Zeitung Heute : Neue Technik, alte Kinderkrankheiten

Die Umstellung des Antennenempfangs auf DVB-T erfordert von den Berlinern Geduld. Viele Geräte kommen erst zu Weihnachten in den Handel

Maximilian v. Demandowsky

Wer zu den 150 000 Berlinern und Potsdamern gehört, die ihre TV-Programme via Zimmer- oder Dachantenne empfangen, für den wird es langsam ernst. Die Tage mit dem analogen Antennenempfang sind gezählt. Bis zum Start der Internationalen Funkausstellung im Sommer 2003 soll der klassische terrestrische TV-Empfang im Ballungsraum Berlin-Potsdam vollständig auf digitale Übertragung umgestellt werden, sagte Hans Hege von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg am Dienstag. Die Hauptstadtregion ist dann das erste Sendegebiet in Deutschland, in dem die Umstellung vollzogen wird. Und wie üblich, werden die Zuschauer sämtliche Vor- und Nachteile eines Pilotprojekts zu spüren bekommen.

Das neue digitale Fernsehen nennt sich DVB-T. Das steht für Digital Video Broadcasting – Terrestrial. Mit einer gewöhnlichen Antenne sollen zukünftig mehr Programme – in digitaler Qualität – unabhängig von Kabel oder Satellit empfangen werden können. Fernsehzuschauer, die bisher auf einen Kabelanschluss oder eine Satellitenschüssel verzichtet haben, können statt der derzeit maximal elf analog verbreiteten Programme mit dem digitalen terrestrischen Fernsehen überall im Ballungsraum bis zu 24 Fernsehprogramme empfangen. Viele Programme, die bisher nur über Kabel oder Satellit zu empfangen waren (Arte, Phoenix, Kinderkanal, Super RTL, Kabel1 oder N24), werden dann erstmals auch terrestrisch ausgestrahlt. Sogar neue digitale Programmangebote der Fernsehanstalten wie ZDF.doku und ZDF.info sind dann zusätzlich empfangbar.

Ein weiterer Vorteil: Anders als beim Kabel fallen für den Zuschauer neben den GEZ-Gebühren keine zusätzlichen Kosten an. Ein hoher Installationsaufwand – wie beim Satellitenempfang – entfällt ebenfalls. Eine kleine Stabantenne reicht in der Regel aus, um ein Fernsehbild in hochwertiger Qualität empfangen zu können. Allerdings erst dann, wenn die neuen digitalen Signale in entsprechender Stärke ausgesandt werden.

Die Digitalisierung der terrestrischen Übertragung ist auch Voraussetzung für die Entwicklung und Verbreitung neuer Angebote. Durch sie wird der portable Empfang mit tragbaren Geräten und sogar der mobile Empfang im Auto und der Bahn möglich.

Ohne Aufgabe der klassischen analog-terrestrischen Fernsehversorgung kann die Einführung von DVB-T allerdings nicht realisiert werden. Das dem Rundfunk zugewiesene Frequenzspektrum reicht nämlich nicht aus, um analog und digital zugleich in vergleichbarer Qualität zu senden. Deshalb muss mit der Einführung des digitalen Regelbetriebs nach und nach die Verbreitung des analogen terrestrischen Fernsehens eingeschränkt und schließlich beendet werden. So kann es zu zeitweiligen Sendeausfällen – vor allem nachts – kommen, da die beiden Berliner Sendeanlagen Alexanderplatz und Schäferberg von den Sendernetzbetreibern für das Digitalfernsehen umgerüstet werden und die DVB-T-Tests parallel zum analogen Sendebetrieb laufen.

Bis spätestens 2010 soll DVB-T die herkömmliche analoge terrestrische Fernsehübertragung im gesamten Bundesgebiet abgelöst haben. In Berlin und Potsdam beginnt am ersten November die Umstellung auf Digital-Empfang mit den ersten beiden analogen Kanälen 44 und 5, die dann jeweils mit vier Sendern belegt werden. ARD, ZDF, ORB und SFB sowie RTL, RTL 2, Sat 1 und Pro7 werden dann digital ausgestrahlt. Parallel dazu werden zwar weiterhin die analogen Programme empfangbar sein. Zum ersten März 2003 werden RTL, RTL 2, Sat 1 und Pro7 jedoch endgültig abgeschaltet. Lediglich die vier öffentlich-rechtlichen Sender sind dann weiterhin mit der alten Technik zu empfangen. Zur Internationalen Funkausstellung Ende August 2003 wird dann der analoge Empfang der öffentlich-rechtlichen Programme ebenfalls beendet. Auch diese Sender sind dann nur noch digital zu sehen. Spätestens dann muss sich der Zuschauer eine so genannte „Set-Top-Box“ zulegen, sofern er nicht via Satellit oder Kabel versorgt ist.

Die Set-Top-Box beziehungsweise der DVB-T-Receiver oder Decoder ist vergleichbar mit der seit Jahren für das Pay-TV benötigten „d-box“ und ist kleiner als ein handelsüblicher Videorekorder. Die bisherige Zimmer- oder Dachantenne wird mit der TV-Box verbunden und diese dann über ein Scart-Kabel an das TV-Gerät angeschlossen. Da jedoch nicht alle TV-Geräte über einen Scart-Anschluß verfügen, ist es bei den meisten Set-Top-Boxen auch möglich, sie über das normale TV-Kabel an den Fernseher anzuschließen.

