Zeitung Heute : Neues Netz

Für sie ist das World Wide Web veraltet. Anja Feldmann will ihm eine komplett neue Architektur verpassen.

Ragnar Vogt
307483_0_6e9f89fb.jpg
Vernetzt. Anja Feldmann und ihr Team wollen aus dem Charlottenburger Campus ein riesiges Versuchslabor für das Internet der...Ulrich Dahl/Technische Universit

Vor kurzem ist Anja Feldmann in die USA geflogen, nach Berkeley in Kalifornien. Im Flugzeug überarbeitet sie einen wissenschaftlichen Artikel, den sie veröffentlichen will. Die Zeit drängt, sie muss beim Zwischenstopp an der US-Ostküste den Text per E-Mail verschicken, um die Abgabefrist einzuhalten. Doch auf dem Flughafen hat sie keinen Mobilfunk-Empfang. Endlich findet sie ein W-Lan-Netz, doch das ist extrem langsam. Und der Abflugtermin ihres Anschlussfluges rückt immer näher. Deshalb schafft sie es nicht, die E-Mail abzuschicken. Sie verpasst die Deadline für ihren Fachartikel.

Anja Feldmann erzählt diese Geschichte gern, um die Problemstellung ihrer Forschung zu umreißen: „Das Internet tut nicht immer das, was es tun soll.“ Die Wissenschaftlerin der TU Berlin will erreichen, dass das Internet in Zukunft viel besser funktioniert. Mit einer neuen Infrastruktur soll das Netz verlässlicher, schneller und sicherer werden. Das derzeitige Internet beruht auf einer Technik, die ursprünglich nicht ausgelegt war für inzwischen etablierte Anwendungen vom Online-Banking über Internetspiele bis hin zur Bild-Telefonie.

Damit das Netz überhaupt funktionieren kann, mussten Techniker immer neue Erweiterungen der bestehenden Architektur programmieren. „Da wurde ein Pflaster auf ein Pflaster auf ein Pflaster geklebt, das muss irgendwann brechen“, warnt die Informatikerin. Anstatt neue Pflaster für die neuen Probleme zu programmieren, denkt sie zusammen mit Informatikern auf der ganzen Welt darüber nach, ob man nicht die Internetarchitektur komplett neu entwerfen kann.

Ein Problem sieht Anja Feldmann darin, dass derzeit alle Daten mit gleicher Priorität behandelt werden. Wer zum Beispiel über Skype telefoniert und gleichzeitig ein Video herunterladen will, dem passiert es häufig, dass das Gespräch unterbrochen wird. Das liegt daran, dass durch die Datenmengen des Filmes die Leitung überlastet wird. Dadurch werden auch die Bits des Telefongesprächs nicht übertragen. Doch woher soll das Netzwerk wissen, dass dem Nutzer das Telefongespräch viel wichtiger ist als die Videodatei?

Um solche Situationen zu vermeiden, möchte Anja Feldmann eine Architektur schaffen, die das Internet virtuell in verschiedene, voneinander getrennte Bereiche teilen kann. Dann kann es zum Beispiel ein Netz geben, über das mit hoher Priorität Daten verschickt werden können, etwa für Telefonie. Und ein Netz für größere Datenmengen wie Filme, bei dem die Übertragungsrate auch mal schwanken darf.

Ein unterteilbares Internet hätte noch einen Vorteil; endlich könnte ein Widerspruch gelöst werden, der bislang unüberwindbar schien. Jeder Surfer will im Netz möglichst anonym bleiben, denn der Nachbar muss ja nicht wissen, dass man sich gerade über Geschlechtskrankheiten informiert. Auf der anderen Seite möchte ein Nutzer aber auch eindeutig identifiziert werden können. Wenn er eine Banküberweisung aufgibt, dann soll ganz sicher sein, dass wirklich nur er selbst das machen darf. Nach Vorstellung von Anja Feldmann könnte es parallel zum sicheren Netz für Banken auch ein davon virtuell getrenntes Netz zum anonymen Surfen geben.

Das Team der TU-Wissenschaftlerin hat bereits verschiedene Strukturen für das Internet der Zukunft entworfen. Doch ob diese auch tatsächlich mit Millionen Rechnern funktionieren, das wissen die Informatiker nicht. Um ihre Ideen möglichst real testen zu können, beteiligen sie sich am „G-Lab“, dem German Laboratory. Das ist ein deutschlandweiter Zusammenschluss von Einrichtungen, die an der Zukunft des Internets forschen. Das Bundesforschungsministerium fördert das Vorhaben mit elf Millionen Euro.

Doch auch auf den Laborrechnern des G-Lab kann nicht die Realität des tatsächlichen Internets mit all seinen Nutzern und Programmen abgebildet werden. Deshalb wird Anja Feldmanns Forschungsgruppe im Herbst einen Großversuch starten, bei dem alle TU-Studenten mitmachen können. Die Forscher haben ein W-Lan-Netz auf dem gesamten Campus installiert. Jeder Student kann demnächst dieses Netz kostenfrei benutzen. Es hat vor allem außerhalb der Uni-Gebäude guten Empfang, also dort, wo es bisher kein gutes freies W-Lan gibt.

Jeder der freiwilligen Nutzer wird dort zugleich zur Testperson, denn genau mit diesem Netz wollen die Forscher ihre Versuche zur Zukunft des Internets machen. Sollte dabei ein Versuch einmal schiefgehen, dann werden nach Feldmanns Planungen die Studenten aber weiterhin surfen können. Als Sicherung gibt es ein gut erprobtes Netzwerk, das einspringt, wenn das Versuchsnetz ausfällt.

Der Artikel, den Anja Feldmann nicht mailen konnte, wurde übrigens dennoch veröffentlicht: Der Verleger akzeptierte den Text trotz verpasster Abgabefrist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar