Zeitung Heute : Neue Welten

Das deutsche Bildungssystem hat zu spät auf die Globalisierung reagiert. Schule muss heute mehr können, viel mehr. Sie braucht kooperatives Lernen, kreative Lehrer, weniger Verwaltung. Der Staat muss das als Investition in die Zukunft erkennen. Von Andreas Schleicher

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Jeder hat seine Erfahrungen mit Schule. Aber was wissen Eltern in Deutschland wirklich darüber, was und wie ihre Kinder lernen? Wie profitiert ein Lehrer im Klassenzimmer von den Erfahrungen des Lehrers im Nachbarklassenzimmer? Was weiß die Schule davon wie die Nachbarschule arbeitet? Und wie könnten Pisa-Leistungen heute sein, wenn unser Bildungssystem wirklich wüsste, was seine Lehrer und Schulen wissen? Davon sind wir weit entfernt, oft arbeiten Schulen wie ein Futtersilo: Jedes Jahr packen wir oben ein paar neue Reformideen drauf. Dazwischen liegen dann, Schicht für Schicht übereinander, all die angefangenen und unvollendeten Reformen der letzten 10 bis 15 Jahre. Und unten werden Schüler, Lehrer und Schulen mit einem Mix von Bestimmungen konfrontiert, die keiner mehr einordnen und überschauen kann, und für die sich auch niemand mehr verantwortlich fühlt.

Moderne Bildungssysteme müssen sich die Frage stellen, wie sie Wissen nicht bloß vermitteln, sondern als Motor für Entwicklung und Innovation nutzen, wie das in vielen anderen Berufsfeldern selbstverständlich ist. Wie würden ein Chirurg und ein Lehrer aus den sechziger Jahren eine Zeitreise ins Jahr 2006 erleben? Der Chirurg, der zu seiner Zeit mit dem im Studium erarbeiteten Wissen und einem Instrumentenkoffer als Einzelperson noch erfolgreich sein konnte, ist heute in eine dynamische Profession eingebettet, mit der er im ständigen Austausch steht. Er arbeitet an einem hoch technologisierten Arbeitsplatz im Team und wird schnell zur Erkenntnis kommen, dass ein Zeitsprung über ein halbes Jahrhundert unmöglich ist. Der Lehrer der sechziger Jahre findet sich vermutlich noch zurecht, weil sich das Arbeitsumfeld Schule, und die dahinter stehenden Anreiz- und Unterstützungssysteme wenig verändert haben.

Die Welt aber hat sich grundlegend verändert. Noch vor 50 Jahren waren Märkte stabil, der Wettbewerb national ausgerichtet und Organisationsformen hierarchisch. Heute sind Märkte dynamisch, der Wettbewerb global und Organisationsformen vernetzt. Früher basierten Wachstumsimpulse auf Mechanisierung und Wettbewerbsvorteile auf „economies of scale“. Heute kommen Wachstumsimpulse aus Digitalisierung und Miniaturisierung, und Wettbewerbsvorteile beruhen auf Innovation und Zeitnähe. Früher war das Firmenmodell der Einzelbetrieb, heute sind es flexible Allianzen der Mitbewerber. Früher war Vollbeschäftigung das politische Ziel, heute ist es „employability“, Menschen dazu zu befähigen, ihren Horizont in einer sich ständig verändernden Arbeitswelt zu erweitern. Früher hatten Berufsprofile eine klare Identität, und formale Qualifikationen waren der Schlüssel zum Erfolg. Heute sind Konvergenz, Transformation und lebensbegleitendes Lernen die Schlüssel. Das ist die Wirklichkeit, auf die Schulen junge Menschen vorbereiten müssen und die das Arbeitsumfeld der Lehrer gestalten muss. Die Wissensgesellschaft hat eine globale Plattform geschaffen, die es Menschen überall auf der Welt ermöglicht, mit anderen Menschen zu kommunizieren, zu arbeiten oder zu konkurrieren. Drei Milliarden Menschen in Ländern wie China, Indien, Russland und Osteuropa oder Brasilien, die bis vor Kurzem von der globalen Gemeinschaft ausgeschlossen waren, weil sie in hierarchischen und vertikalen politischen und wirtschaftlichen Strukturen lebten, können sich heute dank technologischer Möglichkeiten aktiv in die vernetzte Welt einbringen – und tun das zunehmend.