Später können auch kleine Stabantennen dazwischengeschaltet werden, so dass einem mobilen Empfang außerhalb der Wohnung nichts mehr im Wege steht. Gegenwärtig sind mehrere Set-Top-Boxen auf dem Markt, die für den digitalen TV-Empfang ausgestattet sind. Die Boxen verfügen grundsätzlich über eine Menüführung zur Programmauswahl und je nach Hersteller über Videotext, Untertitel- und Timer-Funktionen, Sender-Suchlauf sowie über eine manuelle Kanal-Einstellung. Weiter sind je nach Gerätetyp Daten-Schnittstellen für Software-Updates und interaktive Möglichkeiten vorhanden oder können nachgerüstet werden. Die Firma TechniSat bietet aktuell zwei Modelle von Digital-TV-Receivern an, „Digipal“ und „Interdigital-T“. Während ersterer mit 189,95 Euro relativ preiswert ist, gehört der zweite mit 299,95 Euro zur mittleren Preiskategorie. Dafür sind bereits Funktionen für eine zukünftige Internet-Tauglichkeit vorgesehen.

Die Firma Digenius bietet für 199 Euro ebenfalls einen Receiver („TVbox T“) mit Timer-Funktion und einer elektronischen Programmführung mit Tages- und Wochenprogramm (EPG), die abhängig vom Sender Informationen zum TV-Programm bietet. Für den gleichen Preis bietet Lorenzen eine DVB-T-Box („SL-DVB-T 2“) mit Anschluss an das TV-Gerät sowohl mit Scart-Kabel als auch mit normalem TV-Kabel, EPG, Sendersuchlauf und Software-Update. Der Digital-Receiver „DigiZap II T“ von Schwaiger kostet um die 300 Euro und bietet Videotext, Untertitel- und Timer-Funktion, EPG und einen zusätzlichen S-Video-Ausgang.

Preisner hat zwei Set-Top-Boxen im Angebot, eine für den normalen Digitalempfang, die „SR 310 TD“ (Preis: 399 Euro) sowie die „SR 350 TD“ für 449 Euro. Letztere verfügt über zwei zusätzliche Schnittstellen, um beispielsweise Module für weitere Pay-TV-Programme nachzurüsten. Auch interaktive Dienste sollen damit genutzt werden können. Beide Geräte bieten einen integrierten Videotext sowie EPG. Preisner hat auch eine Stabantenne für den Zimmerempfang (Preis 39,90 Euro) sowie eine Dachantenne für Gemeinschaftsanlagen (149 Euro) im Angebot.

Alle genannten Geräte geben den momentanen Stand der Technik wieder, weitere Modelle sind angekündigt und sollen nach und nach in den Handel kommen. Uwe Haass, Koordinator für die Digitalumstellung bei der Gesellschaft zur Förderung der Rundfunkversorgung mbH (GARV): „Zur Umstellung im November werden neue Modelle erwartet, daher wäre eine Produktempfehlung noch zu früh“. Auch Michael Thiele, Sprecher der deutschen TV-Plattform, sieht die Angebotspalette zum gegenwärtigen Zeitpunkt als noch unausgereift. Der Kunde kann sich mitunter also erst nach der Umstellung ein genaues Bild von den Angeboten machen. Thiele: „Der große Schub ist erst zum Weihnachtsgeschäft zu erwarten, wenn mehr Geräte mit zusätzlichen Funktionen zur Verfügung stehen“.

Sollte man sich neben der Set-Top-Box auch gleich einen neuen Fernseher zulegen wollen, rät Michael Thiele zum Abwarten. Zwar gibt es bereits heute TV-Geräte mit integriertem DVB–T-Decoder, sie sind jedoch noch relativ teuer. Ab Mitte kommenden Jahres werden die TV-Geräte mit integrierter Set-Top-Box in einem größerem Angebotsspektrum im Handel sein.

Zukünftig werden auch Fernsehen und Computer stärker miteinander verknüpft. Auch die Kombination aus Westentaschen-PCs (Organizern) und Handys rückt in greifbare Nähe. Im Laufe des nächsten Jahres sollen auch tragbare TV-Geräte erhältlich sein.

In den nächsten Wochen und Monaten sollen in Berlin die Haushalte mit einer Informationsbroschüre über die Grundlagen des „Überall-Fernsehens“ vertraut gemacht werden. Eine sozialverträgliche Umstellung auf Digitalfernsehen soll zudem für die Haushalte gewährleistet sein, die ihren Antennen-Empfang über die sozialen Träger bezahlen lassen. Fernsehen ist bekanntlich ein Grundrecht, deshalb werden die anfallenden Kosten zur Anschaffung der Set-Top-Boxen anteilig von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) und den Sozialämtern durch die Rundfunkhilfe erfolgen.

Hans Hege, Direktor der Medienanstalt: „Die Geräte können zu einem geplanten Preis von 8,50 Euro monatlich gemietet werden.“ Ob mit herkömmlicher Zimmerantenne, Außenversorgung oder Stabantenne – einem digitalen Fernsehgenuss soll zukünftig nichts mehr im Wege stehen.

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