Zeitung Heute : Neue Weinbücher: Über rare Spezialitäten, deutsche Alltagsweine und Gaumenfreuden für Feinschmecker

Bernd Matthies

Im Spätherbst wird rezensiert. Die Köche kriegen dann ihre Quittung von den Restaurantkritikern - doch auch unter den Winzern ist die Ruhe längst vorbei, weil keine Flasche mehr der öffentlichen Verkostung entgeht. Das umstrittenste der jährlich wiederkehrenden Weinbücher ist allemal der Gault-Millau Wein-Guide, der sich gleichwohl eine solide Marktposition erkämpft hat. Das Buch (von Armin Diel und Joel Payne, Heyne, 54 Mark) wird von Jahr zu Jahr dicker, naheliegend, weil auch die deutschen Winzer ständig bessere Qualität liefern. Noch immer ist im Guide die leidige Tendenz zu erkennen, die Betriebe vorwiegend nach den raren Spezialitäten zu beurteilen, nach Eisweinen, Beerenauslesen und Sonderabfüllungen ("RR", "SL", Goldkapsel), die in Mini-Mengen für Kritikerbesuche zubereitet werden. Doch das Problem scheint erkannt, denn Wilhelm Weil zum Beispiel, einer der Säulenheiligen der deutschen Weinpublizistik, muss für seine einfachen Weine eine (verdiente) Rüge einstecken.

Viel mehr über die Alltagsweine der deutschen Winzer steht in einem neuen Buch von Gerhard Eichelmann. Der Mondo-Weinführer (Mondo-Communications, 34,80) hat mich durch eine ebenso simple wie verblüffende Idee eingenommen: Endlich löst sich mal jemand von der ewigen Einteilung in Anbaugebiete und führt alle Güter nacheinander alphabetisch auf, was das Nachschlagen sehr erleichtert. Eichelmann legt sehr viel mehr Gewicht auf die Basisweine und bietet mehr und eingehendere Verkostungsnotizen. Die Gesamtbewertungen der einzelnen Winzer freilich legen den Verdacht nahe, Eichelmann wolle sich als Gault-Millau-Antipode profilieren. Unstrittige Spitzenbetriebe wie Gunderloch schickt er mit einem von fünf Sternen geradezu beleidigend in den Keller, andere wie J. L. Wolf oder Klaus Zimmerling kommen überhaupt nicht vor, absolute Außenseiter erhalten höchstes Lob. Diese Extrem-Wertung wirkt vor allem deshalb so gewollt, weil die Benotungen der einzelnen Weine in beiden Büchern nur wenig voneinander abweichen. Man sollte mit beiden auf Einkaufsreise gehen und dann selbst mit der Zunge entscheiden.

Erstmals legt jetzt auch das vom "Feinschmecker" abstammende Magazin Wein-Gourmet einen eigenen Führer vor, der die Güter und Winzer ausführlicher vorstellt und dafür auf Verkostungsnotizen verzichtet. Er sieht mit seinem Farbfotos am flottesten aus, aber eine umfassende Verkostung der aktuellen Jahrgänge steckt offenbar nicht dahinter. Auswahl und Bewertung wirken deshalb sehr konventionell, interessante Newcomer werden nur am Rande berücksichtigt (Gräfe und Unzer, 39,90 DM).

Weitgehend unumstritten ist der alljährlich Guide Hachette 2001, das Standardwerk des französischen Weins, das in deutscher Sprache ohne Konkurrenz ist (Hallwag, 59,80 DM). Sein Charme liegt darin, dass er keine absoluten Wertungen verkündet, sondern in jeder Qualitätsstufe maximal drei Sterne und die Ernennung zum "Lieblingswein" der Jury (coup de coeur) vergibt - so kommen auch simple Landweine zu hohen Ehren. Nützlich und informativ, wenn es auch stets schwer ist, die darin ausgezeichneten Weine in Deutschland zu bekommen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!