Zeitung Heute : Neue Studie: Keine Gesundheitsgefahren durch mobiles Telefonieren

Der Tagesspiegel

Bei der Betrachtung technischer Systeme gibt es stets ein Problem: Man kann zwar die Ursache eines auftretenden Fehlers meist einfach aufspüren und beseitigen – doch viel schwerer ist es, die Fehlerfreiheit und die völlige Sicherheit des gesamten Systems zu garantieren. Und genau vor diesem Konflikt stehen die Befürworter der neuen Handy-Techniken, wenn es um die Besorgnisse mancher Menschen geht. Allen Ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Studien zufolge – und von diesen gibt es inzwischen mehr als 6000 Stück – gehe vom Mobilfunk keine Gesundheitsgefahr aus, sagen Techniker und Wissenschaftler.

Doch bei jenen Menschen, die in der Nähe einer der vielen Antennen leben und wohnen, bleibt die Furcht. Daran wird wohl selbst eine neue Untersuchung des VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik) nichts ändern. Überdies denkt auch der Gesetzgeber, wie berichtet, über eine Verschärfung der Grenzwerte nach. Und das würde bedeuten, dass die Sendeleistung sinkt und mehr Antennen aufgestellt werden müssten, was wiederum die Kosten in die Höhe triebe.

Jiri Silny ist Professor am Forschungszentrum für elektromagnetische Umweltverträglichkeit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, Mitglied der Strahlenschutzkommission beim Bundesumweltministerium und Autor einer neuen Metastudie. Er hat eine Datenbank mit eben jenen rund 6000 Veröffentlichungen erstellt und nach Hinweisen auf Schädigungen durch elektromagnetische Wellen aus dem Handy-Betrieb durchforstet. Doch weder bei fundierten Untersuchungen an Menschen noch in intensiven Tierversuchen seien Schäden festgestellt worden, berichtete der Mediziner bei einer Pressekonferenz des VDE am Montag in Berlin.

Von den Grundlagen der Physik her ist das eigentlich auch nachvollziehbar, denn die einstrahlenden Wellen sind sehr schwach. Überdies ging es bei den Studien sogar um die Auswirkung der Mobilfon-Geräte, die schließlich ganz dicht an den Kopf gehalten werden. Stationärantennen stehen jedoch in größerer Entfernung zu den Menschen. Hier ist die Dosis noch viel kleiner, denn die Energie von Wellen nimmt mit der Entfernung zur Quelle drastisch ab.

„Wir wissen noch nicht alles über die Wechselwirkung zwischen elektromagnetischen Wellen und dem Organismus, aber schon sehr viel“, konstatierte auch Olaf Dössel von der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik. Immerhin arbeiten viele Geräte aus Diagnostik und Therapie mit eben jenen Wellen, und zwar in vielfach größerer Stärke.

Aber kann die Strahlung auf Dauer den Zellen schaden? Auch das sei untersucht wórden, sagte Dössel, man habe alle denkbaren Hypothesen aufgestellt und ist ihnen nachgegangen. Man habe möglichen Auswirkungen auf den Melatoninhaushalt nachgespürt. Aber der Stoffwechsel des Melatonins – es steuert die „innere Uhr“ von Organismen – sei nicht beeinflusst worden. Ähnliche Untersuchungen habe man auch mit Kalzium angestellt, dessen Ionen für die Zellfunktion von großer Bedeutung sind – nichts. Denn die Ströme, die im Inneren des Organismus fließen, sind um ein Vielfaches größer als jene, die per Handy-Technik von außen nach innen gelangen könnten.

So viel zu dem Begriff „Schäden“. Aber es gibt tatsächlich einige Wirkungen, die beim Gebrauch des Mobilfongeräts am Kopf festgestellt worden sind. Die Funkwellen liegen im Gigahertz-Bereich (Milliarden Schwingungen pro Sekunde, Ghz): das D-Netz liegt bei 0,9 Ghz, das E-Netz bei 1,8 Ghz.

Das ist nicht weit von jener Frequenz entfernt, die uns aus der Küche vom Mikrowellenherd bekannt ist (2,4 Ghz). Und der nutzt die Eigenschaft jener Frequenzbereiche, gerade das Wasser zu Resonanzschwingungen zu bringen (am besten klappt’s beim Zehnfachen, bei 24 Ghz).

Am Ohr wird’s also wärmer, wenn das Handy läuft, aber nur um wenige Zehntelgrad. Aber auch dies wird von den Fachleuten als unbedenklich bezeichnet. Hinweise auf Tumorbildungen im Gehirn durch das oberflächennahe Eindringen der Strahlung konnten nicht nachgewiesen werden. Nur ein Effekt ließ sich messen: In einer Untersuchung wurde eine deutliche Verkürzung der Reaktionszeiten des Nervensystems festgestellt. Dieser Wirkung müsse noch nachgegangen werden, hieß es. Gideon Heimann

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