Zeitung Heute : Neue Socken braucht das Land

Die Regierung lädt ein, das Volk strömt herbei. Der Tag der offenen Tür wurde zum Tag der großen Harmonie

Harald Martenstein

Der Invalidenpark ist eine Rasenfläche, die sich zwischen dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesverkehrsministerium erstreckt. Um 9 Uhr 30 beginnt im Invalidenpark das „Orchester Lausitzer Braunkohle e. V.“ mit der musikalischen Untermalung des Tages der Offenen Tür der Bundesregierung, eines Tages, der ganz im Zeichen der Hartz-Reformen sowie des Innovationsgedankens steht. Im Invalidenpark haben sie aus weißen Zelten eine „Straße der Innovationen“ aufgebaut. Belesenen Bundesbürgern wird bei diesem Titel die „Straße der Ölsardinen“ einfallen. Das ist ein berühmter sozialkritischer Roman von John Steinbeck.

Einer der Stände in der „Straße der Innovationen“ wird von den deutschen Modellbootbauern bestritten. Deutschland stellt, mit Klaus Kolb, einen der amtierenden Modellbootbau-Weltmeister. Aber nicht einmal der Modellbootbau kann sich gegen die internationalen Trends abschotten. Der Herr am Stand sagt seufzend: „Die Chinesen werden immer besser.“ Der deutsche Modellbootbau leide unter dem Umweltschutz, wo, bitte sehr, könne man denn heute noch auf einem See ungestört sein Boot fahren lassen? In China ist das anders. Außerdem durften die Bootbauer ausgerechnet ihre besten, innovativsten Stücke in der „Straße der Innovationen“ nicht zeigen. Das sind die Modelle aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bundesregierung hat gebeten, ach was, angeordnet, keine historischen Kriegsschiffe zu zeigen, um internationale Irritationen zu vermeiden. Der Herr am Stand ist verärgert. „Die technisch innovativsten Zeiten sind immer die Kriege gewesen. Das ist nun mal so!“

Ein Glanzstück in der „Straße der Innovationen“ ist der Motorsegler „Stemme S10-VAT“. Neben dem Segelflugzeug steht auf einem Schild eine Devise, die für zwei scheinbar ganz unterschiedliche Lebensbereiche passt, für den Segelflugsport und für die Wirtschaftspolitik: „Nichts ist sicher – auch Aufwinde nicht.“ „Stemme S10-VAT“ kann, wenn der Aufwind plötzlich aussetzt und das Flugzeug steil nach unten trudelt, blitzartig auf Motorbetrieb umschalten. Es gibt noch deutsche Erfindungen. Eine andere ist der duftende Teddybär. Er enthält Zuckermoleküle als Geruchsspeicher und kann auf fast jeden Duft eingestellt werden. Der Geruch wird, und das ist vielleicht das Allerbeste, erst beim Knuddeln frei. Der Teddybär in der „Straße der Innovationen“ riecht, wenn man ihn intensiv knuddelt, nach dem After Shave seines Erfinders, eines Herrn vom Krefelder Textilforschungszentrum.

Eine neues Hightech-Produkt aus Sachsen ist die Beach-und-Pool-Socke. Es handelt sich um eine Socke mit Noppen und in poppigen Farben, die, neben ihrer Arbeit als Socke, gleichzeitig den Job einer Badelatsche erfüllt. Antibakteriell. Schnell trocknend. In Zukunft müssen die Menschen, bevor sie in den Pool springen, nie wieder die Socken ausziehen, und auch dies verdanken sie einem deutschen Erfinder, Rolf-Jürgen Hauer aus Leukersdorf. Sein Betrieb hat 40 Beschäftigte. Er sagt: „Von der Normalsocke können wir nicht mehr leben.“ Die Nachfrage nach der Poolsocke läuft allerdings nur schleppend an.

Gegen elf besichtigt Verkehrsminister Stolpe die Straße, weißhaarig, zerfurcht und Ehrfurcht gebietend, im dunklen Anzug, Hände auf dem Rücken, und man denkt: „Wenn wir noch eine Monarchie hätten, wäre er ein sehr guter Kaiser.“ Am Stand mit den Spreewaldgurken nimmt Manfred Stolpe mit großer Würde einen halben Spreewurm zu sich, das ist ein extra langer Schweineknacker, und er besteht darauf, dass jeder anwesende Kameramann ebenfalls einen Spreewurm bekommt, sogar der eine, der sich so hartnäckig wehrt mit der Begründung, er sei Vegetarier.

Im Gesundheitsministerium diskutiert Ministerin Ulla Schmidt mit den Bürgern, es geht recht sachlich zu. Die Mitarbeiter der Ministeriums tragen schwarze T-Shirts mit der Aufschrift: „Damit Deutschland gesund bleibt. BMGS.“ Die Ansprache der Ministerin gipfelt in der Aussage: „Wir haben das beste Gesundheitssystem weltweit.“ Sie persönlich habe die feste Absicht, in diesem System 95 Jahre alt zu werden und bis 2040 zu leben. Deswegen gehe sie regelmäßig ins Fitness-Studio. Als es um das Vermögen geht, das Langzeitarbeitslose künftig als Altersvorsorge behalten dürfen, sagt sie: „Ein 57-Jähriger darf 63000 Euro behalten. Ich hab nicht so viel, und ich verdiene sehr gut.“ Hinten tuscheln ein paar Leute. Sie glauben, dass Ulla Schmidt heimlich vielleicht doch irgendwo 63000 Euro hat.

Dafür, dass die Regierung in den Umfragen so tief im Keller steht, ist es aber ein sehr harmonischer Tag. Ein paar Proteste, na ja. 150000 sind insgesamt gekommen. Am längsten sind die Schlangen am Kanzleramt, wo es am Nachmittag zu einem historischer Doppelauftritt der beiden höchsten deutschen Autoritäten und wichtigsten Sinnstifter kommt, des Kanzlers mit einem Mitglied des Fußballbundestrainerteams, mit Oliver Bierhoff. Die Menschen schauen sich in Vitrinen die vielen Geschenke an, die ein Bundeskanzler so bekommt, echt scheußliche Sachen, vor allem das vergoldete Segelboot aus Kuwait. Dann kucken sie die Ölporträts der bisherigen Bundeskanzler an. Alle weißhaarig. Eines Tages wird Gerhard Schröder hier hängen, vermutlich der erste Exbundeskanzler mit dunklen Haaren. Die Leute bewundern die Büros im Kanzleramt, sehr schön mit den großen Schiebefenstern. Draußen steht ein einzelner Demonstrant. Auf seinem Schild kann man lesen: „Gerhard halt durch! Du bist der Einzige, der sich bisher getraut hat.“ Der Demonstrant arbeitet für die Firma www.mein-demonstrant.de Bei dieser Firma kann man per E-Mail jeden Tag eine politische Forderung oder Parole vorschlagen, über die Vorschläge wird dann im Internet abgestimmt. Die Parole, die in der Abstimmung die meisten Stimmen bekommt, wird auf das Schild geschrieben, und ein Mitarbeiter der Firma demonstriert damit von 10 bis 18 Uhr vor dem Kanzleramt oder dem Bundestag. Ein Mietdemonstrant. Es handelt sich auch dabei um eine Innovation aus Deutschland. Wovor haben wir eigentlich Angst?

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