Neues vom Planeten MODE : Aktion Gesunder Laufsteg

Lisa Strunz

Vor ein paar Tagen gab die Zeitschrift Vogue bekannt, keine minderjährigen oder krankhaft dünnen Models mehr zeigen zu wollen. Sie sei immerhin eine der einflussreichsten Stimmen in der Modewelt und sehe sich in der Verantwortung, ein gesundes Körperbewusstsein zu fördern. „Health Initiative“ heißt die Aktion. Sie startet weltweit mit allen 19 Juni-Ausgaben und soll in der Branche endlich für normale Verhältnisse sorgen.

Dass sich die Mode in den letzten Jahren überhaupt in Richtung Size Zero entwickelt hat, liegt inoffiziellen Theorien nach am Schönheitssinn männlicher Designer. Jean Paul Gaultier, Karl Lagerfeld, Marc Jacobs – viele der großen Meister sind schwul und idealisieren daher eine knabenhafte Figur. Was nicht schlimm wäre, wenn es nicht bei manchen Frauen eine buchstäblich verrückte Vorstellung vom perfekten Körper auslösen würde.

Die Zeitschrift „Brigitte“ entschloss sich schon vor zwei Jahren, in Fotostrecken nur noch „normale“ Frauen zu zeigen. Den Namen der Initiative hatte man anfangs groß auf den Titel geschrieben: „Ohne Models“. Das klang ein bisschen so, als würde man endlich auf giftige Zusatzstoffe verzichten. Und es funktionierte: Die Leserinnen konnten sich scheinbar besser mit Fettgewebe und ein paar Falten identifizieren als mit makellosem Aussehen. Die Auflage der Brigitte jedenfalls stieg.

Nun also auch die Vogue. Um ihr Ziel zu erreichen, haben die Chefredakteure der 19 Länder sich auf ein Abkommen geeinigt. Es heißt „Sechs-Punkte-Abkommen“. Das klingt irgendwie nach Politik und daher sehr ernst. Unter anderem steht darin, dass die Vogue nicht wissentlich mit Models arbeite, die an Essstörungen leiden. Bei Castings, Fashion Shows und Werbekampagnen würden fortan die Personalausweise der Mädchen überprüft, um sicherzustellen, dass keines minderjährig ist. Backstage wolle man darauf achten, gesundheitsbewusste Bedingungen zu schaffen. Und Designer werden gebeten, unrealistisch kleine Mustergrößen zu überdenken, denn es begünstige den Einsatz extrem dünner Models.

Im Prinzip sind diese Punkte toll. Es ist sogar rein gar nichts an ihnen auszusetzen. Die Grundaussage des Abkommens allerdings ist furchtbar. Brauchte die Vogue tatsächlich bis zum Jahr 2012, um eigentlich selbstverständliche Regeln aufzustellen? Gesteht sie damit nicht indirekt ein, all diese Regeln bisher missachtet zu haben? Und hat sie das dürre Schönheitsbild nicht selbst beworben und verbreitet?

Marc Jacobs, Chefdesigner von Louis Vuitton, nannte die Vogue-Initiative bei seinem Berlinbesuch letzte Woche auch, nun ja, „lächerlich“. Statt dünne Mädchen vom Laufsteg oder aus Magazinen zu verbannen, solle man Probleme wie Essstörungen eher durch Aufklärung lösen. Um damit an dieser Stelle gleich zu beginnen: Die Vogue ist nicht die „Brigitte“. Sie verkauft keine Kochrezepte und Gartentipps, sondern Illusionen und Träume. Die Wahrheit dürfte daher sein: Es wird sich nichts ändern.

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