Zeitung Heute : Neuer Stolz statt alter Angst

Breslau bekennt sich zu seiner deutschen Vergangenheit

Christoph von Marschall[Breslau]

Hier wird noch Staat gemacht. Und Geschichte. Imposante Gestalten in hermelinbedeckten, purpurroten Ornaten mit schweren Edelmetallketten vor der Brust, deutsche Studenten im Wichs traditionsreicher Verbindungen, Kirchenfürsten, Staats- und Parlamentspräsidenten aus mehreren Ländern. Ein ernst blickender Jugendlicher in schwarzem Talar präsentiert auf einem mehr als mannshohen Stab den polnischen Adler, ein anderer hebt immer, wenn der Rektor spricht, dessen Zepter in die Höhe – als Zeichen seiner Macht in diesen Räumen.

Es ist eine selbstbewusste Festgemeinde, die sich unter der farbenfroh ausgemalten Baldachindecke in der lichten Barock-Aula versammelt hat. Das versteht sich, einerseits: Die Universität Breslau feiert ihren 300. Geburtstag. Andererseits ist es bemerkenswert – ja, man darf sagen: Hier wird Geschichte neu geschrieben. Über Jahrzehnte fiel es Wroclaw schwer, sich zur deutschen Vergangenheit Breslaus zu bekennen. Man hat zeitweise sogar nach einem anderen Gründungsdatum gesucht: aus dem 16. Jahrhundert, der Zeit, als die polnische Königsdynastie der Jagiellonen hier in Niederschlesien herrschte.

Jetzt feiert man das Jahr 1702 als Gründungsdatum, Schlesien gehörte zur Habsburgermonarchie, Kaiser Leopold I. wurde zum Namenspatron. Heute wirkt das fast wie ein Geschenk der Vorsehung, weil es den Tag vom Streit um deutsche oder polnische Inanspruchnahme befreit. Das Deckengemälde ist plötzlich mehr als Kunst am Bau, die Allegorie scheint eine tiefe Wahrheit zu verkünden: Wissenschaft und Kunst, dargestellt als Ausfluss göttlicher Weisheit.

„Gaudeamus igitur“ stimmt der Chor zum Einzug der Präsidenten Aleksander Kwasniewski und Johannes Rau an: das akademische Festlied, als dessen Variation Johannes Brahms zur Verleihung der Breslauer Ehrendoktorwürde an ihn die „Akademische Festouvertüre“ komponierte. Auch Vaclav Havel ist hier Ehrendoktor. Oh ja, diese Hochschule hat eine Geschichte, aus der sich Kraft schöpfen lässt. Zwölf Nobelpreisträger hat sie hervorgebracht, von Literatur über Chemie bis Medizin.

Doch ist es eine gebrochene Geschichte. Die Festredner versuchen, aus ihr multiethnische Kreativität herauszulesen – und stoßen immer wieder auf das bedrückende Faktum, dass es erzwungene Wechsel waren, die diese Vielfalt österreichischer, böhmischer, jüdischer, preußischer und ostpolnischer Traditionen hinterlassen haben. 1702 war die Leopoldina ein katholisches Jesuitenkolleg. 1811 ordnete der Preußenkönig die Verlegung der protestantischen Viadrina von Frankfurt oderaufwärts nach Breslau an. Der Zweite Weltkrieg brachte den kompletten Bevölkerungsaustausch. Hunderttausende Deutsche mussten ihre Stadt verlassen, Polen kamen als Neusiedler aus ihren Ostgebieten, die an die Sowjetunion fielen. Und brachten aus Lemberg viele Professoren mit.

Dieses doppelte Vertreibungsschicksal von Polen und Deutschen, das ist die Botschaft des Tages, soll verbinden, nicht trennen. Die internationale Politik macht keinen Bogen mehr um diese Stadt wegen ihrer schwierigen Vergangenheit, geht nicht mehr nur nach Danzig, wenn’s um Versöhnung geht. „Ich wünsche mir, dass nicht Friedhöfe uns zusammenführen, sondern Bildung und Jugend“, sagt Rau bei der Pressekonferenz. Und drängt das Protokoll zur Eile: Kwasniewski soll an seinem 48. Geburtstag nicht auf das vorbereitete Festessen verzichten.

Was beim Festakt in der Uni in stolzer Aneignung der Geschichte gipfelt, hat sich seit Jahren angekündigt. Das springt auch den Staatsoberhäuptern beim kurzen Spaziergang in die Augen. Die Elisabethenkirche, deren Wiederaufbau lange auf sich warten ließ, strahlt in neuem Glanz. Der berühmte „Schweidnitzer Keller“ unter dem Rathaus, jahrelang geschlossen, ist ein antik hergerichtetes Bierlokal und meist gut gefüllt. Das historische Stadtwappen ist wieder in Gebrauch. Von einem „Vorläufigkeitssyndom“ der polnischen Breslauer, der lähmenden Sorge darüber, ob die Grenzen Bestand haben, ist nichts mehr zu spüren. Wroclaw ist eine vitale, selbstsichere Stadt – und stolz auf Breslaus Traditionen.

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