Zeitung Heute : Neues anstoßen – und Altes aufbauen

Diskussionsrunden, Workshops und Ausstellungen zeigen, was Bürgerengagement alles bewegen kann

Die Gedächtniskirche mit der berühmten Turmruine und den Neubauten von Egon Eiermann feiert 2011 ihren 50. Geburtstag. Der Turm wird derzeit saniert, die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche lädt zu Führungen auf das Baugerüst ein. Foto: dpa
Die Gedächtniskirche mit der berühmten Turmruine und den Neubauten von Egon Eiermann feiert 2011 ihren 50. Geburtstag. Der Turm...Foto: picture alliance / dpa

Es geht um Umwelt, Kultur, Kinder, Gesundheit, Bildung und vieles mehr: So unterschiedlich wie die Menschen und Unternehmen, die Stiftungen ins Leben rufen, sind auch ihre Zwecke. Ab heute können sich alle Interessierten ein Bild von der Vielfalt der Stiftungsarbeit in der Hauptstadt machen – im Rahmen der Berliner Stiftungswoche. Noch bis zum 25. Juni präsentieren mehr als 100 Stiftungen sich und ihre Arbeit; das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahr.

Auf dem Programm stehen Diskussionen, Tage der Offenen Tür, Ausstellungen, Filme, Workshops und Jugendprogramme. „Hier spiegelt sich die ganze Vielfalt der Themen, die Stiftungen in dieser Stadt anstoßen“, sagt Christina Rau, Schirmherrin der Berliner Stiftungswoche. Das Potential für Neues ließe sich gerade über Stiftungen bestens entwickeln. Initiatorin der Veranstaltung, die in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet, ist die Berliner Stiftungsrunde: 26 Stiftungen und Organisationen, die ihren Sitz oder eine Repräsentanz an der Spree haben. Dazu gehören zum Beispiel die Bürgerstiftung Berlin und die Stiftung Zukunft Berlin.

Bürgerschaftliches Engagement werde zunehmend „trendy“, sagte der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, gestern in Berlin. Dabei gehe es nicht nur darum, Geld, sondern auch Zeit zur Verfügung zu stellen. Allein im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Bundesverbandes 824 neue Stiftungen gegründet, davon 100 in Ostdeutschland einschließlich Berlin. Insgesamt waren Ende 2010 mehr als 18 100 Stiftungen bürgerlichen Rechts in Deutschland registriert, davon mehr als 1900 in Ostdeutschland einschließlich Berlin. In der Bundeshauptstadt sind aktuell 730 rechtsfähige Stiftungen registriert. Mit 96 Prozent sind fast alle deutschen Stiftungen gemeinnützig. Etwa ein Drittel widmet sich sozialen Zwecken, je 15 Prozent fördern Bildung und Erziehung sowie Kunst und Kultur.

Der Schwerpunkt der Stiftungswoche liegt in diesem Jahr auf dem Thema Bürgerengagement. „Bürger haben das Bedürfnis, sich an wichtigen Vorhaben in ihrem Umfeld, an gesellschaftlichen Prozessen und politischen Entscheidungswegen zu beteiligen“, sagt Projektleiterin Sabine Haack. Stiftungen gäben diesen Forderungen eine Stimme und eine Plattform. Was sie konkret tun können, um Bürgerbeteiligung zu fördern, diskutieren Experten zum Beispiel am 21. Juni um 20 Uhr im Allianz Forum am Pariser Platz 6. Auf dem Podium sitzen unter anderem Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer und Lothar Dittmer, der Vorstand der Körber-Stiftung.

Über Europa geredet wird am 24. Juni von 18 bis 20 Uhr, ebenfalls im Allianz Forum. Genauer gesagt darüber, dass Deutschlands Zukunft kosmopolitisch ist. Organisiert wird die Veranstaltung von der Allianz Kulturstiftung, dem Tagesspiegel, dem RBB und der Initiative Deutsch Plus. Auf dem Podium sitzen unter anderem der Soziologe Ulrich Beck, Sigmar Gabriel und Daniel Cohn-Bendit. Die Moderation übernimmt Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff (Anmeldung erforderlich unter: Tel. 030/3218081, allianz2406@event- consult-berlin.de ).

Zu den 105 Stiftungen, die sich in diesem Jahr präsentieren, gehören auch die „Elemente der Begeisterung“. Eine Gruppe, die mit der Vorstellung aufräumt, dass nur Menschen mit dickem Portemonnaie Stifter werden können. Die „Elemente“ wurden 2008 als deutschlandweit erste rechtsfähige Stiftung gegründet, die ausschließlich von Studierenden betrieben wird. Für den 22. Juni haben die jungen Stifter zusammen mit Kooperationspartnern eine Veranstaltung über die Jugend in der arabischen Welt organisiert (18.30 Uhr, Senatssaal der Humboldt Universität, Anmeldung: armin.pialek@bmw-stiftung.de).

Für die grünen Seiten der Hauptstadt engagiert sich die Stiftung Naturschutz Berlin, die unter anderem über das Freiwillige Ökologische Jahr informiert. Gemeinsam mit der Berliner Stadtreinigung hat sie außerdem einen Förderfonds für kreative Abfallprojekte gegründet, die auch Trennmuffel für das Sortieren von Müll begeistern soll. Für das kommende Wochenende hat die Stiftung einen „Langen Tag der Stadtnatur“ mit 500 Veranstaltungen auf die Beine gestellt (www.langertagderstadtnatur.de, Tel. 030/26394141).

Die Initiatoren der Stiftungswoche freuen sich über die bunte Mischung der rund 200 Veranstaltungen und Projekte. Nicht nur die Anzahl der teilnehmenden Stiftungen habe sich im Vergleich zum Vorjahr erhöht, auch das Programm sei vielfältiger geworden. 2011 seien außerdem auch Stiftungen beteiligt, die zwar nicht in Berlin säßen, hier aber wichtige Projekte ermöglichten.

Um auch und gerade Menschen in Ostdeutschland zum „Stiften gehen“ zu bewegen, gibt es seit 2008 die Stiftungsinitiative Ost. Die Kampagne des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen wirbt vor allem für das Modell der Bürger- und Gemeinschaftsstiftungen: „Sie werden gemeinschaftlich von Bürgern für Bürger errichtet und fördern gemeinnützige Zwecke, meist auf lokaler Ebene“, erklärt Axel Halling, Projektreferent der Stiftungsinitiative Ost. Dort könne jeder auch mit geringeren Beträgen zum Stifter werden.

Wer jetzt – oder spätestens nach dem Besuch einer Veranstaltung der Berliner Stiftungswoche – Blut geleckt hat, sollte beherzt loslegen. Aber auch genügend Zeit einplanen. „Entscheidend für die Dauer einer Stiftungsgründung ist die Kompliziertheit der Satzung und der damit verbundene Abstimmungsbedarf mit der Stiftungsaufsicht und gegebenenfalls dem Finanzamt“, sagt Verena Staats, Justiziarin beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Im Durchschnitt sollte man zwei bis fünf Monate für das Vorhaben einkalkulieren. (mit epd)

Mehr im Internet:

www.berlinerstiftungswoche.eu

www.stiftungen.org

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