Zeitung Heute : Neues Bauen in Berlin: Ruhepol im Lärm der Mitte

Charis Wegener

Ist es angesichts allgemeiner Religionsverdrossenheit ein kühnes Unterfangen, einen sakralen Neubau zu errichten, zumal im Zentrum der Stadt? Oder befriedigt er nicht vielmehr notwendigerweise den heutigen Bedarf an geistigen Rückzugsbereichen inmitten unserer hektischen Zeit?

Der Herausforderung stellte sich die Erzdiözese Berlin, indem sie den ersten katholischen Kirchenneubau der Stadt seit der Wiedervereinigung unweit der Oranienburger Straße realisierte. Der 10,5 mal 17 Meter kleine Kubus der dem Heiligen Thomas von Aquin geweihten Kirche bildet den architektonischen und geistigen Kern der 1990 gegründeten Katholischen Akademie, die mit fünf Neubauten zum Tagungszentrum erweitert worden ist. Insgesamt umfasst die im Dezember 1999 eingeweihte Anlage sieben Einzelbauten, die sich um fünf Hof- und Gartenbereiche gruppieren: zwei Altbauten - das Akademiegebäude mit dem Neuanbau des Restaurants "Aquin" und ein in die benachbarte Mietshausbebauung der Jahrhundertwende integriertes Bürohaus -, die Kirche, ein Dreisternehotel mit 40 Zimmern sowie acht Wohnungen, ein flacher Auditoriumsbau mit Foyergebäude, ein Büroriegel, die vom Verband der Deutschen Diözesen unabhängig in Auftrag gegebene Repräsentanz der Deutschen Bischofskonferenz sowie eine Tiefgarage.

Die Verantwortung für Planung und Ausführung der Neubauten und der Außenanlagen liegt bei dem deutsch-britischen Architektenduo Thomas Höger und Sarah Harc. Es ist dies ihre erste ausgeführte Auftragsarbeit. Sie basiert auf dem Wettbewerbsentwurf Högers von 1994.

Das rund 8000 Quadratmeter große Grundstück verbirgt sich unsichtbar für den Passanten zwischen Chausseestraße 128 und Hannoversche Straße 5 hinter einer Phalanx aus wilhelminischen Mietshäusern und grenzt auf der anderen Seite direkt an den Dorotheenstädtischen und den Französischen Friedhof. Nicht allein die ruhige Lage weckt die Assoziation eines "Klosters in der Stadt". Klösterlich ist der Gedanke, unterschiedliche sakrale und profane Nutzungen in Einzelgebäuden zu trennen und sie in Höfe und Gärten verschiedener Funktionen einzubetten. Jedoch bildet die Anlage keineswegs einen geschlossenen Bezirk einer religiösen Minorität Berlins - sind doch alle Akademiebauten außer der Bischofskonferenz von jedermann nutzbar. Dies unterstreicht auch den Willen der Katholischen Akademie, ein Forum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu bilden.

Die mit grauen Granitplatten verkleidete Repräsentanz der Bischofskonferenz fungiert als autonomer Kopfbau, der in seiner Bauflucht und Gebäudehöhe der angrenzenden Mietshausbebauung folgt. Er markiert mit einem an seiner Schmalseite vorspringenden Erker den leicht ansteigenden breitgelagerten Eingang des Geländes. Bereits von der Straße aus führt der Blick unmittelbar auf den ersten von insgesamt drei ineinander übergehenden gepflasterten Höfen, die in ihrer Gestaltung ungeachtet der Bäume im zweiten Hof merkwürdig kahl wirken. Sie schaffen einen öffentlichen Durchgang zur gegenüberliegenden Chausseestraße und erschließen die parallel zur Friedhofsmauer aufgereihten Akademiebauten. Blickfang des platzartigen ersten Hofes ist der nur neun Meter hohe Kirchenkubus. Durch die schmucklose, klare Gestaltung gelingt es den Architekten - in Zusammenarbeit mit dem Künstler Norbert Radermacher -, einen beeindruckenden Sakralraum zu definieren, der alle Menschen - gleich welcher Konfession, Religion oder Weltanschauung - als intuitiv erfahrbarer spiritueller Ruheraum begegnen soll. In für eine katholische Kirche ungewöhnlicher Weise beschränkt sich die Ausstattung auf das liturgisch Notwendigste. Altertümlich im positiven Sinne muten die Wände an, die massiv aus grau-weißen und grau-gelblichen Granitplatten gemauert sind. Die mit steigender Höhe vermehrt auftretende Einlage von transparenten Glasplatten im gleichen Maß von 60 mal 50 mal 4,5 Zentimetern löst die Wandflächen zunehmend auf. Tagsüber verändert das wechselnde Tageslicht die Raumatmosphäre. Nachts dagegen strahlt der beleuchtete Innenraum nach außen. Weiße Sichtbetonstützen tragen baldachinartig ein Flachdach identischen Materials, das die technischen Anlagen aufnimmt. Die Wände verlieren so ihre tragende Funktion und werden zu "Bildern".

Der die Kirche umgebende verglaste Wandelgang verbindet den fünfgeschossigen Akademiealtbau mit dem im rechten Winkel ansetzenden Tagungshotel. Dieses wie auch den anschließenden Foyerbau und den Büroriegel verkleiden ockerfarbene Ziegel. Alle drei Baukörper bilden gemeinsam eine u-förmige Grundrissstruktur. Mit der Gebäudehöhe und den drei Höfen nimmt sie die Blockstruktur der benachbarten Mietshäuser auf. Das sechs Meter hohe Auditoriumsfoyer öffnet sich zum zweiten Hof vollständig durch eine Glasfront. Mit seiner geschlossenen Rückseite reicht der in der Höhe entsprechende Auditoriumskubus bis an die Friedhofsmauer. An den Schmalseiten verschmelzen beidseitig angelegte kleine Gartenhöfe optisch durch die transparente Wandausbildung mit dem Tagungsraum.

Überzeugend gelingt es den Architekten, durch die Variation gleicher Gestaltungsmittel aus den Einzelbauten eine den städtischen Kontext integrierende Einheit zu formen und gleichzeitig deren Charakter zu bewahren. Beides erreichen sie durch die Stellung der Bauten zueinander, vor allem aber die skulpturale Auffassung der Architektur. Sie manifestiert sich in den plastischen, beabsichtigt irritierenden Fassadengestaltungen und dem vielfältigen Spiel von Übergängen zwischen Innen- und Außenräumen, zwischen offenen und geschlossenen Flächen.

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