Zeitung Heute : Neues Bauen in Berlin: Der Zeitgeist liebt es bonbonbunt

Bernhard Schulz

Berlin mangelt es wahrlich nicht an Arbeiten internationaler Architekten. Mit dem Neubau zahlreicher Botschaften tritt jedoch der Wettstreit der nationalen Architekturen hinzu. Botschaftsgebäude stehen nicht so sehr für ihren jeweiligen Entwerfer, als vielmehr für das Land, das sie repräsentieren.

So jedenfalls sieht es Großbritannien, dessen Botschafter, Paul Lever, dem Neubau der Britischen Botschaft in der Wilhelmstrasse - gleich um die Ecke vom Pariser Platz - als Aufgabe auf den Weg gab, "den Charakter des modernen Britannien zu spiegeln, seine Vitalität und Dynamik, seinen Stil und seinen Sinn für Spass ebenso wie die Offenheit der britischen Gesellschaft". Die Queen wird diesem Selbstbild mit der Einweihung des Gebäudes am kommenden Dienstag dasi-Tüpfelchen der Tradition hinzufügen.

Michael Wilford, der als Sieger aus einem beschränkten Wettbewerb unter zwölf britischen Büros hervorgegangen ist, unterschreibt die diplomatische Vorgabe durchaus. Der langjährige Partner des 1992 allzu früh verstorbenen James Stirling - der sich mit dem Wissenschaftszentrum Berlin am Landwehrkanal, vor allem aber mit dem Erweiterungsbau der Stuttgarter Staatsgalerie als farbenfroher Post-Modernist verewigt hat -, kann mittlerweile eine beeindruckende Reihe eigener Bauvorhaben vorweisen.

In Berlin hatte der 62-jährige Wilford also das moderne Großbritannien darzustellen. Mit Verweis auf die jahrlang umstrittenen Gestaltungsrichtlinien für den Pariser Platz und dessen Nachbarschaft sowie in Erinnerung an den Vorgängerbau, ein im Krieg beschädigtes und später von der DDR abgetragenes Palais aus dem Jahre 1868, erklärte Wilford bei der Vorbesichtigung selbstbewusst, sein neues Gebäude sei eine "Hommage an die Geschichte der Stadt, zugleich aber eines des 21. Jahrhunderts".

Ein großes Wort. Jedenfalls zeigt sich in der Wilhelmstrasse 70 ein ironisches statement zur Diskussion um eine vorgeblich "Berliner Architektur", die die neunziger Jahre des gerade vergangenen Säkulums beherrschte. Die lang gestreckte Fassade des Gebäudes scheint sich über die steinernen Vorgaben regelrecht lustig zu machen - sie erfüllt sie und führt sie zugleich ad absurdum. Sandsteinverkleidet zeigt sie sich und damit ganz im Sinne der Berliner Traditionalisten; auch stimmt die Traufhöhe, und dem geneigten Dach ist nicht anzumerken, dass es in Wahrheit fake ist und das bekennerhafte Mansarddach des benachbarten Hotels "Adlon" nur der Form nach wiederholt. Auch die regelmäßig eingeschnittenen Rechteckfenster der oberen beiden Geschosse folgen den Regularien.

Dazwischen aber herrscht fröhliche Anarchie. Zwei bonbonbunte Körper schieben sich aus der im Hauptgeschoss ausgeschnittenenen Sandsteinfront, ein lilafarbenes Rund und ein hellblaues, weitgehend verglastes Rechteck, wobei letzteres auch noch über die hier wenig freundliche Wilhelmstrasse hinauslehnt. Der Passant geht an einem eher abweisenden Sockelgeschoss entlang, ehe er unvermittelt auf ein stählernes Tor trifft. Das aber gewährt Einblick in einen gepflasterten Hof samt ausladendem Baum - einer 45-jährigen, eigens verpflanzten "englischen Eiche" Hamburger Herkunft -, was durchaus als Anklang an Berliner Hinterhöfe verstanden werden darf.