Andere Staaten sind mit ihren Bildungssystemen viel früher auf diese Veränderungen zugegangen. Im Ergebnis fiel Deutschland beim Anteil von Personen mit Spitzenqualifikationen unter den 30 OECD-Staaten seit den sechziger Jahren vom 14. auf den 23. Platz zurück, nicht weil der Bildungsstand gesunken ist, sondern weil sich in vielen anderen Staaten so viel mehr so viel schneller verändert hat. Länder wie Finnland, Japan oder Kanada, die beim Pisa-Vergleich gute Bildungsleistungen und eine gerechte Verteilung von Bildungschancen erzielten, können dabei einen Orientierungsrahmen für zukünftige Anstrengungen bieten:

Erstens: Traditionell lernen deutsche Schüler im Rahmen von Lehrplänen, die Bildungsinhalte detailliert festschreiben. Maßstab für Erfolg ist dann die Akkumulation von Fachwissen, nicht die Verankerung von anschlussfähigem Wissen und die Vermittlung effektiver Lernstrategien. Je mehr Menschen jedoch heute Eigenverantwortung für ihre Karriereplanung sowie wirtschaftliche und soziale Absicherung übernehmen müssen, umso mehr müssen wir von Schulen erwarten, dass sie nicht nur notwendiges Fachwissen vermitteln, sondern die Fähigkeit zur Veränderung stärken, jungen Menschen das Rüstzeug mit auf den Weg geben, ihr Wissen aktiv zu nutzen und zu erweitern, und dabei kognitive, moralische und soziale Dimensionen des Handelns in ihrer eigenen Bedeutung zu erkennen und zu nutzen. Dazu gehört, sich in einer sich beständig verändernden Welt immer wieder neu zu positionieren, eigenständig und verantwortungsbewusst zu handeln, gute und tragfähige Beziehungen aufzubauen, mit Konflikten umzugehen und Probleme gemeinsam zu lösen. Die Zukunft braucht Schulen, die sich weniger an fachbezogenen Lehrplänen und dafür mehr an strategischen Bildungszielen orientieren und Lehrer, die diese Ziele verbindlich, kreativ und individuell in Lernmethoden für den einzelnen Schüler umsetzen können. Das bedeutet, Lernpfade zu individualisieren und Schüler dabei zu unterstützten, durch eigenständiges Denken und Handeln selbstständig und kooperativ zu lernen.

Zweitens: Deutschlands Schulen nutzen Klassenarbeiten und Zensuren vorwiegend zur Kontrolle, etwa um Leistungen zu zertifizieren und den Zugang zu weiterer Bildung zu rationieren. Die Zukunft aber braucht moderne Evaluation und motivierende Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen und mit denen Lernpfade entwickelt, individualisiert und begleitet werden können.

Drittens: Das deutsche Bildungssystem setzt auf frühe Auslese im Rahmen des dreigliedrigen Schulsystems und auf einförmigen Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen. Schüler mit besonderen Herausforderungen, etwa mit Migrationshintergrund, werden dabei oft auf Schulformen mit niedrigeren Anforderungen abgeschoben und allenfalls auf die Arbeitslosigkeit vorbereitet. Erfolgreiche Bildungssysteme dagegen gründen auf einem konstruktiven und individuellen Umgang mit Leistungsunterschieden und Begabungen, mit dem Ziel, Schülern durch individuelle Förderung Perspektiven für die Gestaltung ihrer Zukunft zu eröffnen.

Viertens: Lehrer und Schulen in Deutschland sind oft nur die letzte ausführende Instanz eines komplexen Verwaltungsapparates. In Zukunft wird sich die Relevanz und Effizienz dieses Verwaltungsapparates aber daran messen müssen, wie gut er die Schulen beim Erreichen vereinbarter Bildungsziele unterstützt und welchen zusätzlichen Wert er selber schöpft, d.h. über das hinaus leistet, was die Schule als selbstständige und pädagogisch verantwortliche Einheit leisten kann. Die viel diskutierte Frage, wie Verantwortung zwischen Bund und Ländern aufzuteilen ist, ist dabei irrelevant. Entscheidend wird sein, ein Arbeitsumfeld für Lehrer zu schaffen, dessen Attraktivität und Ansehen nicht allein auf dem Beamtenstatus beruht, sondern auf Kreativität, Innovation und Verantwortung, ein Arbeitsumfeld, das sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere Karriereaussichten, eine Stärkung der Verbindungen zu anderen Berufsfeldern, mehr Verantwortung für Lernergebnisse und bessere Unterstützungssysteme auszeichnet.

Ist eine zukunftsorientierte Bildung angesichts der enttäuschenden Pisa-Ergebnisse eine unrealistische Vision? Nein, die Erfahrungen vieler Staaten und vieler erfolgreicher deutscher Schulen zeigen, dass eine hohe Qualität von Bildungsleistungen und eine ausgewogene Verteilung von Bildungschancen durchaus in überschaubaren Zeiträumen erreicht werden können. Notwendig ist, über die Optimierung des bestehenden Bildungssystems hinaus strategische Perspektiven für Bildungsreformen zu schaffen und über die Transformation der dem eigenen Bildungssystem zugrunde liegenden Schul- und Systemfaktoren nachzudenken. Davon bleibt der bildungspolitische Diskurs in Deutschland trotz vieler Reformen weit entfernt.

Natürlich hat gute Bildung ihren Preis; aber die für Bildung eingesetzten Mittel sind entscheidende Investitionen in die Zukunft, die in der deutschen Haushaltsrechnung nicht weiterhin auf der Konsumseite, sondern als Investitionen verbucht werden sollten.

Der Autor ist Leiter der Abteilung Bildungsindikatoren und Analysen in der Direktion Bildungswesen der OECD.

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