Neues vom Planeten MODE : 100 Näherinnen statt ein König

Der König ist weg und was macht der Rest der Modewelt? Er übt sich in schlichter Bescheidenheit. Es ist natürlich ungerecht, all die Designer, die bis vor drei Tagen ihre Entwürfe in Paris zeigten, als Vasallen von John Galliano zu bezeichnen. Aber der unrühmliche Abgang des britischen Designers als Kreativchef von Dior wird von vielen als Ende einer Ära bezeichnet. 15 Jahre lang herrschte er mit opulenter Geste über das Pariser Modehaus, das zum französischen Nationalheiligtum gehört wie der Louvre, Käse, Baguette und Wein.

Als Galliano 1996 zu Dior kam, begann die Hochzeit der britischen Designer in Paris. Alexander McQueen heuerte bei Givenchy an und Stella McCartney bei Chloé. Ersterer nahm sich im vergangenen Jahr das Leben und die Tochter von Paul McCartney konzentriert sich heute auf ihre eigene Marke. Das tut sie allerdings mit beachtlichem Erfolg, ebenso wie ihre Kolleginnen Phoebe Philo bei Celine und Hannah MacGibbon bei Chloé. Sie bringen eine ganz neue Tonalität in die Mode. Eine mit viel Realitätssinn, die weit entfernt ist vom lauten Kleiderrauschen, das Galliano inszenierte. Die Designerinnen strahlen eine Stilsicherheit aus, die etwas vom Flair der großen Schwester hat, die sagt, was einem steht und der man die Sachen aus dem Kleiderschrank klaut. Denn auch wenn für die Nachfolge bei Dior nur Männer als mögliche Kandidaten gehandelt werden – noch etwas hat sich verändert: Frauen bestimmen immer mehr das Bild der Mode und das hat, Donatella Versace einmal ausgenommen, nicht viel mit Selbstinszenierung zu tun. Und Designerinnen wie Miuccia Prada tun das schon erstaunlich lange. Da kann man es fast als gutes Zeichen nehmen, dass nach der Dior-Schau am vergangenen Freitag statt eines kostümierten Designchefs die 100 „petites mains“, die Näherinnen von Dior, auf den Laufsteg kamen, um den Schlussapplaus entgegenzunehmen.

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