Neuer Professor für die UdK-Musikfakultät : Steven Sloane, ein Mann ohne Label

Steven Sloane ist Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker. Demnächst wird er seine Arbeit als neuer Professor für Dirigieren an der Fakultät Musik der UdK aufnehmen.

Claudia Assmann
Generalmusikdirektor Steven Sloane.
Generalmusikdirektor Steven Sloane.Foto: CFein

Manchmal gibt es schon seltsame Zufälle im Leben. So zum Beispiel bei Steven Sloane, dem Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker. Als er sich vor gut eineinhalb Jahren entschloss, nach Berlin zu ziehen, hatte das rein private Gründe. „Von einer Professur an der UdK Berlin war da noch überhaupt nicht die Rede“, erzählt der 1958 geborene Deutsch-Amerikaner. Nun steht er kurz vor Vertragsunterzeichnung, und demnächst wird er seine Arbeit als neuer Professor für Dirigieren an der Fakultät Musik der UdK aufnehmen.

Dass seine neue Wohnung auch noch in unmittelbarer Nähe der Jüdischen Musikschule Hollaender liegt, der Institution, in der die renommierten Lehrenden des Stern'schen Konservatoriums nach der Zwangsarisierung ihrer Schule im privaten Rahmen weiter unterrichteten, sei da nur am Rande erwähnt. „Es sieht ein bisschen so aus, als hätte alles darauf hingezielt, dass ich an die UdK gehen soll. Ein wenig war es wohl auch so, denn alles fühlte sich vom ersten Gespräch mit der Hochschule an absolut richtig und stimmig an“, erinnert sich Sloane.

Angebote, in die Lehre zu gehen, hatte er bereits einige, was sicherlich auch daran liegt, dass Sloane schon immer einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Jugendorchestern und Nachwuchsmusikern gesetzt hat. Nun wird es also die UdK: „Ich freue mich sehr darauf, den Studiengang Dirigieren an der UdK neu zu gestalten. Mein Vorgänger Lutz Köhler hat ja eine hervorragende Basis für mich hinterlassen. Von hier aus gilt es jetzt, eine neue Form der Ausbildung zu entwickeln, die sich nicht nur im internationalen Rahmen messen kann, sondern die weltweit ihresgleichen sucht. Das ist meine Vision und mein Ziel.“

Der neue Master-Studiengang wird sich an junge Spitzenmusiker richten, die entweder bereits in den Konzertsälen oder Opernhäusern der Welt unterwegs sind und sich nun intensiv dem Dirigieren widmen möchten, oder aber an Studenten, die sich an einem fortgeschrittenen Punkt ihrer Ausbildung befinden. „Jungen Profimusikern ihr Rüstzeug für das Dirigieren in die Hand zu geben, ist eine schöne Herausforderung – und eine verantwortungsvolle Aufgabe.“ Im Studium, so sagt er, haben sie die Möglichkeit, sich intensiv auf den Umgang mit einem Orchester vorzubereiten, sich auszuprobieren, sich gegenseitig in der Arbeit zu beobachten und darüber auszutauschen. Anders sieht es in der Welt „draußen“ aus: „Da werden die Musiker oft einfach in die Situation hineingeworfen und mehr oder weniger ohne Vorbereitung vor ein Orchester gestellt. Dann heißt es ‚sink or swim“, weiß Sloane aus eigener Erfahrung zu berichten.

Und die kann sich sehen lassen. Seit nunmehr 19 Jahren ist er Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker und hat gerade einen Vertrag für weitere sechs Jahre unterzeichnet. Er war Chefdirigent des Stavanger Symphony Orchestra, Musikdirektor des Spoleto Festivals, dirigierte an Opernhäusern wie dem Royal Opera House Covent Garden oder in Kopenhagen und bei Festivals in Hong Kong und Santa Fe. Auch Großprojekte sind Steven Sloane nicht fremd. In zwei Jahren wird ein neues Musikzentrum in Bochum fertig gestellt sein, an dessen Realisation er seit elf Jahren mitarbeitet: die neue Heimat seiner Symphoniker und anderer Orchester und Chöre der Region.

Doch zurück nach Berlin. Neben der Neuausrichtung des Dirigier-Studiums gehört zu seinen Aufgaben die Arbeit mit dem Symphonieorchester der Hochschule. Auch hier verfolgt er ein ganz klares Ziel: „Ich möchte die jungen Musiker für die Arbeit im Orchester begeistern. Viele begreifen das als Routinejob oder Engagement zweiter Klasse. Dem ist ganz und gar nicht so. Das Orchesterspiel ist eine einzigartige Möglichkeit, die Musik im tiefen, musikalischen Sinne zu erleben. Das große Miteinander, bei dem man einander zuhört, aufeinander eingeht und zu einem Kollektiv verschmilzt, ist eine einmalige Erfahrung“, erklärt Sloane.

Dass ihm die Orchesterarbeit mit den UdK-Studenten Spaß macht, hat er bereits im November letzten Jahres unter Beweis gestellt. Beim „Konzert für die Nationen“ stand er als Gastdirigent am Pult, und das Orchester lief unter seinem zackig-frischen Dirigat zur Höchstform auf. Schwung, Verve und Freude der jungen Musiker und ihres Dirigenten sprudelten über ins Publikum. „Wie ein Popstar“ kommentierte eine Besucherin im Anschluss an das Konzert.

Und das ist gar nicht so weit hergeholt. Am College war Sloane auch als Rockmusiker unterwegs, studierte Gesang und spielt heute noch viel im Pop- und Jazzbereich. In der klassischen Musik ist er überall zu Hause: Opern und Konzerte, aber auch viele Uraufführungen Neuer Musik. Und dass er in seiner Freizeit leidenschaftlicher Basketballer ist, das erzählt er so nebenbei. „In Berlin habe ich auch schon eine Mannschaft gefunden, zum Glück“, freut er sich

Orchesterleitung, Gastspiele, Tourneen, ein Baugroßprojekt und nun noch die Professur – das alles klingt nach organisatorischem Irrsinn und Stress pur. Doch der dreifache Vater wirkt alles andere als gehetzt. Ruhig erzählt er über seine Pläne und rührt dabei entspannt in seinem Kaffee. „Stress, nein, sehe ich so aus? Die Vielfalt meiner Arbeit ist ja gerade das, was mir daran Spaß macht“, lächelt er. „Der einzige Haken an meinem Beruf ist, dass man ständig in eine Schublade gesteckt wird: Es gibt Orchesterdirigenten, Operndirigenten, selbst Kammeroperndirigenten, man wird zum Spezialisten für Mahler oder Beethoven oder Neue Musik gemacht. Das finde ich furchtbar. Wenn ich ein Label habe, dann ist es das, dass man mir keines verpassen kann.“ Und genau das wünscht er sich auch für seine künftigen Studenten.

Das UdK-Symphonieorchester ist beim Rundgang mit einem Sommerkonzert unter der Leitung von Julien Salemkour zu erleben. 13. Juli, 19 Uhr, Joseph-Joachim-Konzertsaal, Bundesallee 1-12 in Wilmersdorf.

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