Zeitung Heute : Neues aus Golfsburg

Die fünfte Generation: VW stellte am Montag den neuen Golf vor

Helmut Schümann[Wolfsburg]

Von Helmut Schümann,

Wolfsburg

Was will er uns nun sagen, dieser Spiegel der Zeit, der Spiegel Deutschlands, der gestern in der geballten Sterilität der Wolfsburger Autostadt unter dem Namen „Golf, die fünfte Generation“ vorgestellt wurde? Dass wir auf dem Sprung sind – dieses neue Auto sieht nämlich von der Seite aus betrachtet ein wenig nach vorn übergebeugt aus, so wie ein Tiger bevor er abhebt, kurz vor dem Sprung. Naja, ein Kätzchen hockt auch so vor der Maus, ein Kätzchen tut’s also auch. Oder will er uns sagen, dass es uns gut geht, dass wir satt sind und bequem – der Golf 2003 hat nämlich ein extrem breites Gesäß, wenn man gemein ist, könnte einem ein Beamtenhintern einfallen.

Aber vielleicht ist das Golfgesäß gar nicht breit, sondern muskulös, so wie auch ein Hundertmeter-Sprinter dickste Oberschenkel hat, bei ansonsten aerodynamischem Restdesign. „Ein gut gestyltes Auto gibt die Kraft an seinen Besitzer zurück“, sagte gestern in Wolfsburg ein Professor Peter Wippermann von einem Trend-Büro Hamburg. Na also.

Wahrscheinlich kann man in ein Auto-Design so alles hineinlesen, was man hineinlesen möchte. Wenn dann aber Bernd Pischetsrieder, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, sagt, dass er „mit der wirtschaftlichen Trendwende in Europa frühestens zur Jahreswende“ rechne, und dann gleich mehrfach erklärt, warum man diesen schlichten, „authentischen“ Ort zur Weltpräsentation des globusweit erfolgreichsten Autotyps gewählt hat, und wenn dann diese Präsentation mit einem Fähnchen zum Thema „Alltag in Wolfsburg“ beginnt, dann wird schon ein Programm erkennbar. Im understatement liegt die Kraft, heißt das, und so war es dann auch – den erfahrenen Automobiljournalisten unter der geladenen Weltpresse fiel auf jeden Fall unangenehm auf, dass so gar kein Halligalli geboten wurde, mal abgesehen vom gereichten Sushi und den viel zu frühen Cocktails. Kein Tanz, kaum Models, kein Feuerwerk, nur eine blumige Rede des Mannes vom Trend-Büro, noch eine nüchterne von Pischetsrieder und dann das Auto.

Blech gewordene Zufriedenheit

Den Gipfel des PR-Klamauks hatte allerdings vorher ohnehin schon die Stadt Wolfsburg erklommen, als ihre Väter ihr Städtchen am VW-Werk von gestern an bis zur Auslieferung des Autos Mitte Oktober in Golfsburg umtauften. Das ist doch mal ein deutliches Zeichen von der Unabhängigkeit einer Administration.

Das Auto also ist der Star. Wobei auch das schon wieder übertrieben ist, weil der Golf ja per Ideologie nicht herausragen will. Das fing 1974 an mit dem ersten Golf, gedacht als Weiterentwicklung des Käfers. Und was über die Straßen rollte, war der Ausgleich zwischen allen Welten, die Blech gewordene Zufriedenheit mit dem Erreichten, das Auto für die, die Angst haben vor dem Reinfall, wenn sie auffallen: quadratisch, praktisch, langweilig. Effizient, aber unsinnlich. Wenn es davor mal eine Generation Ente gegeben hat, so machten sie es sich nun im Quadrat bequem (Für die Jüngeren: Die Ente war auch ein Gefährt, sie hatte keinen Komfort, gab sich aber philosophisch und lackte schwer ins Existenzialistische). Später gab es dann für die Restverwegenheit unter den Golffahrern den Golf Pink Floyd und den Golf Santana, den Golf Bonjovi und den Golf Rolling Stones – aber erst als der streetfighting man nur noch das Unkraut bekämpfte im Reihenhausgärtchen und die Sympathie mit dem Teufel nur noch Attitüde war und nicht mehr Programm.

Der Golf ist das Auto, „mit dem sich jeder sehen lassen kann“, sagte Pischetsrieder, ein opportunistischeres Auto war nie. Aber das ist dann schon wieder gemein, der Golf will aber nicht gemein sein, der Golf will niemand weh tun, der Golf ist immer noch der Thomas Gottschalk unter den Autos. Oder auch mit den Worten des Herrn Pischetsrieders: „Er spricht die Sprache der Kunden.“ Er wurde silberfarben vorgeführt, 41,6 Prozent aller Neuzulassungen sind silber, das ist die Sprache der Kunden, brav beugt sich der Golf.

Auf diese Weise hat er sich bisher 22 Millionen Mal weltweit verkauft, er führt unangefochten in seiner Klasse die Liste der Neuzulassungen an, er hat 1974 bei seiner Einführung zehn Konkurrenten aus dem Feld geschlagen, und er soll nun in fünfter Generation 130 Konkurrenten hinter sich lassen. Er soll „zum Oskar greifen“ (nochmal Pischetsrieder), und er soll die durchschnittliche Verweildauer eines Autos bei seinem Besitzer von schrecklich langen sieben Jahren konzernfreundlich senken. Zum Preis von 15220 Euro. Ein gewaltiger Auftrag. Weswegen klar ist, warum besagter Professor Peter Wippermann vom Trend-Büro Hamburg doch noch gewaltig die Trommel rührte. Wir lebten eben in einer Zeit, in der die Fremdanerkennung wichtiger sei als die Selbstachtung, weswegen er mit seinem Auto auf dem Parkplatz des Arbeitgebers den Beifall der Kollegen erheische und vor der Haustür die Anerkennung des Nachbarn. Und weil der Alltag, unser Alltag nun mal „versportet“ sei, sei auch der neue Golf gegenüber seinem Vorgänger länger (nämlich 57 Millimeter), breiter (24 Millimeter) und höher (39 Millimeter). Und schließlich: „Der Golf ist das kollektive Lebensgefühl, das individuell geliebt wird. Der Golf ist wie Mallorca, für jeden zu haben, von allen geliebt.“

Puh. Aber eigentlich ist der Golf ja nur ein Auto.

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