Neues vom Planeten MODE : Rad ab

Romy Uebel sieht schmalwadige Mützchenträger an sich vorbeiziehen

Romy Uebel

Lange Gesichter dürften bei großen Modemarken heutzutage an der Tagesordnung sein: Statt Trends zu kreieren, hinken sie diesen eher als Protokollanten hinterher. Die gierig angepeilte Generation „Myspace“ entzieht sich immer erfolgreicher den konstruierten Marketinggags und etabliert lieber das berühmte „eigene Ding“. Dank ihrer Netzwerke erblühten scheinbar willkürlich gewählte Objekte wie Palästinenser-Tücher über Nacht zum globalen Hype und landeten wenige Wochen später wieder in der Out-Kiste.

Die aktuellste Erscheinung aus der rätselhaften Welt der Kurzzeitwellen ist, wie meist, weder schön noch sonderlich exklusiv. Ihre Vorbilder: Radrennfahrer und Bike-Kuriere. Ihre Auswirkungen: badekappenartige Mützchen mit schmalem Schirm, enganliegende Windjacken und anscheinend alles, was im weitesten Sinne mit Fahrrädern zu tun hat.

In Bloggs und Onlineforen diskutiert man derzeit über die Qualität der Käppis von Campagnolo, einer italienischen Traditionsfirma, die ob der großen Nachfrage derzeit auf leere Lager verweist. Oder man spekuliert darüber, wann wohl endlich die limitierten Trikots und Caps des Kultdesignkollektivs Woodwood erscheinen. Besonders die sogenannten „Fixed Gear-Bikes“ aber sind es, die die Trendopfer beflügeln und dieser Tage für mehrere tausend Euro die Besitzer wechseln. Die schicken Leichträder tauchten vor Jahren erstmals in New York auf. Fahrradkuriere montierten damals alle Teile ab, die gestohlen werden konnten und heizten mit Geschossen ohne Gangschaltung, Leerlauf und Bremsen durch die Häuserschluchten, gestoppt wurde durch Beinarbeit und riskante Schleudermanöver.

Frech grinsend zeigen die Adrenalin-Junkies meckernden Autofahrern auch heute überall in der Welt ihre Hinteransicht und leben nach dem Motto: Wir sind frei, rebellisch und nicht aufzuhalten! Eine Philosophie, wie sie die Modefanatiker gern adaptieren und die die verschwitzten, tätowierten und gestählten Zweirad-Machos nun zum Trend macht. Das Ergebnis des Lifestyle-Transfers allerdings ist äußerst skurril und dürfte die echten Biker amüsieren. Ihre schmalwadigen Fashion-Kopien legen sich mit den bockigen Rädern nämlich gerade reihenweise auf den Asphalt und die knallengen Käppis und Trikots mit bunten Rennstreifen verleihen ihren dünnen Körpern und blassen Gesichtern eher einen peinlichen, statt schneidigen Touch.

Man darf gespannt sein, wie lange sich der reichlich fragwürdige Look hält und ob die großen Labels ihn aufgreifen werden. Und egal wie lächerlich die gestylten Aushilfsradler dieser Tage durch die Clubs und Bars hüpfen, sie könnten sich dann ein weiteres Mal rühmen, das modische Rad neu erfunden zu haben.

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