Zeitung Heute : Neue Welt hinter Sandstein und Glas

Am alten Rathaus verbaut ein Investor 200 Millionen Euro – und verspricht ein unverwechselbares Gebäude

Cay Dobberke

Das Wort „Einkaufserlebnis“ bekommt in der künftigen Schlossgalerie Steglitz eine neue Bedeutung: Das Einkaufszentrum, das im März 2006 neben dem alten Rathaus eröffnen soll, erhält ein Kuppelgewölbe mit künstlichem Himmel für riesige Videoprojektionen. Projektleiter Harald Gerome Huth vom Investor H.F.S. Immobilien spricht von der „weltgrößten Leinwand“. 22 Projektoren werden eine fast 2000 Quadratmeter große Fläche anstrahlen. Zu den geplanten Vorführungen gehören Sonnenauf- und untergänge, Tiefseewelten, Ansichten ferner Länder und Bilder aus dem All.

Um die Illusion zu vervollständigen, sollen passende Naturgeräusche erklingen und sogar Düfte verströmt werden. Die Besucher „können den grauen Alltag vergessen“, verspricht Huth.

Ähnlich selbstbewusst klingen die Slogans auf den Baustellenplakaten – sie kündigen den „Stolz von Steglitz“ und „Berlins schönstes Einkaufscenter“ an. 200 Millionen Euro investiert H.F.S. an der Schloßstraße/Ecke Grunewaldstraße. Damit ist das Center – neben dem Kreisel – die größte Investition in Steglitz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Bauherr betreibt bundesweit bisher sechs Einkaufszentren, darunter die Gropius-Passagen in Neukölln.

Zu einer Besonderheit der Schlossgalerie soll auch die geplante Sandstein- und Glasfassade mit großen Fensterbögen werden. Dabei hat sich der Berliner Architekt Manfred Pechthold „an Kaufhäusern des 19. Jahrhunderts orientiert“. Der Neubau könne so mit dem denkmalgeschützten alten Rathaus harmonieren, das auf beiden Seiten vom Center umschlossen wird. Für Projektleiter Huth geht es außerdem darum, das Gebäude im Stadtbild unverwechselbar zu machen. „Wir wollen eine Immobilie, die nicht mit Büro- oder Verwaltungsgebäuden zu verwechseln ist.“ Den gleichen Sandstein habe man übrigens auch beim Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche eingesetzt.

Das Center umfasst vier Etagen und ein Untergeschoss mit 36 000 Quadratmetern Verkaufsfläche für rund 90 Läden. Der Schwerpunkt liegt beim Textil- und Elektronikhandel. Es gibt Mietverträge mit einigen Modeketten wie Benetton, Esprit, Gerry Weber, Mexx und S. Oliver sowie mit Media Markt und Conrad Electronic. Aber auch vier Radiosender wollen mit ihren Studios einziehen (Berliner Rundfunk, Kiss FM, 94,3 rs2 und Hundert,6).

Zum Projekt gehören auch eine Tiefgarage mit 650 Stellplätzen und ein eigener Zugang zum U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Diese direkte Verbindung soll vom bestehenden Tunnelausgang am alten Rathaus abzweigen, aber mit hellem Naturstein und poliertem Granit deutlich eleganter wirken.

Ungewöhnlich ist die Ansiedlung einer öffentlichen Bücherei. Ins dritte Stockwerk zieht die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek, deren 50er-Jahre-Altbau an gleicher Stelle zu Gunsten der Schlossgalerie abgerissen worden war. Der Steglitz-Zehlendorfer Bildungsstadtrat Erik Schrader (FDP) findet, diese Lösung werde sowohl den Interessen des Bezirks als auch denen des Investors gerecht. Die Bibliothek bekomme ein „modernes, zeitgemäßes Ambiente“ und auch mehr Platz als bisher. Für die Erwachsenen-, Kinder- und Musikabteilungen werden insgesamt 3000 Quadratmeter zur Verfügung stehen.

Noch können Passanten von der Schloß- oder Grunewaldstraße aus nur die Betonskelette des Rohbaus sehen. Die Bauarbeiten hatten im September 2004 begonnen, das Richtfest ist für den 19. August geplant. Interessierte Bürger haben aber schon jetzt die Möglichkeit, sich über das Internet im Detail über die Fortschritte zu informieren.

Auf der Seite www.schlossgalerie-steglitz.de gibt es aktuelle Baustellenfotos, Planungsskizzen, Hintergrundinformationen und ein Diskussionsforum für Fragen oder Meinungsäußerungen. Außerdem gibt der Investor alle sechs Wochen ein gedrucktes Werbe- und Informationsblatt namens „Schlossgalerie Steglitz Boulevard“ heraus. Zeitungsboten verteilen die je 140 000 Exemplare an Haushalte in Steglitz-Zehlendorf.

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