• Neuer Auftrieb Sie ist Vorbild, Motivationstrainerin, Botschafterin des UKB „Der schlimmste Tag war auch Anlass für meinen schönsten Tag“ „Das mit dem Gehen können Sie vergessen.“ Pustekuchen.

Zeitung Heute : Neuer Auftrieb Sie ist Vorbild, Motivationstrainerin, Botschafterin des UKB „Der schlimmste Tag war auch Anlass für meinen schönsten Tag“ „Das mit dem Gehen können Sie vergessen.“ Pustekuchen.

Ein Motorradunfall änderte ihr Leben schlagartig, die alte Liebe zum Schwimmsport entdeckte sie neu. Der Lebensweg von Kirsten Bruhn.

ANNETTE KÖGEL
Bitte recht konzentriert. Phillip Semechin, Techniktrainer und Lebensgefährte, bei der Analyse mit Kirsten Bruhn.
Bitte recht konzentriert. Phillip Semechin, Techniktrainer und Lebensgefährte, bei der Analyse mit Kirsten Bruhn.Foto: picture-alliance

Sie schwebt. Sie fliegt. Sie ist frei. Es ist eine poetische Szene im Film, als die Kamera die Schwimmerin von oben beobachten darf, wie sie sich auf fast zärtliche Weise auf dem Rücken treibend mit den Händen ganz langsam durch ihr Element schiebt. Im Wasser zu sein, „das ist für sie die Befreiung, wie eine Erlösung“, sagt Kirsten Bruhns Trainer. Sie sagt „ Hallo Trainer“ und „Vati“ zu ihm, Manfred Bruhn steht konzentriert am Beckenrand.

Er war geschockt, damals, als ihn im Juli 1991 die Nachricht erreichte: Es gab einen schweren Unfall. Da war seine Tochter schon Leistungsschwimmerin, bereits mit zehn Jahren trainierte das Mädchen professionell, schon mit drei Jahren war sie gern ins Becken gesprungen. Abitur 1990, ein Jahr als Au-pair in den USA, dann stand eigentlich ein Grafikdesign-Studium in Hamburg an. Eigentlich. Kirsten und ihr damaliger Freund waren im Urlaub, er hatte sie zu einer Spritztour auf dem Motorrad überredet. Auf einer Serpentinenstraße schnitt ein Autofahrer das Paar.

Der Sturz. Filmriss im Leben.

Vierzig Stunden nach dem Unfall wird die schwer verletzte 21-Jährige zur Akutversorgung in ein Krankenhaus geflogen. Der Arzt teilt ihr die Diagnose mit folgenden Worten mit: „Frau Bruhn, das mit dem Gehen können Sie vergessen.“ Er sagt das, dreht sich um und geht weg. Im Film „Gold - Du kannst mehr als du denkst“ läuft Kirsten Bruhn die steile Wendeltreppe eines Sightseeing-Busses in Berlin hinauf, sie stützt sich einfach an den Seiten ab: geht doch, kein Problem. Sie hat, wie immer elegant und stilvoll gekleidet, schon viele Ehrungen zur Sportlerin des Jahres aufrecht entgegengenommen. Da hat sie sich an ihren farblich auf die Kleidung abgestimmten Krücken Schritt für Schritt auf die Bühne gekämpft und alle im Saal wussten spätestens jetzt, was das Wort Ehrfurcht bedeutet. Für ihre außerordentlichen Leistungen bei den Paralympischen Sommerspielen in London wurde Kirsten Bruhn im November 2012 mit einem Bambi in der Kategorie „Sport“ ausgezeichnet.

Das mit der Diagnose, Herr Doktor, das können Sie vergessen.

