Zeitung Heute : Neues Land, neues Glück

Immer mehr Deutsche zieht es in die Ferne – für flexible Nachwuchskräfte gibt es im Ausland beste Job- und Karrierechancen

Claudia Obmann

Jedes Mal, wenn das Handy von Maren Hintz klingelt und auf dessen Display „Nummer unbekannt“ erscheint, klopft ihr Herz schneller. Denn die Diplom-Medienwirtin hofft auf die heiß ersehnte Nachricht: „Hallo Frau Hintz. Es ist so weit. Am nächsten Ersten gehen Sie für uns nach China.“ Maren Hintz sitzt auf gepackten Koffern. Sie plagt akutes Fernweh, China soll es sein. Die studierte China-Managerin hat sich bei mehreren Firmen als Trainee im Fernen Osten beworben. Wann immer das „Go“ eines Personalmanagers erklingen wird, sie ist startklar: Ihr Job ist gekündigt, ihre Wohnung und ihren Lebensgefährten lässt sie in Spenge bei Herford zurück, privater Kram wird bei den Eltern im Keller deponiert. Nur ihre Lieblingsbücher will sie unbedingt in die neue Heimat mitnehmen – vermutlich als Frachtgut im Flieger, der die gebürtige Aachenerin nach Schanghai, Peking oder Hongkong bringen wird. Mit den Ersparnissen aus ihrem ersten Job im Vertrieb einer Logistikfirma erkauft sich Maren Hintz die Freiheit, jederzeit ausreisen zu können. „Notfalls kommt eben noch mein Auto unter den Hammer“, sagt die 25-Jährige.

So wild entschlossen wie Maren Hintz, Deutschland den Rücken zu kehren und in das Land ihrer Träume zu gelangen, sind derzeit viele Akademiker. Wie eine Online-Umfrage unter knapp 700 Teilnehmern auf karriere.de zeigt, würden 63 Prozent lieber anderswo als in Deutschland leben und arbeiten. Konkret: 51 Prozent würden sofort wegziehen, wenn sie zum Beispiel ein ausländisches Jobangebot in der Tasche hätten, und immerhin knapp zwölf Prozent sind schon auf dem Sprung.

Unaufhörlich rollt eine Lawine fähiger Leute nach anderswo. Alljährlich verlassen laut der Internationalen Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn 150 000 Republikflüchtlinge das Land. Das sind 60 Prozent mehr als Anfang der 90er Jahre – eine Zahl, als ob auf einmal ganz Regensburg auswandert. Aus einem Rinnsal ist ein steter Menschenstrom geworden, der sich wie die Donau rund um Regensburg in mehrere Arme teilt: Handwerker und Servicekräfte entscheiden sich hauptsächlich für den Umzug innerhalb Europas. Sie gehen am liebsten ins deutschsprachige Ausland, also in die Schweiz oder nach Österreich, wo es an Bauarbeitern und Tourismuskräften mangelt. Anglophile Aussteiger mit Ausbildung oder Diplom zieht es zu den klassischen Zielen USA und Australien, wo sie mit ihrem Schulenglisch meist zurechtkommen.

Die dritte Gruppe sind die flexiblen Hochqualifizierten. Für sie existiert heute ein fast globaler Arbeitsmarkt: In London sind sie ein wichtiger Teil der Finanz-Community. Im Silicon Valley gehören Einwanderer mit Greencard zu den eifrigsten Firmengründern. Länder wie Kanada, Australien und Singapur empfangen Zuzugswillige mit offenen Armen. „Denn es kommen nicht die Schwachen und Untätigen, sondern die Mutigen, Innovativen und Unternehmungslustigen“, wie der Göttinger Migrationsforscher Klaus Bade weiß. Zwar nimmt weltweit die Elitenwanderung rasant zu, wie die Internationale Arbeitsorganisation in Genf beobachtet. Besonders hart jedoch trifft der Exodus Deutschland. Nach Schätzungen des Bundesforschungsministeriums verlassen inzwischen 20 Prozent der deutschen Jungakademiker die Heimat. Arbeitsmarktexperten werden langsam nervös. Denn der bestens ausgebildete Nachwuchs investiert sein Können und Know-how außerhalb deutscher Grenzen.

Um die Top-Talente reißen sich weltweit fast alle Länder. Um sie zu sich zu locken, haben speziell Brasilien, China, Indien, Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate im internationalen Vergleich nur niedrige Einreisehürden. Meist genügt schon ein Visum, das wie im Falle von Indien noch nicht mal an ein festes Jobangebot gekoppelt sein muss. Ein Nachweis vergleichsweise hoher Einkommen, wie es die Bundesrepublik von zuzugswilligen Ausländern verlangt, entfällt in diesen fünf Staaten sogar komplett.

