Zeitung Heute : Neue Städte in der Wüste

Berliner und iranische Forscher suchen nach Konzepten für energieeffiziente Siedlungen im Ballungsgebiet Teheran

Heiko Schwarzburger

Für viele Europäer ist der Iran ein weißer Fleck auf der Landkarte, irgendwo zwischen dem Krieg im Irak und der Anarchie in Afghanistan. Doch darüber wird oft vergessen: Der Iran gilt als eines der Länder Asiens mit den größten Potenzialen. Mit rund 75 Millionen Einwohnern auf etwa 1,6 Millionen Quadratkilometern Fläche, wovon fast Zweidrittel aus Wüste bestehen, ist er einer der bevölkerungsreichsten Staaten der Region. Das Land hat aber auch entsprechende Probleme: Landflucht, ausufernde Städte, soziale Ungleichheiten, Mangel an Energie, an Wasser und an Grün. „Es ist ein vielschichtiges Land mit unterschiedlichen Religionen, Volksgruppen und auch Meinungen“, sagt Sebastian Seelig, Wissenschaftler an der TU Berlin. „Der Iran ist nicht monolithisch. Es gibt bei bestimmten Verantwortlichen in der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft Interesse an einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Westen.“

Sebastian Seelig und sein Kollege Kester von Kuczkowski waren in den vergangenen Jahren bereits mehrfach im Iran, denn die TU Berlin hat ihre Zusammenarbeit mit Institutionen und Forschern nicht nur im Iran, sondern der gesamten vorderasiatischen Region erheblich ausgebaut. Im August bewilligte das Bundesforschungsministerium für die kommenden fünf Jahre insgesamt 6,2 Millionen Euro, damit deutsche Wissenschaftler gemeinsam mit iranischen Partnern energieeffiziente und nachhaltige Ansätze zur Entwicklung der Ballungsregion Teheran erarbeiten und testen. „Dieser bilaterale Ansatz ist uns besonders wichtig, weil nur so ein Wissenstransfer gelingt“, sagt Professor Rudolf Schäfer, der das Projekt leitet.

Die Bevölkerung des Großraums Teheran hat sich von fünf Millionen Einwohnern zu Zeiten des Schahs vor rund 40 Jahren auf heute fast 13,4 Millionen erhöht. „Teheran wird von zwei Seiten vom Elburz-Gebirge umschlossen“, erläutert Sebastian Seelig, der das Projekt koordiniert. „Die Stadt kann nur in Richtung Süden und Westen wachsen und wuchert mit seinen Nachbarstädten zusammen.“

Deshalb planten die iranischen Behörden seit den 1980er-Jahren rund 70 Kilometer westlich von Teheran die Entlastungsstadt Hashtgerd, die in der Nähe des existierenden Dorfes gleichen Namens liegt. „Die New Town Hashtgerd sollte bis zum Jahr 2016 eine halbe Million Menschen aufnehmen“, sagt Seelig. „Sie sollte durch eine Metro mit der Hauptstadt verbunden sein. Derzeit leben dort aber nur gut 40 000 Einwohner. Die Metro ist längst nicht fertig, auch die dringend benötigte Infrastruktur für die Wasserversorgung aus dem Elburzgebirge fehlt.“

Der Bau von insgesamt fünf Satellitenstädten in der Region Teheran, von denen Hashtgerd die größte sein soll, stockt, weil die Methoden der Beteiligten der Komplexität der Aufgabe nicht gerecht werden. Zwar gibt es im Lande ausgezeichnete Wissenschaftler, die nicht selten an den besten Universitäten Europas oder Nordamerikas studiert haben. „Aber sie sind oft zu spezialisiert, kaum vernetzt und weit weg von der Praxis“, sagt von Kuczkowski. „Auch eine hoch qualifizierte Handwerkerschaft wie bei uns ist nicht vorhanden.“

Deshalb werden selbst die besten Pläne mit erheblichen Mängeln umgesetzt. „Die Qualität neuer Wohnbauten ist sehr schlecht“, nennt von Kuczkowski ein Beispiel. „Nach zehn Jahren sind viele Gebäude einsturzgefährdet – und das in einem Gebiet mit hohem Risiko für Erdbeben.“ In den kommenden fünf Jahren benötige das Land mindestens 1,5 Millionen neue Wohneinheiten jährlich, um dem Bevölkerungswachstum Herr zu werden, sagt der Forscher. Jetzt drängen die geburtenstarken Jahrgänge aus der Zeit nach der Revolution und des Krieges gegen Saddam Hussein auf den Wohnungsmarkt.

Neue Städte wie Hashtgerd könnten der nachdrängenden Generation Wohnraum bieten, wenn sie nachhaltig geplant, gebaut und auf die Bedürfnisse der jungen Familien zugeschnitten sind. Aber die Entfernung nach Teheran ist zu groß und die Verkehrsanbindung sei schlecht, sagt Sebastian Seelig. „Bisher gibt es lediglich die Autobahn nach Teheran, die versprochene Bahnlinie ist noch im Bau.“ Auch der Boden, den der Staat für die neue Stadt Hashtgerd zur Verfügung stellte, bereitet Probleme: Er ist lose, locker und abschüssig. Bei einem Erdbeben könnten Teile der Stadt abrutschen.

Außerdem gibt es in Hashtgerd zu wenig Wasser. „Die Versorgung mit Wasser aus dem Gebirge kann im Moment nicht sichergestellt werden“, sagt Seelig. „Also wird das Grundwasser angezapft. Das Abwasser wiederum wird in große Gruben geleitet, wo es in das Grundwasser einsickert und dieses vergiftet.“ In der Satellitenstadt fehlen außerdem Infrastruktur und Arbeitsplätze, schlechthin: Zukunft.

Mit dem Geld des Bundes wollen die Wissenschaftler der TU Berlin die iranischen Kollegen bei der Entwicklung eines 35 Hektar großen Modellviertels in Hashtgerd beraten, in dem nachhaltige Verfahren der Wasserversorgung, der Energietechnik und der Stadtplanung zur Anwendung kommen sollen. „Es geht aber nicht darum, die iranischen Kollegen zu belehren“, sagt Kester von Kuczkowski. „Mit Power-Point-Präsentationen kommen wir nicht weit. Wir setzen auf konkrete gemeinsame Planungen mit unseren Kollegen vor Ort, um lokale und regionale Ansätze einzubinden. Auch wir sind Lernende.“

So biete die traditionelle regionale Architektur erhebliche Potenziale, die Gebäude mit geringem Energieaufwand kühl zu halten, sagt von Kuczkowski. Weitere Aufgaben des Forschungsprojekts sind die Aufbereitung von Abwasser sowie die Gewinnung von Frischwasser und Energie. Zudem soll die Umweltverschmutzung verringert werden, um die Lebensqualität in der Wüstenlandschaft zu erhöhen.

An der TU Berlin sind etwa 30 Wissenschaftler an diesem Projekt beteiligt, dazu Firmen und außeruniversitäre Forschungsinstitute. „Unser Ziel ist es, die Denkweise und das Planungsverständnis der iranischen Kollegen zu erweitern“, sagt von Kuczkowski. „Das gelingt nur durch erfolgreich umgesetzte Beispiele.“ Auch für die Fachgebiete der TU Berlin steht eine neue Dimension der Kooperation untereinander an, denn das Projekt in Hashtgerd ist nicht vordergründig ein technisches Problem. Es geht um die Kommunikation, Planung und Methodik, ein solch immenses Vorhaben in den Griff zu kriegen. Von Kuczkowski weiß: „Sonst setzen wir die Technik sprichwörtlich in den Wüstensand.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben