescheidenen und demütigen Menschen“. Kurienkardinal Walter Kasper erklärt, eine Entscheidung für Bergoglio habe er sich „von Anfang an gewünscht“. In der Lehre werde Franziskus die Linie von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. fortsetzen: „Aber sein Stil wird ein anderer sein. Er wird die Asche, die sich über die Glut des Evangeliums gelegt hat, wegräumen.“ Und Franziskus werde sich in der Kurie durchsetzen, da ist sich Kasper sicher: Der Weg zu den viel geforderten Reformen sei frei.

Der neue Stil von Franziskus hat auch den Berliner Kardinal Rainer Maria Woel ki beeindruckt. „Er hat gestern“, erzählt er, „schon viele kleine Zeichen gesetzt.“ Unmittelbar nach der Wahl hätten ihm die Kardinäle eine brüderliche Geste entgegengebracht, ihm versprochen, mit ihm zusammenzuarbeiten und Gehorsam zu leisten. „Einer der Kardinäle“, sagt Woelki, „ist stark gehbehindert. Das Erste, was der Papst machte, noch bevor die anderen zu ihm gekommen sind: Er ist zu diesem Kardinal hingegangen, hat ihn umarmt – hat also selbst den Kontakt zu ihm gesucht und nicht gewartet, bis er im Rollstuhl zu ihm kommt.“

Außerdem habe sich Franziskus geweigert, auf dem päpstlichen Thron Platz zu nehmen, und habe stattdessen im Stehen jeden Kardinal umarmt und mit jedem ein Wort gesprochen. In der Nacht habe er auch nicht in dem für den neuen Papst vorbereiteten und besser ausgestatteten Appartement geschlafen, sondern darauf bestanden, auf seinem Zimmer zu bleiben, das er als Kardinal hatte. „Diese Zeichen“, sagt Woelki, „zeigen auch, dass er aus einem anderen Land kommt, von einem anderen Kontinent, wo die Kirche ihre Option für die Armen anders und intensiver lebt als hier in Europa.“

In diesem anderen Kontinent war die Freude über den argentinischen Papst schier grenzenlos. „Vamos, alegría, alegría, alegríaaa“, rief ein Mann vor der Kathedrale von Buenos Aires. In der Innenstadt umarmten sich spontan Menschen, manche brachen in Tränen aus. Andere hängten die Fahnen Argentiniens oder des Vatikans aus ihren Fenstern. Ähnliche Szenen wiederholten sich im ganzen Land, in den Kirchen beteten am Mittwochabend viele Gläubige für Franziskus.

Vor der Kathedrale von Buenos Aires, dem Erzbistum, das Bergoglio seit 1998 geleitet hatte, feierten Hunderte von Gläubigen unter „Viva el papa“-Rufen. „Ich bin vom Erzbischof gefirmt worden, es ist unglaublich, dass er jetzt Papst ist. Ein unvergesslicher Moment, das hatten wir nicht erwartet“, sagte eine Katholikin.

Neben Freude war Überraschung das vorherrschende Gefühl der Argentinier – der Jesuit Bergoglio hatte mit seinen 76 Jahren als zu alt für den Posten in Rom gegolten. Gesundheitsprobleme sind allerdings nicht bekannt – trotz einer Lungenoperation mit 21 Jahren, was ihn jedoch nie daran hinderte, von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends zu arbeiten.

„Er hat alle Eigenschaften, die ein Papst haben muss: die Barmherzigkeit, die Demut und einen tiefen Glauben“, versicherte ein junger Priester vor der Kathedrale und erzählte, er habe Bergoglio oft in der U-Bahn von Buenos Aires getroffen. Wer ihn kennt, hebt nicht nur seinen bescheidenen Lebensstil und seinen Verzicht auf Prunk und Pomp hervor, sondern auch seine schnörkellose, unverblümte Sprache. Oft prangerte der Bischof in seinen Predigten gesellschaftliche Missstände wie Armut, soziale Ungerechtigkeit, Gewalt oder Drogenhandel an – was gelegentlich zu Spannungen mit Argentiniens Regierung führte.

Freude, Zufriedenheit, Begeisterung überall. Aber natürlich brechen schon am ersten Tag auch die Wogen der Erwartungen über den Neuen herein. Die syrischen Rebellen melden sich, Franziskus müsse etwas zu ihrer Unterstützung tun; aus dem piemontesischen Dorf Portacomara, von dem Bergoglios Vater einst als Eisenbahnarbeiter nach Argentinien ausgewandert ist, kommen schon die ersten Einladungen an den „großen Sohn“: Er möge, er müsse dringend seine Heimat besuchen. Und wie die chinesische Führung in Peking, so melden sich auch die Scheichs der Al-Azhar-Moschee in Kairo: Wohlwollende Aufnahme des neuen Papstes, aber wir hätten da ein paar Forderungen für den weiteren Dialog ...

Die italienischen Bischöfe indes schämen sich. Kaum war der weiße Rauch in der Luft, hat die Bischofskonferenz per E-Mail an alle Journalisten „dem Mailänder Erzbischof Angelo Scola“ zur Wahl gratuliert. Sie hatten offenbar allzu fest mit einem „Papa Scola“ gerechnet. Dann ist dieser aber, wohl im dritten Wahlgang, ausgeschieden.

Ruhe wird Franziskus in den nächsten Tagen kaum finden: Audienz für die anderen christlichen Konfessionen am Freitag, die für Journalisten am Samstag, großer Gottesdienst zur Amtseinführung am Dienstag. Und zuvor am Sonntag um zwölf Uhr mittags das öffentliche Angelusgebet. Franziskus wird es wie üblich vom Fenster seines Arbeitszimmers aus halten. Nach fünf Wochen Ausnahmezustand geht das römisch-kirchliche Leben weiter wie immer. Revolutionen – vielleicht – inbegriffen. Der Anfang jedenfalls ist gemacht.

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