Neues vom Planeten MODE : Die guten alten 90er

Neulich habe ich an die 90er Jahre gedacht und bin ins Schwärmen gekommen. Grund dafür war ein Paar Wannabes, das ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Wannabes sind Slipper mit einer wulstigen Naht, schlicht und schön und entworfen vom Briten Patrick Cox. 1998 wurde das millionste Paar verkauft. Ich dachte, ja, so waren die 90er, schlicht und schön – und überlegte,ob es nicht Zeit wäre für ein anständiges Revival. Wenigstens ein Paar Wannabes hätte ich gerne mal wieder, vielleicht etwas modifiziert. Sonst könnte ich ja auch die vom Dachboden tragen. Aber damit käme ich mir vor wie mein eigenes Comeback.

Je länger ich über ein mögliches Großrevival nachdachte, desto größer wurden meine Zweifel: Die 90er sahen lange aus wie die 80er, und zwar wie der hässliche Teil davon. Sieht man sich heute Bilder vom Anfang des Jahrzehnts an, ist man erschüttert. Daher scheint die Dekade viele Menschen zu verwirren. Es ist – traut man diversen Internetforen – eine verwegene Idee, eine 90er-Jahre-Party zu feiern, ohne dazuzuschreiben, dass alle als Kurt Cobain im Karohemd oder als Marusha mit Müllmannweste, Buffalo-Plateaus und grünen Augenbrauen kommen sollen. Viele können sich einfach nicht mehr erinnern, was sie damals getragen haben. Aber zu den Stichworten Grunge und Techno fällt den meisten etwas ein.

Dabei waren die 90er doch schrecklich stilsicher – wenigstens für Eingeweihte. Es reichte, etwas von Helmut Lang zu tragen. Die Schlitze am Ellenbogen der T-Shirts waren ein eindeutiges Erkennungszeichen. Toll war auch das Unverständnis über grob zusammengenähte Pullover aus Wollfilz von Martin Margiela, in denen ein unbeschriftetes Etikett mit zwei Kreuzstichen befestigt war.

Designer sprachen damals zum ersten Mal vom Bruch als wichtigstem Merkmal ihrer Handschrift. Daran hat sich seitdem nichts geändert, jede ordentliche Kollektion braucht einen Bruch. Gemeint war, leise ironisch Elemente verschiedener Herkunft zu kombinieren, damit das Ganze nicht wie aus einem Guss aussah. Überlebt hat das Prinzip auf all den Modeblogs, die Outfits feiern, in denen möglichst unterschiedliche Stile vereint sind. Was daran aufregend war, Turnschuhe zum Anzug zu tragen, ist heute nur schwer nachzuvollziehen. Die Kombo war damals aber ganz weit vorn und trennte die Leute mit Stil von denen, die sich Arschgeweihe tätowieren ließen. Irgendwie scheint es, als habe der Dekonstruktivismus, der von Designern wie Martin Margiela und Helmut Lang in den 90er Jahren an Kleidung ausprobiert wurde, dazu geführt, dass Mode ihre Vorreiterrolle eingebüßt hat. Lang schnitzt heute Kunst aus Baumstämmen, für die er längst nicht die uneingeschränkte Heldenverehrung wie für seine Mode erfährt. Margiela hat seine Firma verkauft und ist gänzlich unsichtbar geworden. Auch von einer Neuauflage der Wannabes ist nichts zu sehen. Patrick Cox backt jetzt kleine Kuchen. Er brauche eine Pause vom Schuhgeschäft. Stattdessen verkauft er in London „Titty Cakes“ – Gebäck in Form von Brüsten.

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