Zeitung Heute : Neue Welten entdecken

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

In Prenzlauer Berg drehen sie gerade endgültig durch. Vor den Schönhauser Allee Arcaden gastierte zuletzt statt des üblichen russischen Akordeonspielers eine junge Gitarrenband. Krachenden Rock’n’Roll bekam die Laufkundschaft geboten, die prompt stehen blieb und den Straßenbahnverkehr blockierte. Das Publikum tanzte. Drinnen im Einkaufszentrum wurden Blumenbeete angelegt. Gestern sah ich eine Frau, die dort mit ihrem Hund Gassi ging.

Second Life? Das Spiel einer künstlichen Welt braucht sich keiner auf den Computer zu laden. Man muss nur mal aus dem Haus gehen und hingucken, wie sich Realitäten verschieben. Berlin ist nicht mehr die Stadt, für die viele sie halten – eine Metropole von Pfannkuchen und Schusterjungen essenden Arbeitern, ein Anziehungspunkt für wissensdurstige, lebenshungrige Leute. Alle, die so wie ich kurz vor 20 Uhr in die Einkaufspassagen hasten, um sich um das letzte halbe Bio-Brot zu streiten, übersehen längst, dass um sie herum die alte Welt zerfällt. Die neue Welt schleicht sich mit verführerischer Lässigkeit heran und in das Leben ein. Sie ist bunt wie ein künstliches Blumenbeet, sie ist nicht billig („Dafür ist es Bio, junger Mann!“), sie ist laut und direkt wie eine Gitarrenband. Die neue Welt nimmt keine Rücksicht auf das, was einmal für normal gehalten wurde.

Gestern war ich in Pankow, meinem Heimatbezirk. Dort hat ein Geschäft für Pfannkuchen eröffnet. Ich bestellte einen mit Marmelade, meine Mutter nahm einen mit Apfelstücken, auch wenn sie sich sogleich darum sorgte, wie wohl die Äpfel in den Teig gelangten. Nach ein paar Minuten wurde serviert – es waren: Eierkuchen. Die Äpfel lagen obendrauf.

Der neuen Welt zu entkommen, ist kaum noch möglich. In meiner Straße gibt es schon sechs Bäcker mit Coffee-to-go-Station. Nur einer verkauft noch Schrippen und Kuchen, die alte Backstube aus DDR-Zeiten. Heute habe ich mir dort vier Schusterjungen geholt, und zwei richtige Pfannkuchen. Von der anderen Straßenseite wehte die Musik einer Rock’n’Roll-Bäckerei herüber.

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