Zeitung Heute : Neues Selbstbewusstsein

Der finnische Jugendstil entstand noch unter russischer Herrschaft. Er gab dem nach Unabhängigkeit strebenden Land eine Identität

Ingeborg Becker

Die finnische Sprache kennt viele verschiedene Wörter für Schnee, die blendende Helligkeit der verschneiten weiten Landschaft gehört zu den eindrücklichsten Impressionen eines Finnland-Besuchs. Im übertragenen Sinne bedeutet Finnland aber auch ein weißer Fleck auf der Landkarte der künstlerischen Koordinaten. Während finnisches Design von Beginn der 30er Jahre an Weltberühmtheit erlangte, versank die Kunst des Jugendstils, die der Anfang eines besonderen, eigenen künstlerischen Weges war, außerhalb ihres Ursprunglandes in eine eigentümliche Vergessenheit. Die Ausstellung „Das Licht kommt jetzt von Norden – Jugendstil in Finnland“ zeigt in einer groß angelegten Retrospektive Maler, Entwerfer, Architekten, die maßgeblich an dieser „ersten“ Moderne beteiligt waren.

Das 19. Jahrhundert war für Finnland eine politisch bewegte Zeit. Seit 1809 gehörte es als ein Großfürstentum zum Zarenreich, die Jahrhunderte lange Zugehörigkeit zu Schweden war damit beendet. Sicherte Russland zunächst historische Garantien zu, gab es jedoch im Laufe der Zeit zunehmende Unterdrückung. Der Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit wuchs, vergleichbar den vielen partikularistischen Bestrebungen im übrigen Europa.

Die Kunst Finnlands erreichte um 1900 eine besondere Bedeutung. Sie wurde zum Ausdrucksträger eines neuen Selbstbewusstseins, in ihr manifestierte sich die Sehnsucht nach nationaler Identitätsfindung. Die politische und geografische Randlage wies der Kunst eine offensive Rolle zu – sie war Mittel, um die Weltöffentlichkeit aufmerksam zu machen für die spezielle Situation des Landes.

Die Aktivitäten des Finnischen Kunstvereins (gegründet 1846) hatten bereits dazu geführt, den internationalen Anschluss der jungen Künstler zu sichern. Die Düsseldorfer Malerschule wurde zunächst eine der wichtigsten Kunststätten im Ausland. Victor Westerholm (1860 –1919) kann als einer der typischen Landschaftsmaler dieser Richtung gelten. In den 1880er Jahren gingen viele der finnischen Künstler nach Paris und fanden Anschluss an die modernen Kunstideale. Besonders hervorzuheben ist dabei Albert Edelfelt (1854 – 1905), der als Pionier der Landschaftsmalerei und des eleganten Porträts angesehen werden kann und der Bildhauer Ville Vallgren (1855 – 1940), der mit seiner Frau Antoinette aus dem französischen Art Nouveau eine eigenwillige Nuance bezog. Der hohe Anteil finnischer Künstlerinnen wie Helene Schjerfbeck (1862 –1946), Ellen Thesleff (1869 – 1954) und Elin Danielsion-Gambogi (1865 – 1919) brachten eine neue, psychologisierende Dimension in die Kunst. Juho Rissanen (1873 - 1950) war einer der eindringlichsten Schilderer des finnischen Volkslebens. Sein Malduktus war bestimmt von einer Symbiose der italienischen Frührenaissance und des russischen Realismus, Pekka Halonen (1865 - 1933) avancierte zu einem einfühlsamen Maler der finnischen Landschaft, Magnus Enckell (1870 - 1954) zu einem Meister der symbolistischen Sujets. Hugo Simberg (1873 - 1917) verband Poesie und märchenhaften Stil zu einer eigentümlichen, verrätselnden Bildsprache. Die Dynamik der jungen finnischen Kunst manifestierte sich in der Persönlichkeit Akseli Gallen-Kallelas (1865 - 1931). Mit 19 Jahren ging er zu Studienzwecken nach Paris. Sein noch vom französischen Naturalismus beeinflusstes Frühwerk in den 1880er Jahren führte ihn zu den Ursprüngen der eigenen Identität. Einfache Menschen, die fern der Zivilisation lebten, fand er auf seinen Reisen nach Karelien, einem Landgebiet, das als mythischer Ort auch des „Kalevala“ , dem Nationalepos der Finnen, gedeutet wurde. Das Œuvre Gallen-Kallelas, der bis 1907 die schwedischsprachige Version seines Namens Axel Gallén führte, weist eine Fülle verschiedener künstlerischer Impulse und Einflüsse in verschiedenen Gattungen auf. Seine frühen symbolistischen Gemälde wie „Symposion“, „Ad Astra“ und „Conceptio Artis“ gehören zu den Höhepunkten der Fin-de-Siècle-Kunst.