Es passiert also etwas hinter der steifen Fassade, will der Architekt sagen. Dem Besucher, der nach der Sicherheitsprüfung den Hof betreten darf, öffnet sich eine ganz unerwartete Raumfülle. Hatte man das 2700 Quadratmeter messende Grundstück nicht als unglückliche Restfläche in Erinnerung, ringsum eingezwängt zwischen die Brandmauern des übermächtigen "Adlon" und eine mittlerweile emporgewachsene "Seniorenresidenz" zur Linken? Wilford hat der Grundfläche sogar zwei Höfe abgewonnen, den offenen sowie in gleichen Dimensionen einen "Wintergarten" zur Rechten, der im piano nobile gelegen und über eine repräsentative Treppenanlage zu erreichen ist.

Dort ist Platz für Empfänge unter einem gläsernen Dach, gehalten von stählernen Stützen, die sich zum Bild eines abstrakten "Baumes" fügen. Der lila Rundkörper entpuppt sich als Konferenzsaal, der sich bei Bedarf weit zum Wintergarten öffnen lässt. Ihm antwortet der Segmentbogen der hölzern verkleideten Stirnseite, in dem sich eine raumgreifende Bar verbindet, während hinter der vielfach geknickten Glasfront der darüber liegenden Etage die Cafeteria der Mitarbeiter liegt. Erst darüber blicken die beiden Büroetagen mit ihren leider sehr monotonen Rechteckfenstern auf das Treiben in den Höfen. Spielerisch gibt Wilford zu verstehen, dass Büroarbeit heute nicht mehr im Zentrum der Botschaftsaktivitäten steht.

Den social functions liefert der Architekt eine abwechslungsreiche Bühne. Der Aufstieg über die große, nach Art barocker Illusionsarchitektur sich verjüngende und dramatisch steigernde Treppe ist spektakulär. Zwei Skulpturen des seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Künstlers Tony Cragg flankieren den Richtungswechsel der Treppe vor Erreichen des Obergeschossniveaus. Zurück die Treppe hinunter, ist der Blick nicht minder eindrucksvoll: Von den Metallgittern eines haushohen Zylinders halb verborgen, erahnt der Besucher die dahinter liegenden Stege von den Bürofluren zur internen Aufzugsanlage. Überwölbt wird die Treppe von einem schrägen, knallrot gestrichenen Baukörper für Haustechnik. Überall springen die Farben ins Auge, vor allem das besonders effektvoll an tragenden Stützen zum Einsatz kommende Signalrot vor dem Hintergrund der zurückhaltenden, silbergrauen Aluminiumfassaden, die beide Höfe säumen, und ebenso des dunklen Granits, der hier statt des von Altmeister Stirling so geliebten grellbunten PVC-Belags den Boden deckt.

Michael Wilford handhabt die Farb- und Materialprovokationen seines verstorbenen Seniorpartners in der Tat weit sparsamer, als wolle er die Aufmerksamkeit des Besuchers ganz auf die außerordentlichen Raumqualitäten seines Entwurfs konzentrieren. Die bunten Farben, mögen sie nun für britischen sense of fun stehen, werden sich optisch alsbald abnutzen. Die Vielfalt der Raumfiguren hingegen, der Höfe, Umgänge, Treppen, der eingeschobenen Körper des Konferenzsaales und des die Wilhelmstraße so keck überblickenden Informationsraumes, wird immer wieder für Überraschung, für architektonisches entertainment im besten Sinne sorgen.

Die Leistung Wilfords liegt in der Spannung, die er zwischen den stadträumlichen Rahmenbedingungen des Gebäudes und dem Reichtum seines Innenlebens aufzubauen vermag. In diesem Raumgefüge aber gibt sich eine geradezu traditionsgesättigte Baukunst zu erkennen, der die kontrastierenden Materialien und Farbgebungen wie Dekor anhaften. Sie wirken wie das bloße Zugeständnis an einen Zeitgeist, der im Blair-Britannien etwas forciert modern daherkommt - und der im Falle der Stirling-Wilfordschen Architektur auch schon wieder nostalgische zwanzig Jahre alt ist.

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