Die 43-Jährige macht in dem Dokumentarfilm „Gold - Du kannst mehr, als du denkst“ ordentlich Klimmzüge und sie kann ihr ausgestrecktes Bein an der Sprossenwand stehend bis an den Oberkörper herandehnen. In der TV-Talkshow „Tietjen und Hirschhausen“ hat sie gerade vorgemacht, dass sie ihr Bein in den langen Stiefeln, die sie so gerne trägt, trotz inkompletter Querschnittlähmung kraft der Oberschenkelmuskulatur langgestreckt hoch Richtung Decke reißen kann. Das sieht dann aus wie beim Fernsehballett. Til Schweiger saß mit am Tisch im Studio, sein bewundernder Blick sprach Bände. Sport hat all das möglich gemacht, konsequentes Rehatraining, „mein Motivator“, erzählt sie in einer Filmszene.

„Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“, so was sagt Kirsten Bruhn gern, oder: „Du bist, was du denkst. Ich habe gelernt, mich nicht über meine Behinderung zu definieren, sondern über das, was ich zu leisten imstande bin.“ Mit viel Disziplin, gegen alle Schmerzen: 92-fache deutsche Meisterin, 65 Welt- und 76 Europarekorde, sechsfache Europa- und vierfache Weltmeisterin, drei Mal paralympischer Rekord, paralympisches Gold 2004 in Athen, 2008 in Peking, und jetzt zum Abschluss der paralympischen Karriere in London 2012 noch einmal die Goldmedaille: zum dritten Mal in Folge über 100 Meter Brust, mit großem Abstand vor allen anderen Konkurrentinnen. Der perfekte Schlusspunkt einer Sportlerlaufbahn.

Die Dreharbeiten zum Film „Gold“ aber waren nicht nur einfach für sie: „Ich habe die ganze Zeit noch mal komplett durchlebt, das geht einem schon an die Nieren“, sagt Kirsten Bruhn. Im Film sagt sie einmal unter Tränen: „Zu wissen, du wirst jetzt dein Leben aus dem Sitzen bestreiten – das sind Momente, wo man wirklich einfach nur die Augen zumachen und nie wieder aufmachen möchte.“ Nach dem Unfall war das Krankenhaus monatelang ihr Zuhause. Elf Jahre lang kämpfte sie mit sich selbst, mit dem neuen Leben.

Freunde und Sportkameraden brachten sie dann auf die Idee, es doch wieder mit dem Leistungsschwimmen zu versuchen. Der eine Schritt sei es aber, die eigene Behinderung für sich anzunehmen, berichtet die „Gold“-Protagonistin vor der Kamera. Der nächste Schritt, „sich selbst so auch noch positiv zu präsentieren“. So weit war sie anfangs noch nicht,. Die Leichtigkeit, die war dahin, erzählt sie. Nie wieder einfach was spontan unternehmen, nie wieder beim Beachvolleyball nach einem Ball springen. „Aber ich kann ja nicht weglaufen, auch nicht vor mir selbst.“

Kirsten Bruhn hat längst neue Energien gewonnen. Sie kann auch ihre Schwächen zeigen und daraus Kraft schöpfen. Bruhn beginnt ihr neues Leistungsschwimmerleben 2002. Und dann, 2004, die ersten Paralympischen Spiele ihres Lebens: Sie holt in Athen die Goldmedaille in ihrer Paradedisziplin, 100 Meter Brust. „Ich hätte nie gedacht, dass der schlimmste Tag meines Lebens zugleich Auslöser des schönsten Tags meines Lebens sein würde.“ Heute arbeitet die ausgebildete Verwaltungsangestellte längst auch als Motivationstrainerin für Unternehmen. Und sie bemüht sich darum, anderen „frisch Verunfallten“ Mut zu machen, weil sie selbst es doch auch geschafft habe. Mit Ernst und mit Scherzen.

In einer Szene sieht man sie im Unfallkrankenhaus Boberg in Hamburg, wo sie selbst monatelang lag. Heute sitzt das Idol auf dem Bett, macht einer anderen Frau im Rollstuhl Mut. Diese hatte einen Reitunfall, und sie erzählt davon, wie sie noch dagegen gekämpft habe, dass das Notarztteam ihr die geliebte Reithose aufschneidet.