Besonderen Raum nahmen seine künstlerischen Auseinandersetzungen mit den literarischen Vorlagen aus dem National-Epos „Kalevala“ ein – als Bekenntnis und programmatische Parteinahme für ein unabhängiges Finnland lassen sie bis heute die versunkene mythische Sagenwelt lebendig erscheinen.

Ein wenn auch kurzer, aber trotzdem bedeutender und wichtiger Abschnitt für Galléns künstlerische Entwicklung war ein dreimonatiger Aufenthalt in Berlin. Berlin, auf dem Weg in den Süden die erste bedeutende Großstadt, Metropole des Deutschen Reiches, wurde zu Beginn der 1890er Jahre von zahlreichen skandinavischen Künstlern, aber auch speziell finnischen Künstlern als bevorzugter Aufenthaltsort gewählt.

Zudem hatte sich in Berlin ein Zentrum der „Nordland“-Begeisterung herausgebildet. Der Künstlerkreis in Friedrichshagen feierte die Skandinavier und das Verlagsprogramm von S. Fischer mit seiner „Nordischen Bibliothek“, die seit 1888 erschien, machte die moderne Literatur bekannt. August Strindberg, Jean Sibelius und Edvard Munch sind nur einige jener Künstler aus dem Norden, die für längere Zeit in Berlin lebten. Im Dezember 1894 reiste Axel Gallén aus Finnland ab. Er ließ seine junge Ehefrau und seine dreijährige Tochter auf der Baustelle seines „Wildnisateliers“ bei Ruovesi (Mittelfinnland) zurück, in der Hoffnung, in Berlin den internationalen Durchbruch zu schaffen.

Höhepunkt seiner Berliner Zeit war eine gemeinsame Ausstellung mit Edvard Munch in der Galerie Ugo Barrocci, Unter den Linden 16. Gallén und Munch kannten sich bereits aus den in Paris verbrachten Jahren. Aus persönlichen familiären Gründen verließ Gallén im März 1895 wieder Berlin und zog zurück in die Einsamkeit seines Ateliers bei Ruovesi. Sein Œuvre weist exemplarisch das Spannungsfeld zwischen Internationalisierung und nationaler Identitätssuche der finnischen Kunst um 1900 auf. Gallen-Kallelas Vision einer nordischen Kunstrenaissance schloss auch die Beschäftigung mit Gegenständen der angewandten Kunst ein. Entwürfe für Möbel und Textilien, die Gestaltung seines Wildnisateliers in Ruovesi sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Als Maler von Monumentalgemälden trat er auf der Weltausstellung Paris 1900 hervor.

Eine herausragende Stellung der allgemeinen Kunst um 1900 nehmen Architektur und angewandte Kunst ein – Vorläufer des später weltbekannten finnischen Design. Architekten wie Hermann Gesellius (1874 - 1916), Armas Lindgren (1874 - 1929) und Eliel Saarinen (1873 - 1950) wurden als Architektengemeinschaft mit Entwürfen wie dem Pavillon Finnlands auf der Pariser Weltausstellung weit über die nationalen Grenzen berühmt, Louis Sparre (1863 - 1964) gründete die Reformwerkstätten „Iris“ in Porvoo, moderne Textilkunst wurde durch den Verein „Freunde der finnischen Handarbeit“ gefördert. Die Keramik erhielt Impulse durch die Entwürfe des Belgiers Alfred William Finch, der für die Iris-Werkstätten nationale Volkskunst und Modernität verband. Lars Sonck (1870 - 1956) prägte mit seinen Entwürfen für modernen Kirchenbau, wie den Dom in Tampere, öffentliche Gebäude wie die Telefongesellschaft Helsinki und das Krankenhaus in Eira, Helsinki, maßgeblich das moderne Stadtbild. In der Architektur verband sich die traditionelle Bauweise mit den modernen internationalen Strömungen zu einer Symbiose, die sich im Kontext der allgemeinen Stilkunst behaupten konnte.

Liberalisierung der Wirtschaft, wachsender Wohlstand und eine kraftvolle junge Künstlergeneration, die mit erstarkendem Selbstbewusstsein sich zu Sprechern eines unabhängigen Finnlands machte, führten zu einer ungewöhnlichen Blütezeit der finnischen Kunst – ein „Goldenes Zeitalter“, das mit seinem Glanz ein wesentliches Spektrum innerhalb der internationalen Kunst um 1900 darstellt.

Die Autorin ist stellvertretende Direktorin des Bröhan-Museums und Kuratorin der Ausstellung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben