Zeitung Heute : Neuer Blick auf jüdisches Leben in Berlin

Björn Wieders

Kennen Sie ein „Potluck“? Eigentlich eine ganz einfache und praktische Sache: Leute kommen zum zwanglosen Essen zusammen, und jeder bringt etwas mit. Überraschungen sind garantiert, und der Tisch ist bald voll mit Gerichten aus unterschiedlichen Küchen. Die Zusammenstellung ist dabei ebenso vielfältig wie faszinierend.

Dieses in Deutschland wenig bekannte Konzept macht sich eine Gruppe Studierender der Humboldt-Universität für die Organisation eines Projekteforums zum Thema „Orte jüdischen Lebens in Berlin“ zu Nutze. „Wir wollen das kulturelle und topographische Konstrukt eines jüdischen Berlins gemeinsam mit anderen Projektgruppen hinterfragen und einen Begegnungsraum schaffen, der den Dialog ermöglicht“, sagt Magisterstudentin Patricia Ebel, aus deren Projekttutorium sich die Idee entwickelte. Die teilnehmenden Studentinnen riefen in verschiedenen, vor allem jüdischen Institutionen dazu auf, lebendige und kreative Beiträge einzusenden.

Dieses kulturelle „Potluck“ wird allerdings nicht in der Küche, sondern an verschiedenen Orten in Berlin stattfinden. Vom 16. bis zum 22. Oktober 2006 gibt es Einblick in die Arbeit unterschiedlicher Projektgruppen und deren Präsentationen, die durch den jeweiligen Veranstaltungsort thematisch ergänzt werden. Doch nicht nur die Form dieser Aktionswoche löst sich von gängigen Mustern, auch inhaltlich geht es der Gruppe von internationalen Studierenden um neue Sichtweisen. Das „jüdische Berlin“ als Touristenattraktion zeige ein äußerst verengtes und problematisches Bild, so die Organisatorinnen. Mit ihrem Projekteforum wollen die Studentinnen auf Leerstellen im Berliner Stadtbild und historische Diskontinuitäten aufmerksam machen. Sie richten sich damit gegen die Darstellung eines homogenen jüdischen Kollektivs mit gradliniger Geschichte.

Die Veranstaltungen sind auf den Aspekt des Lebens ausgerichtet – ein Zeichen gegen die Reduzierung deutsch-jüdischer Geschichte auf die Shoa. Der Nationalsozialismus soll nicht ausgeblendet werden. Vielmehr wollen die Studierenden ihre Gäste für das jüdische Leben in seiner Heterogenität interessieren und zeigen, wie es in die kulturellen und urbanen Strukturen der Stadt eingebunden ist.

Ortsbegehungen führen nicht wie so viele andere durch Berlin-Mitte, vorbei am alten jüdischen Friedhof oder der Neuen Synagoge, sondern zu Orten, die fernab der touristischen Pfade liegen. Hier finden sich Geschichten über Jugendliche in Kreuzberg, Lehrlinge in Pankow, Ärzte in Wedding, Kinder in Charlottenburg und kleine Gewerbetreibende in Neukölln. Oder größere Gewerbetreibende in Prenzlauer Berg, wie der Fabrikant Szlama Rochmann, der nach dem ersten Weltkrieg Zigaretten mit dem schönen Namen „Problem“ herstellen ließ. Von einem Sohn Sigmund Freuds entworfen, konnte der Firmenkomplex in der Greifswalder Straße Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus nicht überleben und steht heute leer. Der Themenabend hierzu beleuchtet die bewegte Geschichte dieses Grundstückes, einschließlich des dort zu DDR-Zeiten ansässigen Textilbetriebes „VEB Treffmodelle“.

Im Programm sind auch künstlerische Annäherungen an das Thema – von musikalischen und fotografischen Collagen über Comicbiographien bis zu architektonischen Diagrammen im Stile Daniel Libeskinds. Hörspiele führen an imaginäre Orte, szenische Lesungen in das Berlin Simon Dubnows und des hebräischen Clubs Beth Waad, Jugendprojekte durch Kreuzberg und das Internet. Und es werden lebendige Zugänge zum Thema „Archivierung“ vorgestellt – unter anderem mit einer Sonderführung durch das Archiv des Jüdischen Museums.

Das Programm im Internet: www2.hu-berlin.de/juedischesleben

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