Neues vom Planeten MODE : Grüße aus der Arktis

Kopenhagen wirkt auf den ersten Blick ziemlich vertraut – etwa wie eine auf Hochglanz polierte Version von Hamburg. Gut, die Leute sind etwas lässiger und die Getränkepreise treiben dem Besucher die Tränen in die Augen, aber fremd erscheint die Stadt eigentlich nicht.

Doch das täuscht in mancherlei Hinsicht: Schon am Flughafen wirbt die heimische Pelzindustrie unübersehbar für ihre Produkte – sie seien der wichtigste Exportartikel nach China, heißt es auf riesigen Hochglanzplakaten. Ein Kulturschock! Hierzulande würde die Tierschutzorganisation Peta angesichts so einer Provokation wohl allermindestens eine Sitzblockade vor dem Terminal organisieren. In Kopenhagen jedoch geht man mit diesem Thema gelassen um – die Branche ist ein Wirtschaftsfaktor, so unspektakulär und erfolgreich wie mittelständische Maschinenbauer in Deutschland.

Auf der Fashion Week wird das besonders deutlich. Nicht nur, dass „Kopenhagen Fur“, der Verband der Pelzindustrie, die Eröffnungsmodenschau bestreitet, für die er eigens internationale Modedesigner beauftragt hat, avantgardistische Fellkreationen zu entwerfen. Auch im Publikum sieht man in den folgenden Tagen Pelz in Hülle und Fülle. Und zwar keineswegs nur an Frauen. Und verstörenderweise ist es noch nicht einmal so einfach, auf die männlichen Pelzträger mit politisch korrekter Verachtung herabzuschauen.

Das sind nämlich nicht etwa ewig gestrige Herren gehobenen Alters, die moralisch fragwürdige russische Oligarchen als Stilvorbild gewählt haben, sondern smarte junge Männer von unzweifelhaftem Geschmack. Pelz tragen sie so selbstverständlich wie eine Lederjacke. Und das ganz ohne ironische Distanz. Den Pelz inszenieren sie nicht als ein irgendwie seltsames, aus der Zeit gefallenes Statussymbol. Er ist hier einfach eine Alternative zum gefütterten Parka und wird problemlos mit Jeans und Turnschuhen kombiniert.

Über die Tiere macht man sich hier aber schon Gedanken: „Es sollen mehr Pelze von Arten verwendet werden, die sowieso wegen ihres Fleisches geschlachtet werden“, sagt eine dänische Modeexpertin, „Seehunde zum Beispiel“. Seehunde?! „Ja, auf Grönland werden die gegessen.“ Und spätestens da wird klar, dass Kopenhagen anders ist als Hamburg. Die Stadt ist auch ein Tor zur wilden, weiten Welt der Arktis. Und da geht es archaisch zu.

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