Zeitung Heute : Neuer Wein in neuen Schläuchen

Der Bologna-Prozess bietet den Hochschulen auch die Chance, ihre Lehrpläne zu modernisieren

Heiko Schwarzburger

Bei den neuen Studiengängen mit Bachelor oder Master geht es nicht in erster Linie darum, den Absolventen international anerkannte Abschlüsse zu geben. Die Hochschulen nutzen die Reform vor allem, um die Studieninhalte zu modernisieren und lieb gewonnene Steckenpferde der Professoren zu überprüfen.

„Die kürzeren Studienzeiten eines Bachelors im Vergleich zum Diplom zwingen dazu, den Lernstoff kritisch zu überprüfen“, erläutert Prof. Dr. Hans Paul Prümm, Dekan des Fachbereiches für Allgemeine Verwaltung an der Berliner Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege (FHVR). „Wir wollen unseren Studiengang für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst im kommenden Jahr auf den Bachelor umstellen. Allein die bisher geforderten Praktika im Lehrplan unterzubringen, geht natürlich nicht.“ Der Studiengang, in dem Inspektoren und Verwaltungskräfte für die gehobene Sachbearbeitung und mittlere Führungsebene in Bezirksämtern und Senatsverwaltungen ausgebildet werden, dauerte acht Semester. Die Innenminister der Bundesländer hatten vorgegeben, im Studium mindestens 52 Wochen, also ein ganzes Jahr, Praktika vorzusehen, damit die Absolventen die Anerkennung für den gehobenen Dienst, sprich die Beamtenlaufbahn, erhalten.

Der Bachelor, der im kommenden Herbst starten soll, muss insgesamt mit sechs Semestern auskommen. „Dann sind nur noch 26 Wochen Praktikum Pflicht“, sagt Prümm. „Wer die Beamtenanerkennung trotzdem haben will, kann die fehlenden 26 Wochen in den Semesterferien absolvieren, auch gestückelt.“ Auch in der Theorie wird das Programm gestrafft: So werden beispielsweise die Sozialpsychologie und die Seminare zum Umgang mit dem Bürger künftig im Modul Sozialmanagement zusammen gefasst. Vorlesungen zum Europarecht sollen auf Englisch gehalten werden. Die Hochschule folgt damit einem Trend, der in allen Bundesländern um sich greift: Nur noch ein Drittel der Mitarbeiter in den Ämtern und Landesverwaltungen sind tatsächlich als Beamte eingestellt. Für die Mehrzahl der Mitarbeiter, die als Angestellte auf der Gehaltsliste stehen, genügt der Bachelor vollauf. Hans Paul Prümm meint: „Daran werden sich die Bürger schnell gewöhnen: Dass sie am Infotresen im Amt ein Bachelor begrüßt.“ 120 Studenten werden im Herbst 2006 zum Bachelorstudium zugelassen.

Bereits Erfahrung mit dem neuen Studiensystem hat Debora Weber-Wulff, Professorin an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW). Sie ist Sprecherin für den Studiengang „Internationale Medieninformatik“, der seit Herbst 2004 als Bachelorstudium angeboten wird. „Der Diplomstudiengang läuft aus, die letzten Studierenden haben noch zwei Jahre bis zum Abschluss“, erläutert die Informatikerin. „Unsere ersten Bachelorstudenten kommen jetzt in das dritte Semester.“ Auch sie bestätigt, dass aufgrund der geringeren Semesterzahl im Bachelor einiges gestrafft werden musste: „Das setzt produktives Umdenken voraus. Wir haben uns auf die Informatik konzentriert. Fächer wie die Psychologie wurden gestrichen, Computergrafik oder fortgeschrittene Medienprogrammierung ins Masterstudium verlegt. Dadurch geht die Breite unseres Diplomstudiums etwas verloren.“ Dennoch gehen die Absolventen weg wie warme Semmeln. „Die Krise des so genannten Neuen Marktes scheint vorbei zu sein“, schätzt Weber-Wulff ein. „In der Woche landen zwei bis drei Jobangebote für die Studierenden auf meinem Tisch.“ Deshalb hat die FHTW die Teilnehmerzahl in diesem Studiengang erhöht, indem sie auch im Frühjahr Studierende aufnimmt. Außerdem können die Absolventen ab Herbst 2007 einen Master aufsatteln. Beim Praktikum macht die Hochschule übrigens keine Abstriche. „Wir zwingen unsere Damen und Herren auch weiterhin dazu, mindestens ein Semester im Ausland zu machen“, meint die Professorin. „Bei diesen Praktika lernen sie am meisten.“

In diesem Herbst wird auch die Katholische Hochschule für Sozialwesen (KHSB) ihren Diplomstudiengang Heilpädagogik auf ein Bachelor-Master-Programm umstellen. Dieses Studium dauert künftig sieben Semester. „Heilpädagogik will die selbstständige Lebensführung und die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen in allen Altersgruppen stärken: in allen Feldern des Erziehungs- und Bildungswesens sowie der ambulanten und stationären Jugend- und Behindertenhilfe“, erklärt Ralf-Bruno Zimmermann, der Prorektor der Hochschule. „Weil wir den Diplomstudiengang schon 2001 als modularisiertes Konzept umgesetzt hatten, fiel die Umstellung auf Bachelor und Master jetzt nicht schwer.“ Da die Studierenden im Studium zugleich die staatliche Anerkennung als Heilpädagogen mit erwerben, dauert der Bachelor etwas länger als normalerweise üblich. Das Diplomstudium sah zwei Praxissemester vor. „Im Bachelor gehen die Studierenden jeweils für ein Semester zu unseren Praxispartnern wie der Lebenshilfe, den Beratungsstellen für Behinderte in den Bezirken, in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder in betreute Wohngemeinschaften“, sagt Zimmermann.

Zusätzliche Praxiserfahrungen sammeln die Studierenden dann in den Schwerpunkten des Hauptstudiums: in der heilpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oder mit Erwachsenen. Ein aufbauendes Masterstudium soll im Jahr 2009 folgen, wenn die ersten Absolventen die Hochschule verlassen, einen Bachelor in der Tasche. „In den neuen Bundesländern bieten nur die Hochschulen in Görlitz und Magdeburg dieses Fach an“, berichtet Ralf-Bruno Zimmermann. „Ohne groß Werbung zu machen, haben wir inzwischen zehn Bewerber auf einen Studienplatz.“ Deshalb will auch die Katholische Hochschule die Zahl der Studienplätze in der Heilpädagogik ausbauen, ein entsprechender Antrag liegt bei der Senatsverwaltung für Wissenschaft.

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