Auch Kirsten Bruhn kann sich nicht mehr mithilfe ihrer Beine im Wasser anschieben. Und wenn die Sportlerin kraftvoll krault, ragte anfangs der Po wegen des Auftriebs im Wasser in die Höhe. Mit einer anderen Schwimmtechnik gleicht sie das aus. In „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ sieht man sie mit dem Technik- und Diagnosetrainer des deutschen Schwimmteams bei der Analyse vor dem Computer. Phillip Semechin, das erfährt man später, ist auch ihr Lebensgefährte. Sie ziehen jetzt zusammen nach Berlin. Zuletzt suchte das Paar noch nach einer passenden, auch behindertenfreundlichen Wohnung nahe dem Olympiastützpunkt in Berlin-Hohenschönhausen. Kirsten bleibt aber weiter in ihrem alten Neumünsteraner Schwimmverein.

Auch bei Phillip Semechin kam vieles anders, als er dachte. Na ja, er habe sich erst nicht vorstellen können, mit einer Frau zusammenzusein, die älter sei als er. Und auch nicht mit einer Frau, die „behindert“ ist. „Und jetzt ist Kirsten für mich einfach nur noch der tollste Mensch der Welt.“

So etwas zu hören, die Eltern im Film auf der Leinwand und sich selbst zu sehen, das war auch für die mediengewohnte und auftrittserprobte Leistungssportlerin ein emotionales Erlebnis. Sie hatte sich das große Filmpremierenerlebnis bis zur Berlinale in Berlin aufgehoben. Die anderen Athleten hatten schon mal in die Rohfassung des Kinofilms hineingeschmult.

Als sich dann ein Teil der Bühne nach der Berlinale-Premiere im Haus der Berliner Festspiele extra für die Rollstuhlfahrer absenkte, um die Paralympioniken dann sprichwörtlich hochleben zu lassen, hielten sich alle vier Hauptpersonen spontan an den Händen: Wir sind ein Team, wir haben so viel allein und auch gemeinsam miteinander geschafft. Vor dem großen Auftritt bei den Paralympischen Spielen im Spätsommer 2012 in London hatte Kirsten Bruhn ein bisschen Sorge. Die letzten großen Paralympics der Karriere – auch mal Krankheitszeiten während der Trainingsvorbereitung. Und dann noch die ganze Zeit von einem Filmteam begleitet werden? Total aufregend.

Aber alles lief gut. Die Schwimmhalle tobte vor Begeisterung, als sie ihr wohl wichtigstes Gold gewann. Jeden Tag war das Aquatics Centre völlig ausverkauft, wie auch das gut 80 000 Zuschauer fassende Londoner Olympiastadion. Da war das euphorische Publikum sogar lauter als ein startendes Flugzeug.

Kirsten Bruhn wird auch am Beckenrand noch weiter Applaus hören. Dieses Jahr will die Nationalschwimmerin bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Schwimmen vom 23. bis 26. Mai in der Schwimm- und Sprunghalle Europa Sportpark an der Landsberger Allee in Berlin antreten. Im August folgt die Weltmeisterschaft in Kanada, 2014 die Europameisterschaft. Dann heißt es, langsam abzutrainieren. Denn sie ist auf dem Sprung ins nächste Leben, das nach den Paralympics.

Das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) hat sie als Mitarbeiterin der Pressestelle gewonnen, sie ist jetzt als Botschafterin der berufsgenossenschaftlichen Klinik und auch für die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung tätig. Sie besucht Patienten und macht ihnen Mut, und sie tritt bei öffentlichen Veranstaltungen auf, ist derzeit auf „Gold“-Promotiontour.

Man könnte ihr aber übrigens einen Wunsch noch erfüllen: Es gibt noch keine Rollstühle mit innovativen Abstellrasten für stylishe High Heels.

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