Zeitung Heute : Neuer Glanz für Berlin

10 000 Denkmäler der Stadt müssen erhalten werden. Neue Stellen für Restauratoren gibt es wenige. Nur wer sich gefragte Spezialkenntnisse aneignet, hat Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Andreas Monning

Die Zeit heilt zwar angeblich alle Wunden, als gieriger Zahn nagt sie aber auch an dem, was Menschenhände schaffen. Bauwerke gehören dazu, allein das Restaurieren und Pflegen von Denkmälern ist eine Aufgabe, die bundesweit jährlich sieben Milliarden Euro kostet. Auf 10 000 Objekte beziffert Klaus-Henning von Krosigk, Berlins stellvertretender Landeskonservator, die in der Hauptstadt eingetragenen Denkmäler. 100 bis 150 davon müssten jährlich restauriert werden, Arbeiten, für die das Landesdenkmalamt auch 2006 3,5 Millionen Euro an Zuschüssen verteilt. Die populärsten Projekte befinden sich auf der Museumsinsel, aber auch die Großsiedlungen Britz und dutzende kleinerer Projekte stehen auf der „To do“-Liste.

Die Investitionen, für öffentliche und private Besitzer ein notwendiges Übel, bringen gleichzeitig vielen Menschen Lohn und Arbeit. Über 500 Fachbetriebe registriert die Zentralkartei „Handwerksbetriebe für die Denkmalpflege“ bisher, bundesweit haben in den vergangenen Jahren mehr als 5500 Handwerker die Möglichkeit genutzt, die Zusatzqualifikation „Restaurator im Handwerk“ zu erlangen. Stuckateure, Tischler, Maler: neben umfassendem theoretischen Wissen, das historische Fertigungsweisen, Materialien aber auch Techniken der Konservierung umfasst, verhilft Ihnen die Weiterbildungsmaßnahme zu einem Qualitätssiegel, das von den Handwerkskammern verliehen wird und besonders bei privaten Auftraggebern als Argument gilt.

Am Ende geht es jedoch vor allem um Erfahrung, auf die auch Stefan Fittkau, Inhaber der Metallbau Fittkau GmbH setzt. Der gelernte Kunstschmied ist seit 25 Jahren auf Denkmalpflege spezialisiert, mit seinem 45-köpfigen Team aus Kunstschmieden und -schlossern hat er in jüngster Vergangenheit Projekte wie das Portal des Bodemuseums oder die Zaunanlage des Jüdischen Museums realisiert. Da Länder und Kommunen jedoch immer weniger Geld zur Verfügung haben, sorgen bei Fittkau vor allem private Auftraggeber für Beschäftigung. Und auch dieser Bereich verändere sich, beobachtet der Firmenchef. Während Neubauten stetig nachlassen, kommen mittlerweile rund ein Viertel der Projekte der Firma aus dem Bereich Sanierung: Es wird immer mehr „im Bestand“ gebaut, Tendenz weiter steigend.

Auch Thomas Lucker, einer von drei Geschäftsführern der Firma Restaurierung am Oberbaum, verdient am Kampf gegen den Verfall. Sein Team aus Diplomrestauratoren, Bildhauern, Restauratoren, Architekten, Naturwissenschaftlern, Kunsthistorikern und Archäologen ist derzeit unter anderem am Bodemuseum, am Pergamon- und am Neuen Museum im Einsatz. Für die nächsten zwei Jahre hat der Restaurator genügend Aufträge in der Tasche, in Spitzenzeiten wächst das Team durch freie Mitarbeiter deshalb von 30 auf bis zu 50 Leute an. Die Zeiten waren nicht immer so rosig: Seine Firma, die hauptsächlich Akademiker beschäftigt, profitiere von dem Trend, die Vorbereitung und Durchführung von Denkmalpflegeprojekten zunehmend Diplom-Restauratoren und Architekten anzuvertrauen, erklärt Fittkau. Zudem habe sein Unternehmen dem Preisdumping der Branche eine Absage erteilt und stattdessen auf Qualität gesetzt. Handwerkliche Arbeiten, die immerhin noch 90 Prozent der Auftragsvolumen ausmachen, werden jedoch nach wie vor von Handwerksbetrieben durchgeführt.

Während das Handwerk seinen Personalbedarf überwiegend selbst ausbildet, sorgen Hochschulen für den akademischen Nachwuchs. Thomas Lucker etwa rekrutiert seine Leute gerne von der FH Potsdam, wo Gottfried Hauff im Studiengang Restaurierung die Richtung Steinkonservierung vertritt. Knapp 30 Studierende zähle der aktuelle Jahrgang, und auch wenn „die fetten Jahre vorbei sind“, wie der Dozent bedauert, haben es seine Zöglinge bisher immer noch auf den Arbeitsmarkt geschafft: wenn nicht als Angestellte in Restaurierungsbetrieben, dann als freie Restauratoren.

Vorteilhaft wirke sich in seinem Fach die Praxisnähe aus. Ein Jahrespraktikum vor dem Studium plus ein vorgeschriebenes Praxissemester verhelfen Hauffs Absolventen bei Zeiten zu wichtigen Kontakten. Wer Glück hat, steigt mit seiner Diplomarbeit direkt in den ersten Auftrag ein. Absolventen, die sich selbstständig machen wollen, rät der Dozent, volks- und betriebswirtschaftliche Kompetenzen zu erwerben. Und auch Spezialisierung könne ein Erfolgsfaktor sein: „Gute Chancen hat, wer eine Nische besetzen kann“, verrät der Professor. Beton sei beispielsweise ein wichtiges Material, denn Betondenkmäler und Betonplastiken des 19. Jahrhunderts wiesen zunehmend Schäden auf. In Norddeutschland und Berlin gäbe es zudem viele Objekte aus Terrakotta, in Potsdam aus Marmor. Ansonsten böte das Ausland Chancen, in Europa besonders England und die Schweiz, wo keine vergleichbare Steinkonservierungsausbildung existiere.

Insgesamt bleibe in Berlin in den nächsten Jahren genug zu tun. Klaus-Henning von Krosigk vom Landesdenkmalamt wagt einen Blick in die Zukunft: Künftig werde man mehr auf kontinuierliche Pflege setzen, um „Monsterrekonstruierungen“ zu vermeiden. Vor allem Themengärten seien an der Reihe, der Focus solle außerdem nicht mehr primär auf Einzelobjekten liegen, sondern auf ganzen Denkmallandschaften. Die notwendigen Aufwendungen werde das Landesdenkmalamt mit bis zu 48 Prozent Zuschüssen unterstützen. Aber allein aktuelle Großprojekte wie die Museumsinsel würden Beschäftigung für zehn, vielleicht sogar 15 Jahre bringen.

Allgemeine Berufsinformationen für Restauratoren bieten die Websites: www.restaurator-im-handwerk.de, www.restauratoren.de und www.denkmalpflege-forum.de.

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