Zeitung Heute : Neuer Sprit aus Algen-Schläuchen

Anja Brandt

Frauen schwören auf sie zur Schönheitspflege, auf Speisekarten ist sie als Delikatesse verzeichnet, es wird sogar Wein aus ihr gemacht und im Wasser bietet sie Tieren Unterschlupf: die Alge ist eine Wasserpflanze mit vielen Vorzügen. Wenn man nach Naturwissenschaftlern aus Bremen geht, wird sie auch noch Sprit liefern – gewonnen aus Kohlenstoffdioxid. Verströmt ein mit diesem Biosprit betriebene Motor demnächst Seeluft?

Wissenschaftler der privaten Jacobs University in Bremen scheinen genau darauf hinzuarbeiten. Sie forschen an einer Methode, durch die gewöhnliche Meeresalgen CO2-Abgase von Industrieanlagen in Biomasse umwandeln sollen. Aus ihr kann Öl und Bioethanol gepresst werden, das wiederum der Herstellung von Biosprit dient.

„Die Algen-Bioreaktoren können auf gleicher Fläche sehr viel mehr pflanzlichen Kraftstoff produzieren als dies über andere Methoden möglichst ist“, sagt Laurenz Thomsen, Professor an der Jacobs University. „Und zwar bis zu 75 Mal mehr als beispielsweise bei der Rapsölgewinnung.“

Zwei Jahre lang testeten die Forscher das System zur Emissionssenkung an einem Kohlekraftwerk in Bremen. Die ausgestoßenen Gase mit einem CO2-Gehalt von 12 Prozent wurden direkt am Schornstein abgefangen und durch eine Rauchgasleitung in ein Gewächshaus geführt. Hier wurden sie in geschlossene Bioreaktoren gepumpt, in denen sich ein Gemisch aus Mikro-Algen und Meerwasser befand. Die Pflanzen nahmen das CO2 auf, betrieben Photosynthese und produzierten so Biomasse.

Doch auch andere Forscher haben Algen als Geheimwaffe gegen den Klimawandel entdeckt. So hat das Institut für Getreideverarbeitung im brandenburgischen Bergholz-Rehbrücke ebenfalls Gewächshäuser errichtet, in denen der Einsatz von Algen zur Biospritherstellung getestet wird. Die Wissenschaftler in Bremen planen jedoch etwas Neues: Sie wollen die Algen auf landwirtschaftlich ungenutzten Flächen produzieren. Gebiete, die von starker Austrocknung bedroht sind, böten sich dafür an, meinen sie. Denn ihre Algen wachsen in Schläuchen, unabhängig von fruchtbarem Boden.

Derzeit können CO2-Emissionen auf zweierlei Arten gesenkt werden: Neben der chemischen Beseitigung wird mit Pipelines experimentiert, die das Gas in Lagerstätten in die Tiefsee pumpen. Der Vorteil soll sein: Treibt das Kohlenstoffdioxid aus den Sedimentschichten aus, gelangt es nicht direkt in die Atmosphäre, da die Stätten tief in den Ozeanen gelegen sind. „Diese Methode wird im Kampf gegen den Klimawandel an Popularität gewinnen“, prognostiziert Thomsen. Die Bremer Forscher berücksichtigen diesen Trend bei ihren Standortüberlegungen: Ihre Algen-Gewächshäuser sollten in trockenen Regionen am Mittelmeer entstehen, etwa in Spanien. „Hier könnten wir das Kohlenstoffdioxid, das die Industrie ins Meer pumpt, direkt aus den Pipelines ziehen und mit den Algen-Bioreaktoren umwandeln."

Die Algen-Methode sei nur eine weitere Methode zur Reduktion, könne das Kohlenstoffdioxid nicht dauerhaft aus der Luft entfernen, sagt der Wissenschaftler. Die gewonnene Biomasse soll daher nur zum Teil zu Treibstoff weiterverarbeitet werden. Der Rest soll in Baustoffen wie Steinen und Isolationsmaterial dauerhaft gebunden werden. Die Forscher der Jacobs University wollen nun entsprechende Demonstrationsanlagen aufbauen, um die Vorteile der Bioreaktoren zu beweisen. An einigen Stellen muss nachgebessert werden. „Die Produktionskosten sind derzeit noch zu hoch“, berichtet Thomsen. Dieses Problem könnte mit Hilfe der Schifffahrt gelöst werden. Die Universität arbeitet bereits mit einer Firma zusammen, die sich mit der Reinigung des Ballastwassers der Schiffe beschäftigt. „Diese Technologie könnte die Energie- und Produktionskosten in unserem Ansatz senken“, schätzt Thomsen. Darüber hinaus ist die Technologie zur Ölgewinnung noch zu teuer. Die Installation der Anlagen solle aber nicht zu Lasten des Staates finanziert werden. „Der Emissionsanstieg ist ein Problem der Industrie“, meint der Wissenschaftler.

In zwei bis drei Jahren soll die Methode schließlich so kostengünstig einsetzbar sein, dass sie sich lohnt. „In zehn Jahren könnten die ersten Algen im Mittelmeerraum produziert werden“, hofft Thomsen. Anja Brandt

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