„Chinesen sind so sehr an Know-how interessiert, dass deutsche Ingenieure problemlos ein Arbeitsvisum erhalten“, weiß Thomas Bücker von der ZAV. Auch für Gründer aus Germany rollen einige der boomenden Schwellenländer den roten Teppich aus. Während man zum Beispiel als Firmengründer in Kanada rund 188 000 Euro mitbringen muss, reicht in Brasilien schon ein Startkapital von 39 000 Euro.

In der Wanderungs-Hitliste des Statistischen Bundesamtes rangieren Brasilien, China, Indien, Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate zahlenmäßig zwar auf den hinteren Plätzen. Dafür ist ihr Sehnsuchtsfaktor aber umso größer. Insgesamt 5743 Deutsche sind allein 2005 dauerhaft ins Reich der Mitte, zum Zuckerhut, ans Kap der Guten Hoffnung oder in die Anrainerstaaten des Persischen Golfs gezogen. Doch was treibt die Massen außer Landes? Abgesehen vom stärksten Motiv Liebe, dem Männer und Frauen im Urlaub oder während eines Arbeitsaufenthalts im Ausland erliegen, gibt es drei gute Gründe für den Nachwuchs, um sich aus Deutschland abzusetzen: erstens Abenteuerlust und der Wunsch nach neuen Erfahrungen, zweitens erfolglose Jobsuche oder mangelnde Karriereperspektiven im Inland sowie drittens das raue soziale Klima und düstere Zukunftsszenarien.

„Ich wollte einfach nur raus aus der deutschen Routine, mich auf die andersartigen Menschen und ihre Kultur einlassen“, schwärmt zum Beispiel China-Fan Maren Hintz. Seit ihrem Studienaufenthalt im vergangenen Jahr in Xian, der Stadt der berühmten Terrakotta-Armee, träumt sie sich vor den Fotos an ihrer Wohnzimmerwand an die kaiserliche Grabstätte zurück. Und paukt bis zum Abflug weiter fleißig Schriftzeichen.

Um die Erweiterung seines geistigen Horizonts geht es auch Jürgen Nagler. Immer wieder wechselt der Betriebswirt zu Arbeits- und Studienzwecken den Kontinent. „Anfangs habe ich beim ADAC eine Langzeitkrankenversicherung abgeschlossen und brav weiter in die deutsche Renten- und Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Da war ich noch zu 100 Prozent deutsch und brauchte dieses letzte Stück Sicherheit“, erzählt der leidenschaftliche Globetrotter. Inzwischen hat der 31-jährige Bayer jedoch diese Nabelschnur zum deutschen Sozialsystem zerschnitten und scheut auch negative Erfahrungen nicht mehr: „Wo die Not am größten ist“, will Nagler ab Sommer in Ostafrika in der Entwicklungshilfe arbeiten.

Häufig ist der Arbeitsvertrag auf Zeit für Leute zwischen 20 und 30 die Eintrittskarte in den Dauerjob oder die Selbstständigkeit vor Ort. Oft starten sie mit einem Firmenpraktikum oder als Freiwilliger in Hilfsprojekten. Martin Osterloh hat die Karrierechancen abseits der Mainstream-Ziele USA, Kanada und Co. clever genutzt: „Ich habe schon als Kind vom Taj Mahal geträumt.“ Dass er später einmal auf eine Marktlücke stoßen und sich mit der ersten deutsch-indischen Immobilienagentur im Land seiner Träume selbstständig machen würde, ahnte er damals natürlich nicht. Zusammen mit einem Freund makelt er seit kurzem indische Grundstücke und Gebäude übers Internet und berät Gewerbetreibende aus Deutschland zu ihrer Ansiedlung auf dem Subkontinent. 14 Stunden täglich, auch am Wochenende.

„Arbeiten von früh bis spät, kaum Urlaub, kein Kündigungsschutz, löchriges soziales Netz im Krankheitsfall oder bei Jobverlust“, Christiana Tings vom Raphaels-Werk weiß genau, wie sich Expatriaten und Emigranten unterscheiden. Während Expatriaten, von Firmen ins Ausland entsandte Mitarbeiter, finanziell abgesichert sind und häufig von Chauffeur und Nanny umsorgt werden, sieht’s für Weltenbummler, die auf eigene Faust unterwegs sind, anders aus. Tings und ihre Kollegen beraten Auslandstätige und Auswanderer vor ihrem großen Schritt (siehe Kasten). Karriere-Magazin

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